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04. April 2016

Paddeln von Meer zu Meer

Micheline Hauchecorne hat Grosses vor: Mit ihrem Raceboard will die Bernerin vom Atlantik bis zum Mittelmeer paddeln. Dafür hat sie einen Winter lang hart trainiert.

Micheline Hauchecorne
Micheline Hauchecorne hat ein grosses Ziel: Die Strecke vom Atlantik zum Mittelmeer will sie mit dem Stand-Up-Paddle zurücklegen.

Eiskaltes Wasser oder eine starke Bise können Micheline Hauchecorne nichts anhaben. Die 57-jährige Bernerin ist auch heute, an diesem frostigen Frühlingsmorgen, auf ihr Brett gestiegen, ist losgepaddelt und hat ihr tägliches Training auf dem See absolviert. «Du musst nicht lange überlegen, sondern einfach losgehen», sagt sie fröhlich.

«Ich war bis dort drüben, beim Schilf.» Sie zeigt über das graublaue Wasser westwärts auf die andere Seeseite. «Wenn du dich bewegst, wird dir schnell warm», meint sie, während die Bise beissend weht und kleine Wellen an den steinigen Strand in Lüscherz BE treibt.

Über 400 Kilometer auf dem Stehbrett von Bordeaux nach Port-la-Nouvelle.

Micheline Hauchecorne packt sich schon zu Hause in ihren wind- und wasserfesten türkisblauen Anzug, fährt an den See, nimmt ihr Raceboard vom Dach des Autos, befestigt die Finne – ein Teil, das aussieht wie eine Haifischflosse und das Brett stabilisiert – und paddelt los. Seit letzten Oktober tut sie das jeden Morgen ausser sonntags. Denn Micheline Hauchecorne hat Grosses vor: Im April will sie als erste Frau mit dem Stand-Up-Paddle vom Atlantik ins Mittelmeer fahren, 450 Kilometer durch den Canal des Deux Mers, der im Südwesten Frankreichs beide Meere verbindet. 18 Tage lang wird sie täglich bis zu 32 Kilometer zurücklegen. «Mich fasziniert es, Grenzen auszuloten, mental und körperlich.»

Vor gut vier Jahren hat die begeisterte Wassersportlerin zum ersten Mal das Stand-Up-Paddling ausprobiert, das abgekürzt auch SUP genannt wird.

«Das war in meinen Ferien in Chile», erzählt sie. Geplant war eigentlich Kitesurfen. «Doch es gab einfach keinen Wind! Zwei Wochen lang!» Ein Chilene rettete sie: Er lieh ihr sein SUP-Brett aus, und sie versuchte es damit, statt sich über die Flaute zu ärgern.

Einmal drauf, hat es sie gepackt. «Es ist viel mehr als einfach ein bisschen paddeln», sagt sie. «Es ist eine Herausforderung, das Gleichgewicht zu halten, und man braucht ausserdem auch Kraft und Kondition.»

Als Micheline Hauchecorne anschliessend in der Schweiz eines der schnelleren Rennbretter ausprobierte, war es endgültig um sie geschehen. Bald darauf mass sie sich an Wettkämpfen mit Gleichgesinnten und nahm an der SUP-Tour teil, einer Reihe von Wettkämpfen an verschiedenen Orten in der Schweiz. Ein paar Dutzend angefressene Teilnehmer sind dabei, mehr nicht. Micheline Hauchecorne wurde auf Anhieb Zweite in der Gesamtwertung. «Das hat mich gefreut.»

Ihr Antrieb ist aber nicht der Wettkampf und das Siegen. Ihr Antrieb ist die Herausforderung und diese mit möglichst grosser Leichtigkeit zu schaffen. Und der Sport macht ihr schlicht und einfach Spass. Besonders die Langstrecken von 12 bis 18 Kilometer. Das ist einmal längs durch den Bielersee.

