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07. November 2016

Pelze: Tierleid für modische Accessoires

Jetzt haben sie wieder Saison: Pelze an Jacken, Mützen, Taschen und Stiefeln. Viele dieser Pelze sind echt. Dafür wurden unzählige Tiere gequält und getötet. Der Bundesrat entscheidet Anfang 2017 über ein Einfuhrverbot tierquälerisch hergestellter Pelzprodukte.

Viele Konsumenten sind sich nicht bewusst, dass sie Echtpelze aus tierquälerischer Herstellung tragen
Viele Konsumenten sind sich nicht bewusst, dass sie Echtpelze aus tierquälerischer Herstellung tragen (Bild: Fotolia).

Pelz zur Verzierung von Textilien und modischen Accessoires ist voll im Trend. Dabei handelt es sich nicht immer um Kunstpelz, wie viele meinen. Zwar ist die tierquälerische Pelzgewinnung im Inland verboten, doch die Einfuhr von Echtpelz, der oft billiger ist als Kunstpelz, hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Seit dem Abschluss des Handelsabkommens mit China stammt ein grosser Teil der Echtpelzprodukte aus dem Reich der Mitte. China ist der weltgrösste Produzent von Rohpelz.

Viele Konsumenten sind sich nicht bewusst, dass sie tierquälerisch hergestellten Pelz tragen, weil der Echtpelz oft nicht erkannt wird.

Deklarationspflicht taugt wenig

Die Schweiz kennt zwar seit 2013 eine Pelzdeklarationspflicht. Doch diese funktioniere nicht richtig, sagt Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz (STS): «Wir haben Stichproben gemacht. Viele Kleider sind falsch oder nicht deklariert. Das Verkaufspersonal ist schlecht geschult.» Auch die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer Wyss hält die Deklarationspflicht «in der Praxis für nicht tauglich». Sie hat deshalb ein Postulat eingereicht, über das der Bundesrat wohl nächstes Jahr befindet. Ziel ist ein Importverbot für tierquälerisch hergestellte Pelzprodukte, die laut einem STS-Test auch gesundheitlich nicht unbedenklich sind: In drei von vier Proben wurde Formaldehyd nachgewiesen, das Schleimhautreizungen und Allergien auslösen kann. Aus diesem Grund verzichten auch immer mehr Läden und Modehäuser darauf, mit Echtpelz ausgestattete Kleider zu verkaufen.

EXPERTENINTERVIEW

«Es gibt nur eine Lösung: Import von Pelztieren komplett zu verbieten»

Katharina Büttiker (66) ist Präsidentin von Animal Trust, der Stiftung für Tiere.

Katharina Büttiker, ist Pelztragen erneut in Mode?

Ja, leider. Das Tragen von ganzen Mänteln aus Pelz ist inzwischen verpönt. Die Pelzindustrie hat geschickt reagiert und verkauft nun vor allem Pelzkragen. Die Konsumenten haben so das Gefühl, es sei alles nicht so schlimm. Das Gegenteil ist der Fall.

Wieso?

Weil noch mehr Pelztiere getötet werden. Jetzt sieht man bei uns Wollmützen mit einem Bommel aus Tierfell. Und 1000 solcher Bommel machen überproportional viele Tiere aus. Nur meinen viele, die Accessoires seien aus Falschpelz. Aber geschätzte drei Viertel aller Produkte bestehen aus echtem Pelz.

Die Schweiz importiert doppelt so viel Echtpelz wie vor zehn Jahren.

Ja, aber die Katastrophe ist nicht, wie viele Tonnen es sind, sondern dass das Bewusstsein verloren gegangen ist, ein tierisches Produkt zu tragen, in dem viel Leid steckt. Es gab eine Zeit, da war das Pelztragen verpönt.

Immerhin besteht in der Schweiz seit 2013 eine Pelzdeklarationspflicht.

Das ist eine nette Idee, eine Augenwischerei. Sie funktioniert in der Praxis nicht. Das weiss ich als ehemalige Besitzerin einer Modeboutique genau. Wenn ich einen Anorak auf einer Modemesse einkaufe, ist es für mich doch fast unmöglich zu wissen, woher der stammt. Und falls deklariert wird, das Produkt komme aus einer guten Pelztierhaltung, stimmt das meist nicht. Denn Wildtierhaltung ist beispielsweise für das Tier immer negativ, wenn diese gewinnbringend sein muss. Ich habe mir das vor vielen Jahren in Skandinavien angeschaut. Im Betrieb stank es grässlich, die Käfige waren übereinandergeschichtet. Deshalb gibt es für mich nur eine ethisch vertretbare Lösung: Importe von Pelz komplett verbieten.

Woher stammen die Importe?

Vor allem aus China, wo die Tiere sogar meist lebendig gehäutet werden. Aber auch skandinavische Länder, Russland, Ungarn und der Balkan sind wichtige Lieferanten. In Deutschland wurden die meisten Pelztierfarmen geschlossen. In der Schweiz sind diese sowieso verboten. Und gerade deshalb müsste man auch den Import verbieten, denn es ist eine Diskriminierung der einheimischen Produzenten, wenn man Pelze einführt und gleichzeitig im eigenen Land die Haltung nicht erlaubt.

Nur müssen die Konsumenten tiefer in die Tasche greifen, wenn sie einen Kunstpelz möchten.

Nicht unbedingt. Wenn ein Kunstpelz gut gemacht ist, kann er tatsächlich teurer als ein billiger Echtpelz aus China sein. Wir haben aber viele Möglichkeiten, uns warm zu halten, etwa mit wattierten Mänteln, die umweltfreundlich produziert werden.

Was tun Sie konkret, damit Läden und Modehäuser auf den Verkauf von Echtpelz verzichten?

Hingehen, Einkäufer ansprechen. Oder wir schreiben TV-Sender an, die einen Schauspieler zeigen, der ein Qualprodukt trägt. Wir finden, der Sender hat da Verantwortung zu übernehmen. Das alles ist eine riesige Arbeit. Wichtiger wäre es aber, wenn die Schulen darüber informierten.

Was hat das Engagement gebracht?

Die Migros, Globus ab Herbst 2017, aber auch Marken wie Hugo Boss oder Armani verzichten auf Echtpelzprodukte. Ständerätin Pascale Bruderer Wyss hat 2014 ein Postulat eingereicht, damit die Einfuhr und der Verkauf tierquälerisch erzeugter Pelzprodukte verboten werden. Der Bundesrat muss den von beiden Räten angenommenen Vorstoss umsetzen. Nur sollte angesichts des gros­sen Leidens der Tiere alles viel schneller gehen. Das Problem ist, dass die Tiere in der Politik keine Lobby haben. 

Autor: Reto E. Wild, Anne-Sophie Keller