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21. September 2015

Othmar Schelbert: Gebärden- als Muttersprache

Wie Margrit Stocker (Porträt rechts) verlor auch der Zuger Othmar Schelbert die Hörfähigkeit aufgrund einer Meningitis im Kindesalter. Das Wichtigste für hörende Mitmenschen? Keine Berührungsängste.

Othmar Schelbert als Maschinenbauer
Othmar Schelbert als Maschinenbauer: In der Ausbildung mit Übersetzungshilfe.

Bei Othmar Schelbert (34) aus Menzingen ZG ist das anders. Auch er verlor als Kind sein Gehör aufgrund einer Hirnhautentzündung, besuchte ebenso wie Margrit Stocker die Gehörlosenschule in Hohenrain. Erst in der Sekundarstufe der Gehörlosenschule Zürich wurde er in Gebärdensprache unterrichtet. «Das war eine unglaubliche Erleichterung», erinnert er sich. «Auf einmal habe ich alles verstanden, ohne dass ich mich anstrengen musste.» Für ihn wird die Gebärdensprache zur Muttersprache, zur einzigen Sprache, in der er sich schnell und differenziert ausdrücken kann.

Er machte eine Lehre zum Werkzeugmacher, später eine Weiterbildung an der Technikerschule mit dem Schwerpunkt Maschinenbau. Drei Jahre wird er von zwei Gebärdendolmetschern dabei begleitet. Othmar Schelbert: «Während meine Mitschüler den Stoff von der Tafel ablesen und gleichzeitig dem Lehrer zuhören konnten, mussten meine Augen überall sein, an der Tafel und bei meinem Dolmetscher. Das war eine sehr anstrengende Zeit.»

Besonders begehrt sind hörbehinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt nicht, weiss Carlo Picenoni, Leiter der Gehörlosenfachstelle in Luzern. Das liege zum einen an den Vorurteilen vieler Personaler. Kundenkontakt sei schwierig, heisst es, oder im Arbeitsalltag bleibe keine Zeit für umständliche Erklärungen. Carlo Picenoni: «Ausserdem wird das verminderte Wissen der Gehörlosen oft mit minderer Intelligenz gleichgesetzt. Zu Unrecht.» Dabei sind Gehörlose nur von einer wichtigen Informationsquelle abgeschnitten: Ironie, Freude, Wut – alles, was über den reinen Informationsgehalt einer Nachricht hinaus über den Klang der Stimme vermittelt wird, bekommen sie nicht mit.

Für Othmar Schelbert scheint das kein grosses Problem zu sein. Noch während der Schulzeit macht er zwei Schnupperlehren – und bekommt von beiden Unternehmen eine Lehrstelle angeboten. «Sie waren von meinem Engagement beeindruckt», sagt er, «das hat mir grossen Auftrieb gegeben.» Heute arbeitet er als Konstrukteur. «In meiner Firma unterrichte ich Kollegen ein Mal pro Woche in Gebärdensprache», erzählt er. Auch sein Chef bemüht sich, seine Arbeitsanweisungen zusätzlich mit Gebärden auszudrücken. Othmar Schelbert: «Es ist ein tolles Team.»

Die Arbeit, seine Familie, das ist die hörende Welt. Am Wochenende lebt Othmar Schelbert in der gehörlosen, mit seiner – ebenfalls gehörlosen – Partnerin und seinen gehörlosen Freunden, die in der Zentralschweiz verteilt wohnen. Mit ihnen gebärdet er. Othmar Schelberts Eltern und Brüder haben die Gebärdensprache nie gelernt. Natürlich fühle er sich seiner Familie verbunden, sagt er. Aber als Gehörloser unter Hörenden sei man immer ein wenig allein.

Wie Hörende es gehörlosen Menschen leichter machen können? Indem sie klar und deutlich sprechen, Blickkontakt halten. Sagt Othmar Schelbert, «damit wir von den Lippen lesen können. Ansonsten braucht es nicht viel. Berührungsängste am allerwenigsten.»

Othmar Schelbert setzt das Vordemonstrierte in die Praxis um
Othmar Schelbert setzt das Vordemonstrierte in die Praxis um.

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: Tina Steinauer