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23. April 2012

Passt in jede Ritze

Will unser Sohn abends um halb neun, statt zum Landeanflug Richtung Bett anzusetzen, «noch schnell ein Stadion basteln», darf man seinen Gestaltungswillen nicht bremsen. Es gäbe nur Lämpen. Also Karton, Leim und Filzstifte hervorgekramt! Wegen irgendeiner Wette muss Hans den Letzigrund nachbilden. Als er unsicher ist, wie die Lichtmasten zu postieren seien, sage ich: «Lueg, dert unde!» und weise zum Fenster raus. (Das Letzigrund-Stadion, müssen Sie wissen, liegt zwei Steinwürfe unterhalb unserer Überbauung.) Doch der Bub entgegnet nur schnippisch: «Kennsch Bild-Google, Vati?» – «Natürlich kenne ich Google, aber wozu brauche ich das Internet, wenn ich …» Da haben wir sie wieder, die Parabel auf den Zeitenwandel: Der Alte schaut zum Fenster raus, das Kind ins Internet. (Ehe Sie allzu sehr Beifall nicken, muss ich allerdings gestehen, dass er, während ich noch am Werweissen war, in Sekundenschnelle genau die Ansicht auf den Schirm geholt hatte, die wir brauchten – im Web wars besser zu sehen als in echt, und flugs waren die Zahnstocherlichtmasten montiert.)

Im Web wars besser zu sehen als in echt.

Manches ändert sich freilich nie. Am Donnerstag finde ich Hans in der Küche in seine Lieblingslektüre vertieft: «Die moderne Hausfrau». Ohne Witz, er studiert den Versandkatalog stets Seite für Seite. Nichts, was es darin nicht gäbe, vom singenden Gartenzwerg bis zur Doppelbratpfanne, in der sich die Rösti problemlos wenden lasse. Eben hat er einen sogenannten «Body massager» für Fr. 39.95 entdeckt, mit dem die abgebildete Frau sich die … ähm … Schulter massiert. Mir fällt der Vedia-Katalog meiner Kindheit ein, in dem Vibratoren unter dem Decknamen «Massagestab» feilgeboten wurden, und wir Kinder konnten über den Satz, der sie anpries, jedes Mal aufs Neue giggeln: «Passt in jede Ritze.» Damals wie heute wussten Kinder früh Bescheid, was so alles in gewisse Ritzen passt. Und ich kann die überhitzten Sittenwächter, die soeben eine Initiative «gegen zu frühe Sexualkunde» lanciert haben, nur beruhigen: Wegen ein paar Holzpenissen wird unseren Kleinen in der Schule nichts Strubes beigebracht, was sie nicht eh schon gekannt hätten. Gemach.

«Im Web wars besser zu sehen als in echt.»
«Im Web wars besser zu sehen als in echt.»

Noch brütet Hans über «Die moderne Hausfrau», da kommt Anna Luna von der Schule heim, ruft schon unter der Tür «Was gits Zvieri?», knallt wie stets den «Blick am Abend» auf den Tisch, sagt: «Geits dene no?», und wie oft, wenn sie dies ausruft, ist es keine Frage, sondern eine Feststellung: Denen gehts nicht mehr. Das Blatt, das die schlanke Schönheits-Queen Alina Buchschacher Tage zuvor als «Miss Pölsterli» verspottet hat, schnorrt sich heraus, man habe «als Forumszeitung lediglich wiedergegeben, was Branchenexperten meinen», nämlich die Miss hätte zu viele Pfunde. Vordergründig krebst die Zeitung nun zurück, wiederholt jedoch die Begriffe «Pölsterli» und «Fülle», meint dann gönnerhaft, ein bisschen Übergewicht sei schliesslich im Trend, und bildet zur Illustration des «Trends» lauter superranke Models ab. Ein Hohn! Wenn die übergewichtig sind, dann bin ich ein Sumoringer. Mit solchen Storys, geschätzte Redaktion, treibt man junge Mädchen in die Magersucht.

«Was ist das denn?», fragt Anna Luna zwischen zwei Bissen. Das neue Telefonbuch, heute eingetroffen. Meines Wissens hat sie, dreizehnjährig, noch nie in einem Telefonbuch nachgeschlagen. «Eine Verschwendung, gell, dass die das überhaupt noch drucken», sage ich. «Neeeei, Vati! Das isch nid für d Füchs!», protestiert Hans, «das gibt die besten Papierflieger!»

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli