Archiv
03. Dezember 2012

Papas Liebling

Kann man als Vater oder Mutter wirklich jedes seiner Kinder gleich stark lieben? Oder ist es nur natürlich, eins der Kleinen vorzuziehen? Bisher ein Tabuthema – dabei sollten sich Eltern mit diesen Fragen bewusst befassen.

Lieblingskind
Eltern haben oft ein 
Lieblingskind. Manchmal wechselt dieses 
jedoch mit der Zeit. (Illustration: Nicolas Bischof)

Welche Kinder werden bevorzugt? Anderes Geschlecht, Ältestes oder Jüngstes, ähnlich oder pflegeleicht: Die häufigen Risiken für «Favoritism»

Josef ist das verwöhnte und überhebliche Lieblingskind seines Vaters Jakob. Darum mögen ihn seine älteren Brüder nicht und werfen ihn in eine Zisterne. Diese Geschichte aus dem Alten Testament zeigt: Das Thema der Lieblingskinder ist nicht neu. Doch erlebt es derzeit eine Renaissance: Favoritism nennt sich der junge Zweig der amerikanischen Entwicklungspsychologie, der sich intensiv damit beschäftigt.

Wer gibt schon gern zu, dass er oder sie ein Kind bevorzugt? Besonders Mütter, die ein zweites Kind erwarten, plagt die Angst, nicht mehr als ein Kind von ganzem Herzen lieben zu können. Tatsächlich behauptet der amerikanische Autor Jeffrey S. Kluger in seinem neuen Buch «The Sibling Effect», alle Eltern hätten ein Lieblingskind, wer etwas anderes behaupte, der lüge. Das tönt düster, ist aber leicht zu erklären, meint Daniel Zimmermann (42), Psychotherapeut für Einzel-, Paar- und Familientherapie in Baden AG: «Oft erkennen sich Eltern in einem ihrer Kinder stärker wieder und haben deshalb einen besonderen Zugang zu ihm.»

Körperliche Ähnlichkeiten können die Beziehung prägen

Manche lieben ein Kind besonders, weil sie in ihm Eigenschaften sehen, die sie selber haben oder gerne hätten. Vielleicht entdecken sie in einem Kind aber auch Eigenschaften, die sie schon immer an sich selbst gestört haben — und fühlen sich daher eher zu dem anderen Kind hingezogen. Solche sogenannten Projektionen haben einen grossen Einfluss darauf, wie Eltern zu ihrem Kind stehen. Das ist menschlich. «Aber letztlich gibt es keine Regel, denn manchmal sind es körperliche Ähnlichkeiten oder ein bestimmter Charakterzug, der die Beziehung mitprägt», sagt Zimmermann. Und: Elterliche Vorlieben können mit den Jahren immer wieder wechseln, dann beispielsweise, wenn der süsse Kleine in die Trotzphase kommt und seine grosse Schwester langsam vernünftiger wird — und damit zugänglicher.

Oft erkennen sich Eltern in einem ihrer Kinder stärker wieder. – Daniel Zimmermann, Psychotherapeut

Grundsätzlich gehen Experten wie Daniel Zimmermann davon aus, dass Eltern ihre Zuneigung gleichmässig unter den Kindern verteilen wollen. Das beinhaltet aber nicht, dass alle Kinder genau gleich behandelt werden müssen, sondern fair und damit altersgerecht, so die Expertenmeinung. Damit das gelingen kann, empfehlen Psychologen und Pädagogen Eltern, ganz bewusst darüber nachzudenken, welche Beziehung man zu jedem seiner Kinder hat. Welches steht mir besonders nah? Warum? Was sehe ich in ihm? Zu welchem Kind finde ich den Zugang manchmal weniger? Woran liegt das? Denn diese Fragen helfen dabei, jedem Kind die Art von Aufmerksamkeit, Lob und Liebe zu geben, die es braucht — das kann bei einem schüchternen Kind vielleicht mehr Ermutigung, bei einem ungestümen mehr Gelassenheit sein.

Und wenn der Sohn trotz aller Bemühungen zu den Eltern kommt und behauptet, er werde weniger geliebt als seine Geschwister? «Wenn ein Kind so etwas sagt, ist es wichtig, es ernst zu nehmen, ihm zuzuhören und nachzufragen, woher sein Gefühl kommt», rät Daniel Zimmermann. Oft reicht schon eine Erklärung, warum die grosse Schwester später ins Bett darf, oder auch eine Entschuldigung, wenn man wirklich einmal ungerecht war. Auch das verstehen Kinder.

Wichtig ist, dass Eltern sich bewusst mit dem Thema Lieblingskinder befassen. «Denn wenn ein Kind wirklich über längere Zeit weniger Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommt als ein anderes, kann das je nach Kind zu bleibenden psychischen Problemen wie Depressionen oder Angststörungen führen», sagt Daniel Zimmermann. Umgekehrt gilt: Das Lieblingskind zu sein, ist nicht nur ein Honigschlecken. Viele bevorzugte Kinder stehen unter einem immensen Druck, allen Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden und sich später von ihnen abzunabeln.

Autor: Andrea Fischer Schulthess