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20. Januar 2014

Per Anhalter um die halbe Welt

Cyrill Burch wollte die Welt mit eigenen Augen sehen. Mit 22 reiste der Luzerner zwei Jahre lang per Autostopp von der Schweiz über Russland und China bis nach Papua-Neuguinea. Dabei lernte er die Menschen schätzen – und ihren Konsum hinterfragen. Haben Sie eine ähnlich lange und weite Reise gemacht (rechts)?

Cyrill Burch uf dem Weg von Tibet nach Laos. Er macht Autostopp, im Hintergrund sieht man schneebedeckte Berge.
Cyrill Burch uf dem Weg von Tibet nach Laos. Es ist Spätherbst und Zeit, Richtung 
Süden zu ziehen. (Bild: Privatarchiv Cyrill Burch)

Es ist Showtime. Der 25-jährige Luzerner Cyrill Burch steht vorn im Saal eines Mehrzweckraums, neben ihm eine Leinwand, vor ihm das zahlreich erschienene Publikum. Junge und Alte, Menschen, die sich für Abenteuer, fremde Kulturen und das individuelle Reisen interessieren. Sie alle sind gekommen, um dem Studenten zuzuhören, wie er von seiner Reise erzählt, die zwei Jahre gedauert hat. «Per Autostopp bis ans Ende der Welt» lautet der Titel der Multimediashow.

Cyrill Burch mit Tramper-Rucksack neben einem chinesischen Mann.
Zufallsbegegnung mit einem Chinesen in Malaysia. (Bild: Privatarchiv Cyrill Burch)

Es ist eine Show ohne Glamour, ein Vortrag eigentlich. Burch hält ihn nicht zum ersten Mal: Souverän führt er die Anwesenden mit Geschichten, Anekdoten und Bildern um die halbe Welt bis nach Papua-Neuguinea. Die Strecke hat er auf dem Landweg zurückgelegt, per Autostopp. Er reiste aber auch in Lastwagen oder Booten mit. Auf diese Weise lernte er unzählige Menschen kennen. Zwischendurch war er immer wieder zu Fuss unterwegs, manchmal in Begleitung. Die Leute hören ihm gebannt zu, wie er von der Besteigung des Vulkans Bromo auf der indonesischen Insel Java erzählt.

Auf Java geriet er ans Ende seiner Kräfte

Burchs Schwester war zu Besuch, und er wollte mit ihr etwas Spezielles erleben. Sie verliessen den gepfadeten Weg und gelangten in zerklüftetes Gelände ohne stabilen Untergrund. «Wir waren bald am Ende unserer Kräfte. Während sechs Stunden fühlten wir die unmittelbare Lebensgefahr», erzählt er seinem Publikum.

Solche Abenteuer prägten den jungen Schweizer. Er war 22 Jahre alt, als er aufbrach. Ohne definiertes Reiseziel und ohne konkrete Vorstellung davon, wie lange er unterwegs sein würde. Er habe schon vor der Reise vieles kritisch hinterfragt, sich für die Gesellschaft und die Umwelt interessiert, auch für uralte Kulturen, so der gelernte Maurer mit Berufsmaturität. «Es gab eine Zeit, in der ich alle Jungparteien in Luzern abklapperte, aber nirgendwo fühlte ich mich richtig heimisch. Ich bin auch nicht der Büchertyp, sondern will die Dinge mit eigenen Augen sehen und selber erfahren.» Das Reisen habe ihn ruhiger gemacht. «Und mein Horizont ist logischerweise viel grösser geworden. Ich kann heute entspannter mit den Leuten reden. Jeder hat ja eine Meinung zu China und den Muslimen, aber die wenigsten haben je Zeit mit diesen Menschen verbracht. Wenn ich jetzt mit Leuten rede, kann ich sagen: ‹Ich war dort, bei und mit diesen Menschen.› Reisen heisst für mich lernen.»

An den Bahngleisen in Jakarta (Indonesien). Burch lebte mehrere Wochen in solchen Ghettos. (Bild: Privatarchiv Cyrill Burch)

Wenn er in der Schweiz das Gesehene und Gelernte wiedergibt, erntet er bisweilen auch Widerspruch aus den Reihen seiner Zuhörenden. In Zürich etwa tut sich jemand schwer mit dem Holocaust-Vergleich, den Burch anstellt, als er von den Dimensionen der japanischen Kriegsverbrechen erzählt. Nachträglich sagt er: «Über Politisches zu reden, ist in einer solchen Multimediashow heikel, denn ich kann die Themen ja nur oberflächlich streifen. Unsere westliche Sichtweise auf die Welt ist erschreckend einfältig, andere Sichtweisen gerade deshalb so spannend.»

In China spricht man nur hinter verschlossenen Türen

Indem er mit Leuten lange Strecken in Autos und Lastwagen zurücklegte, hatte er immer wieder Gelegenheit, im Gespräch zu erfahren, was die Menschen im jeweiligen Land beschäftigte. In China, sagt er, sei das aber nur hinter verschlossenen Türen möglich gewesen, «dann wurde es aber interessant. Ein Mongole sagte mir: ‹Wir hassen die Han-Chinesen. Sie unterdrücken und vertreiben uns.› Ich habe mir in China mehrfach die Frage gestellt, wie sich dieses Land reformieren kann. Oder was passieren wird, falls das nicht gelingt.»

Am meisten erschüttert hat den Weltenbummler aber die Erkenntnis, dass es kaum noch Regionen gibt, die von dem globalisierten Ressourcenverschleiss noch nicht erfasst worden sind. «Selbst in Papua-Neuguinea, wo heute noch zuhauf Urvölker leben, werden jetzt Wälder gerodet, um den Platz für Palmölplantagen freizumachen. Wir gehen einfach überall hin und rein, rücksichtslos und gierig. Das Ausmass zu sehen und zu begreifen, hat mich völlig desillusioniert und fertiggemacht.» Er suchte Kraft in tiefer Meditation – und fand sie. «Ich begriff schnell, dass ich nicht für alles Elend auf der Welt verantwortlich sein muss. Und dass ich nicht schuld bin, dass ich in der Schweiz geboren worden bin und ein anderer im Armenghetto in Asien.»

Burchs Reiseroute

Die Reiseroute von Cyrill Burch
Die Reiseroute von Cyrill Burch.

Die Schweiz und Teile Europas bezeichnet der Luzerner heute als «seltsame Insel, wo die Leute im Überfluss leben». Er selber will mit weniger auskommen. Auf seinem Blog im Internet schreibt er, in den ersten beiden Wochen nach seiner Rückkehr «geschockt über all den aufbewahrten Müll» gewesen zu sein. «Unnützes Zeugs. Kleider, zweimal getragen, lagen in einer Ecke und sammelten Staub.» Er plädiert für den bewussten Verzicht. Für sich selber könne er sich beispielsweise nicht mehr vorstellen, «allein in einer grossen Wohnung zu leben». Und beruflich ist er auf dem Weg, einer von denen zu werden, die der Nachhaltigkeit auch mittels Effizienz bei erneuerbaren Energien auf die Sprünge helfen: An der Technischen Hochschule Luzern studiert er den neuen Lehrgang «Business Engineering Sustainable Energy Systems». Dereinst möchte er in China arbeiten, «wo man noch viel wird bewirken können». Hauptsache, er könne das Gelernte überhaupt sinnvoll anwenden.

Eine erste Idee hat er schon – und, oh Wunder, sie hat mit Reisen zu tun. Und mit Pet-Flaschen. Aber mehr möchte er an dieser Stelle nicht verraten.

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Autor: Esther Banz