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28. November 2016

Ein Papiertaschentuch gefällig?

Ältere Dame schneuzt ins Taschentuch
Es ginge doch! Ältere Dame schneuzt ins Taschentuch, statt wie die Kleinen einfach «hochzuziehen». (Bild: Getty Images)

Ich schreibe oft über die hohe Kunst des Kindererziehens – und immer wieder über mein Scheitern bei dem Versuch, es möglichst gut zu machen. Heute geht es hier aber ausnahmsweise nicht um die Jüngsten. Ich möchte Ihnen von einer älteren Dame erzählen, die ich neulich im Zug traf. Sie suchte einen freien Sitzplatz und wurde vis-à-vis von mir fündig. Kurz nachdem sie ins Polster gesunken war, kam auch ihr Parfüm an. Ein dezenter, klassischer Duft, nicht zu grosszügig, aber auch nicht zu geizig aufgetragen. Ich blickte interessiert von meiner Lektüre auf. Mein Gegenüber war um die achtzig, trug kleine Perlohrstecker, das weisse Haar war sorgfältig hochgesteckt. Die Seniorin strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Ich mochte sie und ihre rosigen Apfelbäckchen auf der Stelle – so musste ein Grosi aussehen, so musste ein Grosi sein.

Schniff – hatte die Fremde gerade ihre Nase hochgezogen? Ach, kann ja mal passieren, die Kälte und so. Es ist schliesslich Novem... – schniff. Unglaublich, aber wahr. Ich erkannte schnell ein Muster: zwei Mal ein- und ausatmen – dann Nase hochziehen. Manchmal zaghaft, dann wieder beherzt. Schniiiiiiiiif! Ich strengte mich wirklich an, aber Weiterlesen ging einfach nicht mehr. Es war zu komisch.

Wenn Kinder herumschnuddern, packt Mami sie sofort an der Nase und zwingt sie zu schnäuzen. Ich muss gestehen, dass ich sogar auf ein zweites oder gar drittes Mal Tröten bestehe. Denn was raus ist, ist raus. Wenn der Schnupfen produktiv ist (die Regel!), kommt so ganz schön was zusammen. Eine Kollegin kommentiert solche Momente, wenn es blubbert und das Taschentuch schwerer wird, gerne mit: «Ui, bii dir chunnt ja Gröll abe.»

Die Fremde blickte entspannt aus dem Fenster, ihr Blick verlor sich in der Weite. Schniiiiff. Ich überlegte, ob ich der Frau diskret ein Papiertaschentuch hinhalten sollte. Aber das würde die Aufmerksamkeit der Mitreisenden auf uns ziehen – und das wollte ich echt nicht. Ausserdem war die Frau doppelt so alt wie ich ...

Durften Vierzigjährige Achtzigjährigen eigentlich in der Öffentlichkeit die Nase putzen? Nein? Dachte ich mir schon. Also machte ich das, was alle im vollbesetzten Zug taten. Wir ignorierten das Nasenkonzert. Das war – nach diesem Moment der Reflexion – leichter als gedacht. Mein ganz persönliches Fazit: Eine laufende Nase ist zwar gruusig – aber sind wir ehrlich, es gibt Schlimmeres. (Hoffentlich erinnere ich mich daran, wenn meine beiden wieder losschnuddern).

Autor: Bettina Leinenbach