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04. Juni 2012

Paarzeit

«Eine schöne Paarzeit!», wünsche ich den anderen Eltern noch; die verstehen offenbar «Paarungszeit» und lachen. Die meisten haben ein kinderfreies Wochenende vor sich, wie wir — Anna Luna an einem Fussballturnier in Deutschland, Hans im Pfingstpfadilager. Eben habe ich ihn am Treffpunkt abgeliefert, zu seinem Ärger noch einmal gefragt, ob er auch alles dabei habe — «Und pass auf wegen der Zecken!» — und mich verabschiedet. Jetzt rasch zwei Becher Starbucks-Kaffee besorgt, «Spiegel», «Stern» und «Rolling Stone» als Lektüre, und ab in den Zug, wo die Liebste schon wartet. Endlich! So gern man die Kinder hat, tut es doch gut, mal wieder nur zu zweit zu sein. Ungestörte Ruhe!

«Endlich zu zweit, endlich ungestört...»
«Endlich zu zweit, endlich ungestört...»

Die «Ruhe» geht dann so: Unmittelbar vor uns im flugzeugbestuhlten Bahnwagen eine Mutter samt Säugling in einer Tragtasche und einem knapp fünfjährigen Bengel. Hab ich Bengel gesagt? Ja. Glotzt die ganze Zeit durch den Spalt zwischen den Lehnen nach hinten, macht Faxen, furzt, brabbelt, krakeelt und singt. Aber es ist kein liebliches Singen, nur ein lautes. Er turnt herum, sabbert, kommentiert dazu immerfort die vorbeiziehende Landschaft: «Guck ma’, Mama! Fussballfelder! Warum hats hier Fussballfelder? Mama! Mamaaaa?!» Aber die Mama hört nicht hin. Wenn im öffentlichen Verkehr alte Männer jeden Schriftzug draussen laut vorlesen — «Aha, schau, Rösi, die Jowa-Bäckerei! … Jää, soo, Baustelle, Strabag, hä …» —, gibt man unumwunden zu, dass sie einen nerven. Aber ein Kleinkind? Darf ich mich über ein Kleinkind ärgern? Und über die Mama, die an ihrem Pils nippt, ohne dem Balg Einhalt zu gebieten?

Endlich zu zweit, endlich ungestört...

Ich darf. Immerhin haben wir uns eigens erste Klasse geleistet. Jetzt fängt auch noch das Baby zu quengeln an, vom Bruder geneckt. Der schmiert seine Schokoladefinger am Polster ab und fragt kurz vor Buchs: «Mama, wird dieses Gras Schilf? Mamaaaa!» Wenigstens hört sie diesmal hin, erklärt: «Nein, Heu. Getrocknetes Gras wird Heu.» — «Nein, Mama. Schilf!» Fände man sein eigenes Kind herzig, wenn es so altklug widerspräche? Womöglich schon. Aber jetzt ist ja Paarzeit, Ruhezeit, kinderfrei … «Mamaaa! Wann sind wir endlich dort?» — «Wir fahren jetzt noch eine Weile, und am Bahnhof treffen wir dann den Papa.» — «Welchen Papa?» Aha. Offenbar mehrere Väter. So genau wollten wir es gar nicht wissen. Wollten nur unsere Ruhe genies … «Mamaaaaaa!»

Am Abend dann, in einem nicht unnoblen Restaurant — Kerzenlicht! —, belustigen wir uns gerade über die Weinempfehlung: «Rauchig-röstig beginnend, schüchterne Anklänge von Marillen und Kriecherln, aber auch nussige Würze», liest meine Frau mit gedämpfter Stimme vor, «zeigt überraschend kräftige Konturen, arbeitet so richtig am Gaumen, geradlinig im Abgang.» Der Jargon hat etwas von den nichtssagenden geschwurbelten Schulleitbildern, denk ich grad, da kommt unterm Tischdamast ein blonder Wuschelkopf zum Vorschein. Ein Kerlchen von vielleicht zweieinhalb Jahren ist unter unserem Tisch durchgekrochen. «Paul!», rufen seine Eltern entsetzt. «Um Himmels willen, Paul!» Aber es besteht kein Grund zur Aufregung, der Kleine ist doch süss! Und natürlich bricht nun die Längizyti nach den eigenen Kindern durch.

Rauchig-röstig? Es handelte sich um einen teuren Riesling. Ich habe dann ein Bier bestellt.

Bänz Friedi (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli