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03. Februar 2014

«Mehr ältere Menschen führen zu einer friedlicheren Welt»

In seinem neuen Buch wehrt sich Soziologe Peter Gross gegen demografische Horrorszenarien und die Dämonisierung des Alters. Ältere Menschen würden der Gesellschaft gut tun.

Der Soziologe und Altersforscher Peter Gross in seiner Bibliothek in St. Gallen.
Der Soziologe und Altersforscher Peter Gross in seiner Bibliothek in St. Gallen.

Peter Gross, alle wollen lange leben, sich aber dabei möglichst nicht alt fühlen, geschweige denn so aussehen. Wie ist dieser unlösbare Zielkonflikt entstanden?

Aus einer gesellschaftlichen Einschätzung des Alterns heraus, die der Realität wenig entspricht. Diese Einschätzung sieht im Altsein ein zivilisatorisches Strafgericht und übersieht, dass erstmals in der Weltgeschichte das Menschenleben ganz werden kann. Denn zum Werden und zum Aufstieg gehören auch der Abstieg und das Vergehen. Bis ins 18. und 19. Jahrhundert hatten fast alle eine Lebenserwartung von vielleicht 40 Jahren und wurden aus der Mitte des Lebens durch Krieg, Pest oder Cholera in den Tod gerissen. In weiten Teilen Afrikas ist es heute noch so.

Und weil wir diesen Fortschritt nicht zu schätzen wissen, wollen wir uns nicht so alt fühlen, wie wir eigentlich sind?

So ist es. Man verkennt die Vorteile des Abstiegs, etwa, dass es dem Einzelnen erstmals möglich ist, sein Leben in einer zusätzlich gewährten Nachzeit zu verarbeiten und zu bilanzieren.

Das könnte man aber auch, wenn man ohne Runzeln und energiegeladen alt würde, was sich viele Alternde zu wünschen scheinen.

Ein vergeblicher Wunsch. Die Frage ist doch, ob es einen Sinn für das Gebrechlich- und Schwächerwerden gibt. In meinem neuen Buch vermute ich, dass diese Sinnfindung uns vor allem deshalb so schwerfällt, weil die moderne Gesellschaft eine gewaltige Kraftmaschine ist, in der alles, was langsam ist und Ruhe will, keinen Platz findet.

Hat es nicht auch mit einem gewissen Jugendwahn zu tun? Der Idee, dass es cool ist, sich mit 50 so zu kleiden wie trendige Teenager und bis vier Uhr morgens auszugehen?

Sicher gibt es Menschen, die ihr Alter negieren – zum Beispiel Rentner, die alle Gepflogenheiten des Erwachsenenlebens bruchlos in die Nacherwerbszeit hinüberretten wollen und noch immer extrembergsteigen. Gesünder wäre wohl zu sagen: Nein danke, dafür bin ich zu alt, alles hat seine Zeit! Das Alter ist eine Zeit der Ruhe und Besinnlichkeit. Ich sehe in meinem Umfeld wenig Neigung, bis vier Uhr morgens abzutanzen.

Vermutlich ist es den Rentnern – zumindest im Westen – noch nie in der Geschichte der Menschheit so gut gegangen wie heute. Da könnte man sich doch eigentlich aufs Alter freuen. Scheint aber kaum jemand zu tun.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die immaterielle Vorsorge, die Frage nach dem Sinn im Alter, übertönt wird von der Diskussion um die materielle Sicherung der Renten – mit krassen Vereinfachungen. Es ist ja nicht so, dass die Jungen die Rentner finanzieren, es sind die Erwerbstätigen, welche die Jungen und die Alten alimentieren. Wenn es weniger Junge aber dafür mehr Alte hat, macht das finanziell keinen grossen Unterschied, solange es genügend Erwerbstätige gibt. Zudem zahlen die Rentner ja Einkommens- und Vermögenssteuern, und zwar nicht wenig. Heutzutage erben die Betagten von den Hochbetagten, die Alten werden also tendenziell immer reicher, was nicht unproblematisch ist.

Weniger Junge sind also gar kein Problem?

Richtig. Auf lange Sicht bedeutet es nämlich, dass wir dadurch künftig auch weniger Alte haben werden und sich so ein neues Gleichgewicht einpendeln kann. Ökonomisch gesehen, ist der Rückgang der Geburtenrate ein Glücksfall. Die Kosten allein für Familienförderung sind enorm. Zwar tun sich viele schwer damit, dass unsere Gesellschaft weniger Kinder hat, aber die Jugendlichen selbst können froh darüber sein: Sie erhalten mehr Zuneigung, mehr Aufmerksamkeit, mehr finanzielle Mittel. Man sorgt sich mehr um sie. Eine ältere Dame im Altersheim sagte mir kürzlich, die Sorgen mit ihren Kindern würden erst aufhören, wenn diese auch im Altersheim seien.

Die Demografiedebatte ist ja eh absurd: Wenn man mit mehr Geburten oder Einwanderung genügend Junge herbeischafft, um die vielen heutigen Alten auszugleichen, schafft man damit ja nur noch mehr künftige Alte, und das Problem fängt von vorne an.

