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29. Februar 2016

Patchwork: So klappt es mit den Kindern

Sie haben nicht «bloss» eine(n) Partner(in), sondern gleich eine Familie geheiratet, einen neuen Haushalt mit «fremden» Kindern gegründet? Vielleicht helfen folgende Ansätze in der Kommunikation mit Kindern für einen gelungenen Start. Und was ist Ihr Rezept?

nicht leibliche Vater: Eine schwierige Rolle
Der nicht leibliche Vater: Eine schwierige Rolle mit Verantwortung. (Illustration: Daniel Stolle)

Die Patchworkfamilie im Migros-Magazin vom 29. Februar beweist eindrücklich: Gründen eine Mutter und ein Vater mit (nicht gemeinsamen) Kindern eine neue Familie, eröffnet dies Chancen: Neue Erfahrungen für Mutter oder Vater sowie die Kinder. Im besten Fall findet der Nachwuchs (wieder) eine männliche oder weibliche Bezugsperson im Haushalt und wächst nicht weitgehend ohne Vorbild für ein Geschlecht auf.
Doch auch die Erwachsenen können gewinnen. Oft nehmen Sie schrittweise einen Teil der elterlichen Verantwortung wahr, jedoch ohne die allerletzte Spannung, wie sie nur zwischen leiblichen Eltern und ihren Kindern auftritt: eine Art mütterlich beste Freundin oder väterlich bester Freund.

Natürlich birgt die neue Konstellation auch Risiken. Das grösste Risiko besteht darin, dass ein Kind die neue Bezugsperson schlicht nicht akzeptiert. Und zwar nicht nur nicht als Ersatzvater oder -mutter – in dieser Rolle sollte man/frau ohnehin nicht auftreten –, sondern überhaupt nicht als Mitglied derselben Familie, desselben Haushalts.

FÜNF THESEN ZUM ZUSAMMENZIEHEN
Gab es zuvor schon eine grosse Spannung zwischen dem biologischen Elternteil und dem Kind, kann eine solche Ablehnungsreaktion auftreten, ohne dass die neu zur Familie stossende Person das Geringste falsch macht. Sie hat mindestens zu Beginn gar keine Chance und muss darauf warten, dass die Spannung zwischen leiblicher Mutter respektive biologischen Vater und dem Kind zurückgeht. Oft liegt die noch nicht verwundene Trennung vom abwesenden Elternteil am Ursprung der Konflikte.
Doch auch ohne radikale Ablehnung gestaltet sich das erste Annähern unter einem Dach bisweilen heikel, und den ersten Schritten kommt grosse Bedeutung zu. Auch wenn Kinder und Erwachsene ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Eigenarten kennen, wagt Migrosmagazin.ch hier fünf Ansätze für die Kommunikation mit neu im selben Haushalt lebenden Kindern:

1. Für einen unbelasteten Start sorgen
Setzen Sie generell nicht zu viel Druck auf, erwarten Sie nicht umwerfende Bekenntnisse oder erklärte Akzeptanz. Trotzdem gilt es einiges an Energie und auch Zeit zu investieren – und dies möglichst bereits vor dem Zusammenziehen: gemeinsame Ausflüge, Unternehmungen im Alltag usw. Beginnt der richtige Beziehungsaufbau erst unter demselben Dach, wird es schwierig(er). Mindestens dauert es klar länger bis zu einer eingespielten Beziehung.

2. Keine Stellvertretungskämpfe austragen
Ein heute weitverbreitetes Risiko besteht darin, die oder den neue(n) Partner(in) zu stark gegenüber den Kindern zu unterstützen. Sicher ist es an sich positiv, den Ansprüchen und Ideen der Kinder und Jugendlichen geeint gegenüberzutreten. Keinen Sinn macht es aber, über Gebühr die leibliche Mutter oder den biologischen Vater zu vertreten, wenn sie gerade nicht zugegen sind oder sich nicht durchsetzen können. Stellvertretungen machen Kindern generell selten Eindruck. Eher fordern sie danach in zentralen Fragen nochmals eine Reaktion von Elternseite oder versuchen erste Keile zwischen das Paar zu treiben. Deshalb: Beziehen Sie ruhig für sich selbst Position, sofern es Sie (mit) betrifft, aber nicht für die/den Partner(in).

3. Die Ersatzfunktion meiden
Eine ebenso grosse, traditionell stärker verankerte Gefahr besteht darin, die Familie mit der eigenen neuen Rolle nicht überhaupt zu etwas Neuem zu machen, sondern als eine Urform wiederherzustellen. Das bedeutet: Der neue Vater (oder die neue Mutter) ersetzt den oder die biologische(n) Vorgänger(in). Im Alltag würden Vertreter(innen) dieses Typs sich verhalten, als wären sie schon immer Vater oder Mutter des Kindes gewesen. Das kauft einem kein Kind ab, mittelmässig intelligente Menschen glauben dies schon selbst nicht. Also: Lassen Sies! Denn es zwingt das Kind dazu, seine Vergangenheit und die Familiengeschichte zu verneinen. Und selbst wenn es dies eine Weile versuchen sollte, würden es später alle bereuen. Zumeist ist eine Beziehung zum leiblichen Vater (oder der Mutter), bei dem es nicht lebt, auch von grosser Bedeutung. Sie sollte nicht gegen die alltägliche Beziehung zum neuen Mann, der neuen Frau im Haushalt ausgespielt werden.

4. Sich selbst Grenzen setzen
Achten Sie speziell in der Anfangsphase darauf, sich in den entscheidenden Erziehungsfragen für Mutter und Vater nicht in den Vordergrund zu spielen. Begleiten Sie sie mit Interesse und geben Sie Ihre Meinung beim Partner unter vier Augen zum Besten, gegenüber dem Kind aber mit Zurückhaltung – oder wenn es Sie zum Beispiel fragt. Schlagen Sie zu früh eigenständig Pflöcke ein, kann es für das Kind an wichtigen Meinungen zu viel werden. Später werden Sie automatisch ein wertvolles Wort mitreden können, auf der Basis der etablierten Beziehung zum Kind (oder Jugendlichen).

5. Das Schneckenhaus verlassen
Umgekehrt, und das macht es schwierig, sollte man sich auch nicht einfach um jede Verantwortung drücken und zu allem schweigen, was das Kind tut oder will. Für die leibliche Mutter (oder den Vater) wäre es auf Dauer auch kaum lebbar, würde man bei jedem Detailentscheid warten, bis sie/er wieder da ist. Deshalb gilt es, auf der Basis der Erziehungsleitlinien, die man als Paar gefunden und sicher ein paar Mal diskutiert hat, im Alltag seine Verantwortung wahrzunehmen. Und weil man nicht der biologische Vater oder die «echte» Mutter ist, erspart einem dies etliches von dieser Verantwortung keineswegs.
WAS IST IHR REZEPT?
Haben Sie andere, bessere Rezepte für das Familienleben als nicht leibliche(r) Mutter oder Vater?
Besondere Erfahrungen gemacht? Verraten Sie es in einem Kommentar!

Autor: Reto Meisser