Archiv
10. November 2014

Petra Wüst über Frauen und Karriere

Für Frauencoach und Ratgeberautorin Petra Wüst müssen Frauen ihre Weiblichkeit nicht aufgeben, um sich durchzusetzen. Sie verrät ihre besten Tipps im Video.

Petra Wüst, was ist der Unterschied zwischen Ihrem Ratgeber «Sei frech, wild und wunderbar» und dem Klassiker «Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin»?

Die Message der meisten Klassiker ist: Macht es so wie die Männer, dann seid auch ihr erfolgreich. Ich vergleiche nicht mit Männern. Mein Buch zeigt Frauen, wie sie sich durchsetzen können, ohne ihre Weiblichkeit zu verlieren. Die Themen sind aber dieselben, das stimmt. Wobei mein Buch sich nicht nur auf die Arbeitswelt bezieht, sondern auch den privaten Bereich berücksichtigt.

Aber es ist doch schrecklich: Der Klassiker von Ute Ehrhardt ist 20 Jahre alt! Hat sich seit damals nichts verändert?

Erschreckend wenig. Die traditionellen Rollenbilder sind nach wie vor sehr stark. Das sehe ich auch in der Beratung.

Welches sind die Dauerbrenner in Ihren Coachings?

Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen und wie man selbstbewusst und authentisch auftritt.

Was raten Sie Ihren Kundinnen?

Dass sie herausfinden sollen, was sie wollen. Was sind ihre Wünsche? Ihre Träume? Welches Leben möchten sie führen? Und wenn sie sich ein Ziel gesetzt haben, brauchen sie den Mut, dieses in Angriff zu nehmen. Frauen sollten mutiger sein und mehr an sich glauben.

Petra Wüst geht zielstrebig und selbstsicher durchs Leben: Schon als 16-Jährige wusste sie, dass sie dereinst ihr eigener Chef sein möchte.
Petra Wüst geht zielstrebig und selbstsicher durchs Leben: Schon als 16-Jährige wusste sie, dass sie dereinst ihr eigener Chef sein möchte.

Welche Mechanismen sabotieren das weibliche Selbstvertrauen?

Glaubenssätze. Durch die Erziehung oder die Gesellschaft vermittelte Sprüche wie zum Beispiel «Mädchen sind schlecht in Mathematik». In der Psychologie nennt man das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Mit dem Glauben kann man bekanntlich Berge versetzen – oder sich selber eine Grube graben.

Wie stärkt man den Glauben an sich selbst?

Man sollte immer wieder mal etwas wagen. Das können auch ganz kleine Schritte sein, die Ihnen zeigen: «Hey, ich kann das.» Oder machen Sie sich eine Liste von Erfolgen aus der Vergangenheit. Sie werden staunen, wie viel da zusammenkommt. Durch das Aufschreiben gewinnen die Erfolgserlebnisse an Gewicht, während die Misserfolge in den Hintergrund treten. Frauen sind oft einfach zu hart mit sich und halten sich ständig ihre Misserfolge vor Augen, statt sich über ihre Leistungen zu freuen. Das schwächt das Selbstvertrauen.

Sie selbst gehen sehr zielstrebig und selbstsicher durchs Leben. Sie wussten bereits als 16-Jährige, dass Sie selbständig werden möchten, und haben sich diesen Traum mit 36 verwirklicht. Was lief bei Ihnen anders?

Auch ich habe Ängste. Die Selbständigkeit zum Beispiel war ein riskanter Schritt. Aber wenn mir etwas Freude macht, kann ich mich trotz meiner Bedenken zum Handeln motivieren.

Sie haben sich bewusst gegen Kinder entschieden.

Diesbezüglich hat sich in der Gesellschaft viel verändert. Früher haben die Leute den Kopf geschüttelt und mich nicht ernst genommen, wenn ich sagte, ich will keine Kinder. Eine junge Mutter sagte mir sogar einmal, dass man ohne Kinder keine richtige Frau sei. Heute schaut man Frauen schräg an, die Vollzeitmütter sein wollen.

Aber Frauen müssen sich noch immer zwischen Kindern und Karriere entscheiden.

Frauen mit Kindern arbeiten in der Schweiz meist Teilzeit. Das ist eine schlechte Ausgangslage für eine Karriere. Leider gilt in vielen Firmen die Maxime, dass eine Führungsfunktion ein Vollzeitpensum erfordert. Und solange grösstenteils Männer entscheiden, wird sich da nichts ändern. Darum befürworte ich Quoten, damit das Management endlich weiblicher denkt.

