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22. Dezember 2014

Pfarrer Sieber: «Kämpft weiter, ich habs heiter»

Er setzt sich unermüdlich für eine sozialere Welt ein. Dem Migros-Magazin verrät Ernst Sieber seinen Trick im Umgang mit sturen Politikern, warum er jeweils mit einem Grautier an Demos aufkreuzte – und wer der fünfte Esel im Pfarrgarten war.

Pfarrer Sieber und seine Sonja
Meine Liebste: «Seit 56 Jahren bin ich mit Sonja verheiratet. Sie ist eine hervorragende Sängerin, hat ihre Karriere aber für mich und unsere acht Kinder (vier eigene) geopfert. Ohne ‹d Sune› wäre mein Leben nicht möglich gewesen.»
Ernst Sieber
Ernst Sieber (87)

NAME
Ernst Sieber (87)

STERNZEICHEN
Fische

WOHNORT
Uitikon-Waldegg

Wieso leben Sie hier?

Nach der Pensionierung mussten wir das Pfarrhaus in Altstetten verlassen und suchten eine bezahlbare Bleibe.

Wo würden Sie gern leben?

Beim Ybrig. Dort vereint sich Fels, Wasser und Acker. Da fühle ich mich geerdet. Ich hatte die Kanzel gebraucht, aber ich wollte beim Predigen nie den Boden unter den Füssen verlieren.

Beruf und Lebenslauf:

Ich bin 1927 in Horgen geboren, absolvierte eine landwirtschaftliche Lehre und wurde Knecht. Und das obwohl mein Lehrer meinte, ich hätte das Zeug zum Schauspieler, Clown oder Maler. Mit 23 Jahren errang ich die Matur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte anschliessend Theologie. Das Predigen hatte ich schon vorher bei den Kühen im Stall geübt. Meine erste Stelle als Pfarrer trat ich in Uitikon-Waldegg an, später wechselte ich nach Zürich­Altstetten. Besonders viel zu tun hatte ich Ende der 80er-Jahre rund um den Platzspitz. Damals erhielt ich die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich. 1988 gründete ich die Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber. Sie umfasst heute zahlreiche Betriebe und beschäftigt rund 170 Mitarbeiter.

Meine Brüder und Schwestern
Meine Brüder und Schwestern

Meine Brüder und Schwestern: «Die Behörden sprechen immer von Randständigen. Das bringt mich in Rage. Die Menschen, die Zuflucht im Pfuusbus suchen, sind unsere Brüder und Schwestern.»

Meine Politik: Von 1991 bis 1995 war ich für die EVP im Nationalrat. Ich habe mich dort vor allem fürs «Bundesdörfli» starkgemacht, eine Selbsthilfeorganisation für meine Brüder und Schwestern in Not. Meine Motion wurde zwar angenommen, aber das Dörfli bisher leider nicht verwirklicht.

Meine Devise: Wir müssen Menschen in Not zeigen, dass wir an sie glauben. Meine Brüder und Schwestern brauchen nicht einfach Geld, sondern einen Platz in der Gesellschaft.

Mein Ziel: Ich bleibe ein Knecht. Damit bin ich immer gut gefahren.

Mein Lebensmotto: Der Mensch als Mittelpunkt. Und nicht: Der Mensch als Mittel, Punkt. Jesus Christus bleibt für mich das Zentrum.

Meine Vision: Offenbarung 21: «Und ich sah eine neue Stadt.» Eine soziale Stadt, in der jeder Mensch gleich viel wert ist – und in welcher der Neoliberalismus überwunden ist.

Mein schlimmster Moment: Zurzeit geschehen entsetzliche Dinge. Die Welt brennt lichterloh: In Syrien, in der Ukraine – und dann der Klimawandel. Es geht um Sein oder Nichtsein.

Meine Stärke: Ich erkenne die Menschen – auch wenn es dunkel ist.

Mein Abgang: Auf meinem Grabstein wird dereinst stehen: «Kämpft weiter, ich habs heiter.»

Was ich mag: Die schönsten Stunden verbringe ich mit der Malerei. Sie packt mich bei der Seele. Auch muss ich beim Malen nicht reden. Ich lebe in zwei Welten – in der Welt des Wortes und des Schweigens.

Was ich nicht mag: Wenn jemand Schlechtes über meine Frau oder meine Mutter sagt.

Mein bester Entscheid: Ich bin zwar auch Maler, Sänger und Schauspieler, aber meine wahre Berufung zum Pfarrer fand ich als Bauernknecht auf dem Hirzel.

Mein Nachfolger: Es muss kein zweiter Pfarrer Sieber sein, sondern einfach ein Jünger Jesu. Zurzeit liegt die Führung der Stiftung in fähigsten Händen.

Mein Trick: «Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben» – mit dieser Taktik konnte ich manch sturen Politiker auf meine Linie bringen.

Mein Buch: «Diese Bibel habe ich als Sekschüler bei der Papiersammlung gefunden. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und war mir immer ein guter Wegweiser.»

Meine Statuen in Horgen: «Das Schöne an Skulpturen ist, dass die Form schon im Material steckt. Du musst nur am richtigen Ort was wegnehmen. Es gibt dir das Gefühl, der Herrgott mache etwas mit dir.»

Meine Statuen in Horgen
Meine Statuen in Horgen

Autor: Andrea Freiermuth