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13. Februar 2012

«Persönliches muss bei der Arbeit Platz haben»

Fünf Fragen an Nicola Jacobshagen (41), Psychologin in der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bern.

Nicola Jacobshagen (41), Psychologin in der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bern.
Nicola Jacobshagen (41), Psychologin in der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bern.

1. Nicola Jacobshagen, eine neue Studie beweist: Ein Clean Desk, ein leergeräumter Schreibtisch, fördert die strukturierte Arbeit nicht. Erstaunt Sie dieses Ergebnis?

Nein. Wir alle organisieren uns anders. Einige von uns legen ihre Unterlagen und Notizen auf Stapeln zurecht — einen für heute, einen für morgen — und das sieht dann rasch einmal chaotisch aus. Müssen wir aber diese Stapel jeden Abend wegräumen, bedeutet das jeden Morgen weiteren Zeitaufwand, bis wir uns wieder organisiert haben.

2. Hat es also auch bei der Arbeit etwas auf sich mit dem kreativen Chaos?

Mit Mass kann etwas Chaos am Platz durchaus positiv auf Arbeitsabläufe wirken — allerdings wird es in Einzelbüros besser toleriert als in den «Multi-Space-Offices», den Grossraumbüros, die zunehmend den Alltag in der Arbeitswelt prägen. Und wer beispielsweise in einer Bank mit Kundenkontakt arbeitet, muss oft ein blitzblank aufgeräumtes Pult haben, weil Chaos unprofessionell wirkt — ob das nun sinnvoll ist oder einfach nur ein alter Hut.

3. Wie sieht ein idealer Arbeitsplatz aus?

Er muss Platz bieten, damit man sich ausbreiten und seine Stapel organisieren kann. In Einzelbüros ist es einfacher, sich nach seinem eigenen Gusto einzurichten, aber diese werden seltener. Umso mehr sollte in Grossraumbüros beispielsweise an jedem Platz eine Tischlampe stehen, damit man wenigstens das Licht individuell einstellen kann.

4. Was stresst am Arbeitsplatz?

Vieles! Beispielsweise ungenügende technische Einrichtung und mangelhafte Hilfsmittel. Muss jemand mit unzureichendem Material arbeiten, ist das auch eine Selbstwertbedrohung: Das zeigt einen Mangel an Wertschätzung für diese Person oder ihre Arbeit. Auch unnötige oder unzumutbare Abläufe — die «Clean-Desk-Policy» gehört für viele Menschen dazu — bewirken dasselbe demotivierende Gefühl.

5. Was motiviert bei der Arbeit?

Auch vieles! Vor allem sollte das Individuelle des Benutzers des Arbeitsplatzes Raum finden. Das kann beispielsweise eine Pflanze sein, eine persönliche Tasse, ein Familienbild. Allgemein gilt: Sobald man sich mit seinem Arbeitsplatz identifizieren kann, ist das eine gute Voraussetzung für angeregtes Arbeiten.

Menschen mit Chaos auf dem Pult arbeiten effizienter und sind kreativer als ihre Kollegen mit aufgeräumtem Arbeitsplatz (www.blick.ch vom 26.1.12)

HIer finden Sie den ganzen «Blick»-Artikel zum Thema.

Autor: Claudia Weiss