«Bei längeren Strecken kommt noch etwas Mentales dazu», sagt die quirlige Frau und erklärt begeistert: «Das reizt mich. Denn was passiert mit dir, wenn du mitten auf dem See bist und nicht mehr magst? Du kannst nicht einfach aufgeben.» Die Begeisterung für Wassersport reicht bis in die Kindheit zurück Seit ihrer Jugend ist die Frau mit dem eleganten Nachnamen – ihr Vater ist Franzose – gerne auf dem Wasser. Mitten in der Stadt Bern aufgewachsen, fuhr sie mit ihrem Bruder oft zum Segeln und Surfen an den Bieler-, Neuenburger- oder Murtensee. Heute wohnt sie einen Katzensprung vom Bielersee entfernt im ländlichen Brüttelen BE.

«Sport habe ich immer geliebt und gebraucht als Ausgleich zur Arbeit.» So sehr sie sich in ihrer Freizeit Wind und Wetter durch die kurzen Haare wehen lässt, so erdverbunden und bodenständig ist Micheline Hauche­cornes Beruf. Sie ist Gartenplanerin und führt mit ihrem Freund Jörg Husi (53) das Gartenbaugeschäft Hortus integralis, das sich gleich neben ihrer Wohnung befindet.

Lange Jahre war Kitesurfen Michelines grosse Leidenschaft, und sie ist wenn möglich jeden Winter, wenn im Gartenbau naturgemäss wenig los ist, Wind und Wellen nachgereist. Schön, aber: «Fürs Kiten brauche ich das Meer. Auf dem Brett paddeln kann ich vor meiner Haustür, ich bin unabhängig von passenden Windstärken und idealen Wellen.»

Und weht beispielsweise auf dem Bielersee die Bise zu stark, kann sie auf den Murtensee ausweichen, wo der Wind meist viel schwächer ist.

Mit reduziertem Einsatz im Betrieb ist auch das tägliche Training machbar Ihr Pensum im Gartengeschäft hat Micheline Hauchecorne heruntergeschraubt, sie arbeitet derzeit nur halbtags, damit sie ihre wöchentlichen 15 Trainingsstunden schafft. In ihrer Wohnung entdeckt man neben stimmungsvollen Dekorationen überall Sportgeräte – etwa ­einen Gymnastikball im Büro, Reckstangen über dem Wohnzimmertisch und im Türrahmen, daran befestigte Trainingsbänder, Kugelhanteln und Sypobabrett. Neben dem Training auf dem Wasser macht sie zu Hause Kraft- und Gleichgewichtsübungen.

«Sport kennt kein Alter», sagt Micheline, die eine jugendliche Lebenslust voller Energie ausstrahlt. «Beweglichkeit steigern, Aus­dauer und Muskeln aufbauen kannst du immer. Man braucht einfach Disziplin.»

Auf die Idee, von Bordeaux ins Mittelmeer zu paddeln, kam sie durch eine Freundin, die mit ihrem Partner jedes Jahr Bootsferien in Südfrankreich macht und meistens durch die Kanäle schippert. «Komm doch auch mal mit», sagten die beiden im letzten Sommer. Micheline meinte, das sei ihr zu langweilig. Die Reaktion war «Komm doch mit Brett und Paddel!» Eine Idee war geboren. Zusammen heckten sie aus, wie man sie umsetzen könnte.

Nun startet Micheline Hauchecorne am 4. April in Bordeaux, fährt mit der Atlantikflut die Garonne hoch und zweigt in Castets-en-Dorthe in den Canal de la Garonne ab, der in Toulouse in den Canal du Midi mündet. Ihr Ziel ist der Leuchtturm von Port-la- Nouvelle im Mittelmeer. Von ihrem Partner Jörg und ihren Freunden Jsabel (60) und Ueli (68) wird sie mit dem Boot begleitet. Sie wollen das Abenteuer fortlaufend filmen und dokumentieren und online publizieren.

«Ueli ist ein begnadeter Drohnenpilot und macht gern verrückte Filmli», erzählt Micheline Hauchecorne lachend und zeigt eines davon. Man sieht sie dabei mitten durch einen Tannenwald paddeln. Wie geht das, fragt man sich, ein Bächlein im Wald ist doch viel zu seicht und schmal.

Die Auflösung folgt am Schluss: Micheline steht auf dem Brett, das auf ein Autodach gebunden ist und paddelt in der Luft. Ueli hat sie auf einer Fahrt durch ein Wäldchen von unten gefilmt. Stand-Up-Paddling macht einer begeisterten Wassersportlerin wie ihr sogar abseits des Wassers Spass.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Beat Schweizer