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17. August 2015

Personalmangel an Kindergärten

In der Nordwestschweiz und im Kanton Zürich fehlt es an Kindergärtnerinnen. Manche Stellen konnten nur mit Notlösungen besetzt werden. Laut Ruth Fritschi vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer wird sich die Lage weiter zuspitzen.

die Kleinen im Chindsgi
Warten die Kleinen im Chindsgi bald auf die Lehrkräfte? (Bild: Keystone)

Kindergärtnerin ist ein klassischer Frauenberuf und als solcher schlecht entlöhnt: Im Kanton Sankt Gallen verdient eine Kindergärtnerin im ersten Dienstjahr rund 66'000 Franken, beziehungsweise 5090 Franken im Monat – und das trotz einer Vollzeitausbildung, die einen Mittelschulabschluss erfordert und sechs Semester dauert.
Zum Vergleich: Der Jahreslohn von Bachelor-Absolventen anderer Fachhochschulen beträgt laut Bundesamt für Statistik im Schnitt 78'000 Franken.

Für Ruth Fritschi, Stufenverantwortliche beim Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, ist diese Diskrepanz ein Grund, warum es stets schwierig ist, alle Stellen zu besetzen: «Kindergärtnerinnen arbeiten häufig in einem Teilzeitpensum, weil die Unterrichtsstunden gar nicht für ein 100-Prozent-Pensum reichen. Das verkleinert ihren bereits tiefen Vollzeitlohn zum Teil zusätzlich. Zudem fehle es der Politik zuweilen an Verständnis für die Stufe.
Der Mangel an Kindergärtnerinnen werde sich weiter zuspitzen.

Besonders offensichtlich ist die Diskriminierung in Kantonen, in denen Kindergärtnerinnen und Primarschullehrkräfte dieselbe Ausbildung absolvieren, dann aber unterschiedlich entlöhnt werden.
Im Kanton Aargau haben die Kindergärtnerinnen deshalb eine Lohnklage eingereicht und teilweise recht erhalten. Ihr Lohn im ersten Dienstjahr soll nun von heute 71'330 Franken auf 77'680 Franken erhöht werden. Das zumindest ist der Vorschlag des Aargauer Regierungsrats, dem das kantonale Parlament noch zustimmen muss.

Ruth Fritschi (48) ist beim Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz für den Kindergarten zuständig
Ruth Fritschi (48) ist beim Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz für den Kindergarten zuständig und unterrichtet selber auf dieser Stufe. (Bild zVg)

EXPERTENINTERVIEW

«Manche Politiker assoziieren den Kindergarten noch immer mit Basteln und Singen»

Ruth Fritschi (48) ist beim Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz für den Kindergarten zuständig und unterrichtet selber auf dieser Stufe.

Ruth Fritschi, manche Stellen konnten nur mit Müh und Not besetzt werden. Wie dramatisch ist die Lage in den Kindergärten wirklich?
Der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz hat noch vor den Sommerferien eine Umfrage bei seinen Mitgliedern durchgeführt. Mehr als ein Drittel der Befragten schätzte damals die Situation auf der Kindergartenstufe als kritisch ein. In der Regel findet man dann immer eine Lösung. Aber oft sind es Notlösungen.

Im Kanton Zürich sind zum Schulanfang zehn Personen ohne entsprechendes Diplom für den Kindergarten angestellt worden. Sie erhalten dafür einen dreitägigen Einführungskurs und ein Coaching während des Schuljahres.
Solche Notlösungen lehnen wir klar ab. Diesen Job kann man nicht in drei Tagen lernen, zumal das Alter von vier bis sechs entscheidend ist für die weitere Entwicklung des Kindes. Dass Schulleitungen die Stellen dringend besetzen müssen,
ist verständlich, doch bleibt zu hoffen, dass langfristig eine fundierte Ausbildung verlangt wird.

Was halten Sie von der Ausbildung für Quereinsteiger?
Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die Ausbildungsgänge dem gewünschten Niveau gerecht werden und viel von den Studierenden abverlangen.

In manchen Kantonen verdienen Kindergärtnerinnen im ersten Dienstjahr weniger als 5000 Franken. Könnte man das Problem mit höheren Löhnen lösen?
Generell ist es so, dass die Löhne der Lehrpersonen zwischen den Kantonen schlecht vergleichbar sind. Die Berechnungsgrundlage für den Lohn ist in jedem Kanton wieder anders. In einigen Kantonen verdienen Kindergärtnerinnen zudem weniger, weil ihre Ausbildung nicht mit der einer Primarlehrkraft gleichwertig ist. Bei gleicher Ausbildung wäre eine bessere Lohnperspektive bestimmt ein entscheidender Faktor für die Wahl der Kindergartenstufe.

Warum werden gerade die Kindergärtnerinnen so schlecht entlöhnt?
Bei Entscheidungen in der Bildungspolitik spielt oft der eigene Bezug zur Schule und zum Kindergarten eine grosse Rolle – und manche Politiker assoziieren den Kindergarten immer noch bloss mit Basteln und Singen. Die Sparpakete der Kantone machen auch vor der Bildung nicht halt. Vielerorts gab es in den vergangenen Jahren keinen Teuerungsausgleich: In einigen Kantonen haben sich die Löhne zwischen 1993 und 2015 praktisch nicht verändert. Zudem ist der Kindergarten eine klassische Frauendomäne – und viele Frauen wagen auch heute noch nicht, für ihre Interessen einzustehen.

In den meisten Kantonen braucht man inzwischen eine Matur, um die Ausbildung als Kindergärtnerin in Angriff zu nehmen. Damit verbaut man vielen den Weg.
Für die Maturität sprechen gleich mehrere Gründe. Der Beruf der Kindergärtnerin darf keine Sackgasse mehr sein, auch Kindergartenlehrpersonen sollen sich ohne Schwelle weiterbilden können. Zudem sollen Kindergärtnerinnen dasselbe Niveau wie Primarlehrerinnen haben, weil mehr im Team gearbeitet wird. Und drittens sind die Anforderungen an den Kindergarten stark gestiegen. Die Kindergärtnerinnen müssen selbstbewusst und argumentativ stark auftreten können – da reichen ein gutes Einfühlungsvermögen und Freude an der Arbeit mit Kindern einfach nicht mehr.

Was wird die Zukunft bringen?
Die Situation wird wahrscheinlich in den Agglomerationen angespannt bleiben. Denn dort stehen ein paar geburtenstarke Jahrgänge in den Startlöchern. 

Autor: Andrea Freiermuth