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31. März 2014

Die Pfadi sucht Lagerplätze und Geld

Der oberste Schweizer Pfadfinder Thomas Gehrig über fehlende Lagerplätze, schwere Unfälle und den gesellschaftlichen Nutzen der Jugendorganisation.

Pfadfinder gucken aus dem Zelt
Thomas Gehrig ist (52) oberster Pfader der Schweiz und arbeitet wie alle Mitglieder im Ehrenamt.

Thomas Gehrig, die Schweizer Haushalte haben kürzlich Post von der Pfadi erhalten. Einen Hilferuf. Was ist das Problem?

Wir wollen die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass es uns noch gibt und dass wir Platz in der Natur brauchen. Wir haben zunehmend Schwierigkeiten, Lagerplätze zu finden.

Nimmt man den Flyer beim Wort, ist daran die Zersiedlung schuld. Wird die Pfadi jetzt politisch und bläst ins gleiche Horn wie die Ecopop-Initiative?

Nein, die Pfadi steht für Integra­tion und nicht für Ausgrenzung. Bei uns haben alle Nationalitäten, Religionen und Ethnien Platz. Aber auf Beton können wir unsere Zelte nicht aufstellen. Und dort, wo mit dem Boden spekuliert wird, können wir nicht mithalten.

Die Pfadi hat in den letzten 20 Jahren 30 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Braucht sie überhaupt noch so viel Platz?

Den Mitgliederschwund gab es tatsächlich. Seit etwa fünf Jahren sind die Zahlen mit rund 42 000 Mitgliedern aber stabil. Zudem sind wir mit unserer aktuellen Kam­pagne gut unterwegs.

Derzeit werben Sie im Kino und Internet mit einem Spot. Warum hat die Pfadi solche Aktionen nötig?

Es gibt zwei Gründe: ­einerseits die zunehmen­de Konkurrenz. Sportvereine rekrutieren ihre Mitglieder sehr früh. Heute spielen bereits Fünfjährige Fussball. Anderseits hat die ­Verbindlichkeit abgenommen. Einmal Pfadi heisst nicht mehr zwingend immer Pfadi.

Ist das Problem der Pfadi nicht auch, dass sie mit ihren Uniformen und Traditionen etwas verstaubt wirkt?

Wenn man in einem Sportklub ist, kleidet man sich auch uniform. Uniformen, welcher Art auch immer, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl. Selbst der ganze Hype um Markenartikel geht in diese Richtung. Zudem trägt man in der Pfadi inzwischen nicht nur Hemd und Krawatte, sondern auch T-Shirts und Pullover.

2008 gab es bei der Pfadi einen töd­lichen Unfall mit einem Böller. 2012 verletzten sich zwei Buben mit Brennsprit. Kein Wunder schicken die Eltern ihre Kinder lieber in den Sportklub.

In unserer Ausbildung ist Sicherheit ein grosses Thema. Wir schulen die Risikokompetenz und machen auf Gefahren aufmerksam. Fakt ist: Wenn Kinder unterwegs sind, kann immer etwas passieren – auch auf dem Schulweg.

Aber es gibt Eltern, denen die Pfadi zu gefährlich ist.

Klar. Kinder, die mit dem Auto zur Schule gefahren werden, dürfen die Pfadi wahrscheinlich nicht be­suchen. Dem Trend zu immer mehr Überwachung wirken wir entgegen, indem wir die Kinder so weit von der Leine lassen, wie wir es verantworten können.

Warum braucht es die Pfadibewegung überhaupt?

Die Pfadi bietet Kindern und ­Jugendlichen echte Abenteuer und Erlebnisse. Auch sind wir überzeugt vom gesellschaftlichen Nutzen unserer Organisation: Wer als Kind oder Jugendlicher Verantwortung für Schwächere übernimmt und sich engagiert, wird dies auch als Erwachsener tun.

Sie heissen in der Pfadi Wiff. Was bedeutet der Name?

Er ist vom französischen «vif» abgeleitet. Also agil, schnell, wendig. Das war ich offenbar als Bub. ­Heute ist davon körperlich nicht mehr viel übrig, aber geistig werde ich dem Namen noch gerecht.

Autor: Andrea Freiermuth