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09. Januar 2017

Pflegepersonal braucht selbst mehr Pflege

Neun von zehn Alters- und Pflegeheimen haben Mühe, genügend Fachkräfte zu finden. Einelandesweite Kampagne soll nun dazu beitragen, mehr Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern und die Anstellungsbedingungen attraktiver zu gestalten.

Langzeitpflege: ältere Dame mit Betreuerin
In der Langzeitpflege geht es nicht zuletzt darum, die Menschen persönlich zu begleiten. Eine anspruchsvolle Aufgabe.

Die Aussichten sind ­erschreckend: Im Jahr 2025 fehlen in der Schweiz 40 000 Pflegefachleute – 70 Prozent davon in der Langzeitpflege, also in Heimen, in denen alte und kranke Menschen gepflegt und betreut werden. ­Dieses Szenario erwartet der Bund, falls es nicht gelingt, in den nächsten Jahren mehr Menschen für den Beruf der Langzeitpflege zu begeistern und die Ausgebil­deten zum Bleiben zu bewegen.

Nächste Woche setzen sich ­deshalb Vertreter des Bundes und der Branche ein erstes Mal ­zusammen, um eine Offensive ­gegen den ­Personalmangel zu er­arbeiten. Das Ziel der Kampagne, die 2018 lanciert werden soll: mehr ­Menschen für die Ausbildung in der Langzeitpflege motivieren, Karrieremöglichkeiten­aufzeigen, Vorurteile abbauenund den Wie­dereinstieg in denBeruf ­finanziell unterstützen.

Bereits seit ein paar Jahren zeichnet sich in der Erstausbildung zum Fach­angestellten Gesundheit (FaGe) eine Zunahme ab, doch das genügt nicht. Insbesondere die Weiterbildung an einer höheren Fachschule streben nur sehr wenige FaGe an. Weitere Fachkräfte ­gehen verloren, weil sich der Beruf heute nicht sehr familienfreundlich gestaltet.

Mit am Tisch sitzen wird auch Monika Weder, die beim Heim­dach­verband Curaviva für die Ausbildung zuständig ist (siehe ­Interview rechts). Sie setzt grosse Hoffnungen in die geplante Offen­sive: «Wenn wir diese Chance packen, ist längerfristig eine Verbesserung der Personalsituation möglich», sagt sie.

«Die Löhne sind nicht das wichtigste Kriterium, obwohl sie nicht die höchsten sind»

Monika Weder (50) ist Mitglied der Geschäftsleitung von Curaviva, dem Verband der Heime und Institutionen Schweiz. Sie ist verantwortlich für die Ausbildung.
Monika Weder (50) ist Mitglied der Geschäftsleitung von Curaviva, dem Verband der Heime und Institutionen Schweiz. Sie ist verantwortlich für die Ausbildung.

Monika Weder, über 90 Prozent der Schweizer Alters- und Pflegeheime finden nicht genügend Personal. Wie kommt das?

Einerseits wächst die Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen, denn die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt ins Pflegealter. Und genau diese Jahrgänge gehen auch bald in Pension – sie fehlen unter anderem in den Pflegeberufen. Besonders gross ist der Mangel an Pflegefachfrauen und -männern mit dem Diplom einer Fachhochschule oder einer höheren Fachschule.

Warum will niemand mehr alte und kranke Menschen pflegen?

So schlimm ist es auch wieder nicht: Laut einer Studie der Uni Basel sind 88 Prozent der Langzeitpflegenden zufrieden in ihrem Job. Aber die Ansprüche an das Personal sind gestiegen. Dank Spitex und ähnlichen Angeboten wie Betreutes Wohnen können mehr Pflegebedürftige zu Hause leben. In den Heimen landen zunehmend die pflegeintensiven Fälle. Das bietet verantwortungsvollere Aufgaben, verlangt aber auch eine bessere Ausbildung. Und das Image der Langzeitpflege ist überholt.

Das Image, dass alte und kranke Menschen gewaschen, gewendet und gefüttert werden müssen?

So ist das noch in den Köpfen. Aber es geht auch darum, diese Menschen persönlich zu begleiten. Gerade Demenzkranken kann man so ein besseres Leben ermöglichen.

Dennoch strebt von den jungen Fachangestellten Gesundheit (FaGe) kaum jemand eine Karriere in der Langzeitpflege an.

Viele wandern nach der FaGe-Aus­bildung ab – in eine Weiterbildung und auch in Spitäler oder in die Spitex. Zudem steigen zahlreiche Frauen zwischen 26 und 32 aus dem Berufsleben aus, um eine Familie zu gründen. Und Frauen stellen 92 Prozent des Personals. Ein Ziel ist deshalb auch, mehr Männer für diesen Beruf zu begeistern. Diejenigen, die bereits im Einsatz sind, bekommen teilweise wunderbares Feedback.

Welches sind die Herausforderungen in der Langzeitpflege?

Es ist eine körperliche Arbeit, man ist viele Stunden auf den Beinen. Auch die psychische Belastung ist nicht zu unterschätzen. Einigen macht zu schaffen, dass sie zu wenig Zeit haben, um sich um Pflegepatienten zu kümmern. Und Menschen an ihrem Lebensende zu begleiten, ist nicht jedermanns Sache. Hinzu kommen unregelmässige Arbeitszeiten, die manchmal Job und Familienleben schwer vereinbar machen. Die Löhne hingegen sind nicht das wichtigste Kriterium, obwohl sie nicht zu den höchsten gehören.

Wie können wieder mehr Berufsleute in die Langzeitpflege geholt und dort gehalten werden?

Wir müssen die Arbeitsbedingungen noch attraktiver machen. Das heisst, Einsatzpläne familienfreundlich gestalten, Kinderkrippen einrichten,mehr Zeit für die Betreuung und für personalinterne Gespräche schaffen. Und wir müssen in die Gesundheit und Entwicklung des Personals investieren, damit es sich wohlfühlt.

Wie weit bietet die Digitalisierung eine Entlastung?

Wenn es um physische Lasten oder um Datenverarbeitung geht, ergeben Roboter und Computer Sinn. Aber bei der persönlichen Betreuung ist ihr Einsatz ethisch nicht vertretbar.

Der Bund warnt davor, dass in Zukunft weniger Pflegende aus dem Ausland rekrutiert werden können.

Wir wissen noch nicht, wie sich die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative auswirken wird. Von den diplomierten Pflegenden kommt etwa ein Drittel aus dem angrenzenden Ausland. Dort fehlen sie aber mittlerweile auch. Deutschland etwa hat eine eigene Offensive zur Rekrutierung von Fachleuten gestartet.

Monika Weder (50) ist Mitglied der Geschäftsleitung von Curaviva, dem Verband der Heime und Institutionen Schweiz. Sie ist verantwortlich für die Ausbildung.

Autor: Yvette Hettinger