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29. Dezember 2014

Peter und der King

Sie habe gut begonnen, diese letzte Woche des Jahres, die ja gar keine mehr ist, sondern nur noch eine angefranste Woche – nein, das kann man nicht behaupten. Es ist kein guter Auftakt und schon gar keine gute Aussicht: Peter Bichsel hat seine letzte Kolumne geschrieben. In der «Schweizer Illustrierten», beileibe nicht meinem Leibblatt. Aber diese eine Seite, die Seite mit Bichsels monatlicher Kolumne, die hat mir eine ältere Frau vom Bucheggberg stets sorgsam herausgerissen und zugeschickt, meist mit Notizen versehen. Vor vier Wochen, als Bichsel ankündigte, die nächste Geschichte würde seine letzte sein, schrieb sie an den unteren Seitenrand: «Das darf nicht wahr sein!»

Tribut an den King
Tribut an den King.

«Er formte Erinnerung zu Geschichten.»

Leider durfte es, und sollte es Sie befremden, dass ich mich um den Kolumnisten einer anderen Zeitschrift sorge – Bichsel ist nicht irgendeiner. Peter Bichsel ist ein Vorbild. Eine Leitfigur. Einer, zu dem alle, die sich an dem Genre versuchen, nur in Demut aufschauen können. Er schrieb nicht irgendwelche Kolumnen, sondern die klügsten und feinsten, die das Land je hatte. In leichten Worten prägte er Sentenzen, die man sich merken wollte, äusserte er Gedanken, auf die man unendlich stolz gewesen wäre, wäre man selber drauf gekommen. Und diese Klarheit! «Ich habe meinen Freund im Spital besucht, es ging ihm sehr schlecht, es war schlimm für mich – jetzt geht es ihm besser, mir auch.» Wie sehr viel komplizierter hätte man diese Geschichte erzählen können! Aber Bichsel machte sich stets die Mühe, zur einfachen Sprache zu finden, und nichts ist schwieriger als das. «Isch aber ou geng e Souchrampf!», erwiderte er, als ich ihm – wir trafen uns an einem Fussballspiel in Solothurn – mal sagte, wie sehr mir seine Kolumnen gefielen.

Das Ende war zu erahnen, denn seit ein, zwei Jahren waren Bichsels Texte beängstigend abschliessend, von Weisheit durchweht und Wehmut. Und ausgerechnet er, der stets betonte, die Wahrheit sei unerzählbar, kam darin dem Leben so nah, den kleinen Dingen, den unscheinbaren Regungen, dem Menschlichen, Menschelnden. Seit er 1964 mit «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» erstmals als Schriftststeller auf sich aufmerksam machte, formte er seine Erlebnisse zu lebensechten Geschichten, und in letzter Zeit waren es zunehmend die Erinnerungen, die er formte. Zu Sätzen wie: «Brigitte habe ich nie mehr gesehen, das letzte Mal wohl vor fünfundfünfzig Jahren, wir waren fünfzehn und gingen ins gleiche Schulhaus zur Schule.»

Er formte Erinnerung zu Geschichten.

Sie! Ich habe ihn kürzlich wieder getroffen. Da hatte er seine letzte Kolumne noch nicht geschrieben. Aber er zupfte, als ich danach fragte, zwei Kärtchen aus seinem Ledergilet, auf die er in grosszügiger Schrift Notizen gemacht hatte, und wie er es tat, hatte etwas Schelmisches, beinahe Bübisches. Er warf einen Blick auf die Kärtchen und raunte: «Gseht guet us.» Er freue sich, dass er jetzt dann pensioniert sei, sagte Peter. Und weil er dabei munter wirkte und fast ein wenig erleichtert, will ich es ihm gönnen. Schliesslich wird er in einigen Wochen achtzig. Achtzigjährig! So alt wäre Elvis am 8. Januar geworden. Aber das ist ein blöder Gedanke, der auch nur mir kommen kann.

Seis drum, ich werde es mir an dem Tag gemütlich machen, Elvis’ Aufnahmen aus dem Sun-Studio von 1954 auflegen und ein Buch von Peter Bichsel zur Hand nehmen. «Dezembergeschichten», zum Beispiel. Und ich werde beiden dankbar sein.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli