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09. März 2015

Papierkrieg

Krieg um den WC-Assistentenjob
Im Krieg um den WC-Assistentenjob hat nur eine den Durchblick. (Bild Getty Images)

Jeden verdammten Abend gibts in unserer Familie dasselbe Schauspiel: Um ungefähr 18.30 Uhr sitzen wir vier gemeinsam beim Znacht. Herr Leinenbach und ich, wir beissen genüsslich in unsere Schinkenbrote, Ida knabbert an ihrem Nutella-Sandwich, und Eva nagt an ihrer Brotscheibe (mit ohne alles). Hmmm, so ein feines Abendessen.
Plötzlich wird unsere Kleinste unruhig. Sie rutscht nach links, sie rutscht nach rechts. Here we go!

Wussten Sie, das Vierjährige relativ wenig Platz im Bauch haben? Ich glaube, es ist so ähnlich wie mit dem Gotthardtunnel. Wenn an der einen Seite Autos reinfahren, müssen an der anderen Seite welche rauskommen, damit es im Inneren keinen Stau gibt. Eva weiss das. Deswegen legt sie in diesem Moment jeweils ihr Brot auf den Teller, klettert von ihrem Hochstuhl und flitzt ins Bad.

Bei uns am Tisch bricht nun ein stummer Konflikt aus. Ich nenne ihn den «Papierkrieg». Die Frage ist: Wer von uns darf weiter geniessen, und wer muss ins Bad? Hinterschinken oder Hintern putzen? 1-lagiges Bündner Fleisch oder 3-lagiges WC-Papier?
Unter uns Mamis: Ihr müsst genau in dem Moment, in dem euer Kind «Bisi-Gaggi gemacht» kräht, einen besonders grossen Bissen nehmen. Dann müsst ihr mit den Schultern zucken auf euren vollen Mund zeigen und «isch kann nischt!» nuscheln. Klappt ausgezeichnet. Wie blöd, dass Herr Leinenbach auch seine Tricks hat. Neulich riss er der erstaunten Ida genau in dem berühmten Bisi-Gaggi-Moment ihr Brot aus der Hand, um noch mehr Nutella draufzuschmieren. Die Botschaft: Du musst ran, denn ich kümmere mich schon hingebungsvoll um unser anderes Kind.
Manchmal rechnen wir uns auch gegenseitig vor, wer wann wie oft vom Tisch gestürzt ist und das köstliche Essen zurücklassen musste … (Die Mathematik ist meist auf der Seite meines Mannes. So ein Kack!)

Neulich stritten wir offensichtlich ein wenig zu lange. Eva nahm das Heft – oder besser gesagt das WC-Papier – selbst in die Hand und hüpfte mit heruntergelassenen Hosen bis zum Essplatz. Dann hielt sie uns die Papierschlange hin und guckte so vorwurfsvoll, wie nur Vierjährige gucken können.

Autor: Bettina Leinenbach