Wie müssen Frauen verhandeln, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen?

Sie müssen auf Augenhöhe kommunizieren. Klar sagen, was sie wollen, und wenn nötig Grenzen setzen.

Mir wurde schon vorgeworfen, ich sei zu nett. Dabei zücke ich bei Konflikten mit Kollegen oder Vorgesetzten einfach nicht das Brecheisen, sondern überlege mir lieber, wie ich mich verhalten muss, damit die Zusammenarbeit funktioniert.

Ist Ihre Strategie erfolgreich?

«Frauen fürchten oft, sie wirkten arrogant, wenn sie über ihre Erfolge sprechen.»
«Frauen fürchten oft, sie wirkten arrogant, wenn sie über ihre Erfolge sprechen.»

Ich habe das Gefühl, dass meine Taktik aufgeht. Allerdings passt mir das Signal nicht, das ich scheinbar damit sende.

Das ist die Krux. In einem männlichen Umfeld zeigen Sie mit Ihrem Verhalten Schwäche. Verhalten Sie sich aber wie ein Mann, sind Sie nicht mehr sich selbst – und gelten zudem schnell als Zicke. Auch darum wäre es wirklich wichtig, dass es mehr Frauen in Führungspositionen gäbe. Nur so wird sich die Kommunikation ändern. Heute sagen sich noch zu viele Frauen: «Das ist mir zu dumm, da mache ich nicht mit» – und verzichten auf den nächsten Karriereschritt.

Dabei heisst es immer, Softskills wie etwa soziale Kompetenz würden in der Arbeitswelt zunehmend wichtiger.

Lassen Sie sich nicht beirren. Wenn Sie finden, Sie seien auf dem richtigen Weg, dann verfolgen Sie ihn weiter. Aber vergessen Sie nicht, die Erfolge, die Sie mit Ihrem Verhalten erzielen, auch zu kommunizieren.

Ich soll damit angeben?

Das werde ich in meinen Trainings oft gefragt. Frauen fürchten häufig, sie wirkten arrogant, wenn sie über ihre Erfolge sprechen. Dabei ist Selbstmarketing in der heutigen Arbeitswelt enorm wichtig.

Durch Ihr Buch führen vier Frauen, an deren Beispielen Sie weibliche Ängste und Verhaltensmuster erklären. Die vier hinterfragen ihre Handlungen und ihre Kommunikation so oft, dass es beinahe weh tut.

Die Geschichte der vier Freundinnen ist natürlich konstruiert, die Beispiele hingegen sind real. Sie stammen von Kundinnen, Freundinnen und auch von mir selbst. Die Frau, die mehrmals mehrere Wochen zum Garten ihrer Nachbarn schauen sollte und sich nicht getraute, Nein zu sagen, gibt es wirklich. Und auch die 80 Prozent arbeitende Frau, die von ihrem Mann mit der ganzen Hausarbeit allein gelassen wurde, existiert.

Hintersinnen sich Frauen tatsächlich so viel?

Viele Frauen haben Angst, anzuecken oder nicht mehr gemocht zu werden. Deshalb geben sie lieber nach und passen sich an, statt sich durchzusetzen.

Gemäss einer von Ihnen zitierten Studie haben neun von zehn Frauen täglich Schuldgefühle. Warum ist dem so?

Schuldig fühlen kann man sich nur, wenn man mitfühlt. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass Männer kein Mitgefühl haben. Aber Frauen werden zu Mitgefühl erzogen. Je mehr Verantwortung ich jedoch für das Wohlbefinden von anderen übernehme, desto schuldiger fühle ich mich, wenn ich etwas tue, das andere beeinträchtigen könnte.

Es wäre halt doch besser, wie ein Mann zu denken.

Warum müssen wir uns ständig an Männern messen? Warum messen wir uns nicht an uns selbst? Seien Sie doch einfach sich selbst. Wenn Sie mitfühlend sind, seien Sie das weiterhin. Reflektieren Sie Ihr Verhalten. Ändern Sie es, wenn Sie es als Nachteil erleben. Aber denken Sie daran: Wenn wir sie richtig einsetzen, ist Empathie eine wunderbare Stärke.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Basile Bornand