So ist es. Das mangelnde numerische Wachstum an Menschen lässt sich zudem mit dem qualitativen Wachstum an Lebensjahren kompensieren. Diese Erhöhung der Lebenszeit ist die grösste zivilisatorische Errungenschaft der letzten Jahrhunderte. Und die Menschen werden auch immer gesünder älter.

Dennoch wird auf die geringeren Geburtenraten reagiert: mit mehr Zuwanderung, die jedoch zunehmend Unbehagen auslöst.

Lösen liesse sich das mit einer verstärkten «inneren Zuwanderung». Viele Erwerbstätige würden gerne über das heutige Pensionsalter hinaus arbeiten, man müsste es ihnen nur ermöglichen. So hätten wir genügend Ressourcen im Land, um das auszugleichen, was fehlt. Es ist doch absurd, dass in unserer modernen Gesellschaft fast alles der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen überlassen ist, aber nicht, wie lange und wo gearbeitet werden kann.

Was müssen wir noch angehen, damit wir als Gesellschaft mit vielen Alten und viel weniger Jungen gut funktionieren?

Unternehmen und Geschäfte sollten einen Demografiecheck machen. Die Kunden werden tendenziell immer älter, dem sollte das Alter der Angestellten angepasst werden. Passiert das nicht, haben auch Supermärkte wie die Migros ein Problem. Denn Junge können sich schwer in die Bedürfnisse von alten Leuten einfühlen. Laschen bei der Milch etwa oder eingeschweisste Würste – für alternde Hände eine Beleidigung. Ablauftermine von Lebensmitteln sind so klein gedruckt, dass man keine Chance hat, sie zu lesen. Und warum gibt es eine Schnellkasse, aber keine Langsamkasse? Ältere Leute brauchen mehr Zeit, bis sie an der Kasse bezahlt haben. Dahinter regen sich die Leute auf, dass es nicht vorwärtsgeht. Wieso nimmt man solche Defizite nicht wahr? Weil es zu wenig ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt. Dasselbe Problem findet sich überall. In den Banken müssen sich betagte Kunden von milchgesichtigen Vermögensverwaltern sagen lassen, diese oder jene Anlage sei super bei einem längeren Anlagehorizont. Im Fitnesscenter kommt man sich als Rentner völlig fehl am Platz vor, weil die Trainer alles muskelbepackte Mister-Schweiz-Kandidaten sind.

Sie wollen also Altersquoten für alle kundenorientierten Geschäfte?

Nein. Aber sie sollten ihre Belegschaften den älter werdenden Kunden angleichen, damit sie ihnen auf Augenhöhe begegnen können. Das jedoch passiert viel zu wenig, weil die Firmen keinen Sinn darin sehen, in Mitarbeiter zu investieren, die zwangspensioniert werden. Würde man die Arbeitswelt entsprechend umbauen, gäbe es auch reichlich Jobs für all jene, die über das Pensionsalter hinaus arbeiten möchten – und es bräuchte gar nicht mehr Junge, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Aber ist ein solcher Umbau politisch überhaupt machbar?

Möglicherweise bräuchte es dafür auch mehr Alte in den Parlamenten, 70- und 80-Jährige sucht man dort mit der Lupe. Ich meine damit nicht die Sesselkleber, die schon seit Jahrzehnten in der Politik sind. Idealerweise sollte auch jemand im Pensionsalter eine Chance haben, neu in ein Parlament gewählt zu werden. Aber das ist unmöglich – nicht zuletzt, weil es das Vorurteil gibt, dass die Älteren nur für sich schauen würden. Aus meiner Erfahrung stimmt das nicht. Die Solidaritätsneigung und Empathie ist im Alter eher höher.

Nochmals zum Altern an sich. Viele freuen sich nicht darauf, weil grosse Ängste damit verbunden sind: Krankheiten, Schmerzen, Einsamkeit, Armut. Können Sie diese Ängste irgendwie dämpfen?

Nein. Aber man kann versuchen, ihnen einen Sinn zu geben. Meiner Meinung nach wird ein Leben durch solche Erfahrungen reicher. Es gibt genug Beispiele, wie durch Krankheiten Positives ausgelöst wird. So hat der Schriftsteller Arno Geiger in einem Buch verarbeitet, wie schön es für ihn war, seinem Vater wegen dessen Alzheimererkrankung näher zu kommen. Vielleicht hat Alzheimer den Sinn, das Sterben zu verlangsamen und mit der Welt dadurch ins Reine zu kommen. Fürs Sterben will man sich nämlich keine Zeit nehmen. Alle wünschen sich, am Morgen tot im Bett zu liegen. Meine eigene Mutter wurde 99, meine Schwiegermutter ist 97, und es ist enorm, was wir in diesen späten Jahren mit unseren Müttern alles ins Reine bringen konnten. Es wäre ein Elend gewesen, wenn sie früh und plötzlich gestorben wären.

