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22. Februar 2016

Börsen- und Wirtschaftsentwicklung parallel

An der Börse seien «Psychopathen» am Werk, lautet eine populäre Ansicht. Die Realität sieht anders aus: Sie zeigt auffällige Parallelen, oft geht die Börse ein paar Monate voran.

Börsenentwicklung und Wirtschaftsleistung
Börsenentwicklung und Wirtschaftsleistung: Veränderungen an der Schweizer Börse (linke Skala) und beim Bruttoinlandprodukt (rechte Skala) seit 2000. Die Börsenkurse als vorauseilender Konjunkturindikator sind in der Grafik zeitlich um sechs Monate nach hinten versetzt dargestellt.

Die jüngsten Turbulenzen an den Aktienmärkten haben viele in ihrem Vorurteil bestätigt: «Typisch Börse – diese spielt mal wieder verrückt.» Und vom ehemaligen deutschen ­Bundeskanzler Helmut Schmidt ist der Satz überliefert: «Die Aktienbörsen werden im Wesentlichen von Psychopathen bevölkert.»
Solche Aussagen verkaufen sich gut. Nur entsprechen sie nicht der Realität.

Zwar gibt es an der Börse temporäre Phasen mit übertriebener Euphorie oder Panik, verursacht durch den Herdentrieb der Anleger. Solche Perioden sind jedoch klar die Ausnahme. In der Regel sind die Kursbewegungen der Aktienmärkte erstaunlich präzise Signale für den effektiven Verlauf der Konjunktur. Das verdeutlicht die Grafik zur Entwicklung der Schweizer Börse und zum Bruttoinlandprodukt (BIP) seit dem Jahr 2000. Die Kurven ­verlaufen über weite Strecken ­ziemlich parallel. Vor allem an den Wendepunkten – und diese sind von besonderer Bedeutung – sind die Übereinstimmungen offensichtlich.

Wichtig ist dabei folgende Präzisierung: Was an der Börse geschieht, spiegelt sich nicht zeitgleich in den Konjunkturdaten, sondern meistens mit einem Abstand von sechs bis zwölf Monaten. Anders formuliert: Der Börsenverlauf nimmt die Veränderungen beim BIP-Wachstum etwa ein halbes bis ein ganzes Jahr vorweg. Um dies in der Grafik darzustellen, habe ich die hellere Kurve mit der Aktienentwicklung zeitlich um sechs Monate nach hinten versetzt.

Einschätzungen zur Entwicklung der Wirtschaft sind per Definition mit einer grossen Unsicherheit behaftet. Auch andere Frühindikatoren wie etwa die Auftragseingänge der Unternehmen senden von Zeit zu Zeit irreführende Signale aus. Aber deshalb ist ihr Verhalten noch lange nicht «psychopathisch».

Börsenaltmeister André Kostolany verglich die Beziehung von Konjunktur und Börse einst mit dem Bild vom Herrchen und seinem Hund beim Spaziergang. Der Hund läuft neugierig voraus. Manchmal nimmt er dabei die falsche Richtung und kommt dann schnell zurückgerannt. Mehrheitlich jedoch wählt der Hund instinktsicher den richtigen Weg – selbst wenn sein Herrchen noch gar nicht entschieden hat, wohin es eigentlich gehen will.

Auf Blog.migrosbank.ch finden Sie weitere Informationen zur Korrelation von Börse und Konjunktur.

Autor: Albert Steck