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20. Februar 2012

«Patienten müssen mitdenken»

Mehrere Medikamente gleichzeitig einzunehmen, das kann ungewollte Folgen haben. Hausarzt Thomas Kissling weiss Rat.

Medikamenten-Mix
Gefährliche Mischung: Bei der gleichzeitigen Einnahme verschiedener Medikamente oder einem Mix von Medikamenten und Alkohol ist höchste Vorsicht geboten. (Bild: (Keystone/Claudia Rehm)

Thomas Kissling, wie oft behandeln Sie Patienten wegen gefährlicher Wechselwirkungen von Medikamenten?

Gefährliche Folgen von Wechselwirkungen sehe ich in meiner Praxis zum Glück selten. Harmlosere Fälle habe ich hingegen öfter. Leider ist das ein schwieriges Thema, denn Wechselwirkungen sind schlecht erforscht.

Warum?

Bringt eine Firma beispielsweise ein Blutdruckmedikament auf den Markt, testet sie es nur an Patienten, die ausschliesslich an Bluthochdruck leiden. Das reicht für die Zulassung. Viele Menschen nehmen aber mehrere Präparate für verschiedene Krankheiten gleichzeitig ein, und die werden in diesen Studien nicht berücksichtigt.

Wie weiss der Patient dann, welche Kombinationen gefährlich sind?

Es gibt diverse Internetsites oder iPhone-Apps, wo die wirklich gefährlichen Kombinationen aufgelistet sind. Man kann auch die Beipackzettel lesen, doch sind das eher Auflistungen von allen möglichen Sachen, und der Patient weiss oftmals nicht, was relevant ist und was nicht. Das verwirrt.

Muss der Arzt also immer fragen, welche Medikamente der Patient bereits einnimmt?

Ja. Aber es liegt auch in der Verantwortung der Patienten mitzudenken. Patienten sind oft bei mehreren Ärzten in Behandlung oder nehmen auf eigene Faust weitere Mittel ein.

Wie behalten Sie als Arzt die Übersicht?

Manche Patienten bringen ihre Medikamente in einem Plastikbeutel mit in die Sprechstunde, andere führen eine Medikamentenliste mit sich. Das macht es mir als Arzt leichter.

Und wann sollten Patienten zum Arzt gehen?

Der Patient sollte vor allem bei der Einnahme neuer Medikamente darauf achten, ob Veränderungen auftreten. Ist das der Fall, empfehle ich einen Arztbesuch.

Oftmals werden Wechselwirkungen gar nicht bemerkt. Wann wird es gefährlich?

Schwindel oder Durchfall beispielsweise sind tendenziell ungefährlich. Es gilt abzuwägen, ob die negativen Wechselwirkungen ertragbar sind. Wenn sich die Symptome verstärken, ist es wichtig und richtig, dass man zum Arzt geht. Man muss Veränderung ernst nehmen.

Thomas Kissling (56) ist Arzt für Allgemeinmedizin und Experte bei «Puls», der Gesundheitssendung des Schweizer Fernsehens. Er hat eine Hausarztpraxis in Mühleberg BE. (Bild: zVg.)
Thomas Kissling (56) ist Arzt für Allgemeinmedizin und Experte bei «Puls», der Gesundheitssendung des Schweizer Fernsehens. Er hat eine Hausarztpraxis in Mühleberg BE. (Bild: zVg.)

Thomas Kissling beantwortet die Fragen unserer Leserinnen und Leser:

Friedrich Herren, St. Gallen: Welche Medikamente vertragen sich schlecht mit Alkohol?

Während der Einnahme von Psychopharmaka, Schlaf- und Beruhigungsmitteln rate ich ganz klar davon ab, Alkohol zu trinken. Auch bei Blutdruckmedikamenten muss man teilweise vorsichtig sein.

Nancy Gwerder, Schwyz: Antibiotika vertragen sich angeblich nicht mit der Antibabypille. Stimmt das?

Ja, die Kombination von Antibabypille und Antibiotika kann bewirken, dass trotz Pille das Risiko einer Schwangerschaft besteht. Ich empfehle in solchen Fällen für die Dauer der Medikation eine zusätzliche Verhütungsmethode.

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Autor: Nathalie Bursać