Aber was ist mit den Einsamen?

Es gibt viele Menschen, die ihr ganzes Leben allein waren und damit relativ gut klarkommen. Schwierig ist es für jene, die eine symbiotische Beziehung hatten und plötzlich allein dastehen. Es ist ganz wichtig zu lernen, allein sein zu können, wenn man älter wird.

Haben es religiöse Menschen einfacher beim Altwerden?

Ich glaube ja. Wer tiefgläubig ist, muss keinen Sinn mehr finden. Die Religion offeriert im christlichen Glauben eine Erlösung in einer jenseitigen Welt. Weil das Leben heute so lange dauert, braucht es diese Welt- und Todesanschauung allerdings immer weniger. Das kurze Leben war ja einst der Anstoss für die Entfaltung der grossartigen Konstruktionen unserer Hochreligionen. Im Jenseits konnte das unbefriedigte, leidvolle Leben des Diesseits zur Ruhe kommen.

Sie sehen den Sinn des Alters nicht zuletzt darin, über das eigene Leben nachzudenken. Aber nicht jeder hat ein Leben geführt, über das er gern nachdenkt.

Tatsächlich gibt es viele Menschen in unserer Gesellschaft, die wollen sich nicht erinnern, die wollen vergessen. Ihr Leben war ein Trümmerfeld von Fehlentscheidungen und Versagen. Sie möchten vergessen – und haben vielleicht gerade deshalb eine psychologische Prädisposition für Alzheimer.

Den gesamtgesellschaftlichen Sinn der Alterung sehen Sie in einer Beruhigung der seit der Industrialisierung andauernden rastlosen Mobilmachung der Welt. Die neuen Alten in der westlichen Welt sind die Ruhestifter, die auf eine friedliche Gesellschaft hinarbeiten und auf den ganzen Planeten positiv einwirken. Eine schöne Vision.

Das ist natürlich hochspekulativ. Aber wie Oscar Wilde einmal gesagt hat, eine Karte der Welt verdiente keinen Blick, wenn das Land Utopia darauf fehlte. Wir leben in einer ungeheuren Beschleunigung, es geht immer nur ums Wachsen und noch mehr Wachsen. Das glänzende Ergebnis dieser historischen Anstrengung ist ein enormer Wohlstand, der aber auch Schattenseiten hat: Stress, Burn-out, schon Kinder stehen unter unbarmherzigem Druck. Was wir brauchen, ist eine Beruhigung der Welt. Die vielen älteren Menschen der Zukunft können und werden dazu beitragen. Im Alter ermüdet man schneller, braucht mehr Pausen, denkt mehr nach. Man lässt sich nicht mehr vorwärtspeitschen, hat auch weniger Lust auf Konflikt und Kampf. Früher oder später wird die ganze Weltbevölkerung auf diesen Pfad einschwenken, den wir in Europa schon betreten haben.

Im Alter ist vieles plötzlich nicht mehr so wichtig.

Kennen Sie viele ältere Menschen, die so leben, wie Sie es sich vorstellen?

Ich kenne viele, die diese Entschleunigung am eigenen Leib erfahren und keine Probleme damit haben, ihre Hyperaktivität hinter sich zu lassen. Das Älterwerden ist, um Papst Franziskus zu paraphrasieren, ein Lazarett nach der täglichen Schlacht im Erwerbsleben. Vieles ist auch nicht mehr so wichtig wie früher, die Börsen, die Weltpolitik, alles bedrängt einen weniger. Laster wie Unmässigkeit oder Neid verlieren sich. Man muss sich nicht mehr beweisen.

Altern Sie selbst gerne?

Ich habe viel Glück gehabt im Leben, ich bin zufrieden. Auch wenn unsere Familie nicht frei ist von Schmerz und Leid. Dass es mir so geht, ist auch ein Ergebnis der Zeit zum Nachdenken, die meiner Frau und mir geschenkt ist.

Welche Aspekte des Alterns mögen Sie, auf welche würden Sie lieber verzichten?

Ich schätze die gewonnene Zeit. Ich habe mich lange von ihr stressen lassen, heute aber ist die Zeit meine Freundin und schenkt mir Zonen der Ruhe. Verzichten würde ich gerne auf die mich manchmal überfallende Melancholie. Doch vielleicht gehört die ja zur Grundbefindlichkeit des Menschenlebens. Und sie löst natürlich auch eine Stimmung aus, die ihren ganz eigenen Reiz hat – etwa im Herbst.

Wofür haben Sie plötzlich mehr Zeit, seit Sie pensioniert sind?

Ich kann wieder mehr lesen und mit zwei Fingern am Klavier einen Blues intonieren. Und natürlich habe ich auch mehr Zeit für meine Enkel. Die kommen gerne zu Oma und Opa, nicht nur wegen unserer Liebenswürdigkeit, sondern weil wir mit digitalen Geräten gut ausgerüstet sind, insbesondere mit einem iPad.

Fotograf: Tobias Siebrecht