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19. Januar 2015

«Leute, die keine Angst haben, leben nicht lange»

Wir fürchten uns oft vor dem Falschen, sagt Risikoforscher Ortwin Renn. Nicht Ebola oder Migration sollten uns Sorgen machen, sondern der Klimawandel und politischer Extremismus.

Ortwin Renn
Der Risikosoziologe Ortwin Renn in seinem Büro an der Universität Stuttgart.

Ortwin Renn, wir werden immer älter, leben immer gesünder und komfortabler – und haben immer mehr Angst vor allem Möglichen, das uns diesen herrlichen Luxus madig machen könnte. Warum ist dies so?

Es gibt immer weniger direkt wahrnehmbare Gefahren, dafür immer mehr vage Bedrohungen, die wir mit unseren Sinnesorganen nicht erkennen können und für die uns die persönliche Erfahrung fehlt. Hat es BSE im Fleisch, elektromagnetische Strahlungen in der Luft, Herbizide im Wasser? Wir können das selbst nicht nachprüfen, sondern sind auf Informationen Dritter angewiesen. Nur: Wem vertrauen wir? Der eine sagt dies, der andere jenes. Das alles führt zu einer grossen Verunsicherung – wir haben den Massstab verloren, um beurteilen zu können, was wirklich gefährlich ist und was nicht.

Macht uns das ängstlicher als früher?

Wir haben häufiger Angst vor Unsicherheiten als vor Gefahren, die konkret vor uns stehen. Und diese Unsicherheiten haben zugenommen.

Angst zu haben ist evolutionär gesehen ein Erfolgsrezept. Grundsätzlich also keine schlechte Sache, oder?

Richtig. Leute, die keine Angst haben, leben nicht lange. Aber dieser Mechanismus entstand in einer Zeit, in der wir mit ganz anderen Gefahren konfrontiert waren. Angst ist lebenswichtig, aber wovor wir Angst haben, ist oft den realen Bedrohungen nicht angemessen.

Jede Stunde bekommen wir eine neue Katastrophe plastisch vor Augen geführt, von deren Existenz wir früher gar nichts oder nur viel später erfahren hätten.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass wir dazu neigen, uns vor dem Falschen zu fürchten. Wovor sollten wir weniger Angst haben?

Wir sind sehr ängstlich gegenüber allem, was unseren Nahrungsmitteln oder Konsumgütern künstlich hinzugefügt wird, Pestizide zum Beispiel. Von 100 000 Schweizern bekommen etwa 26 000 Krebs – ungesunde Ernährung ist für 9500 Fälle verantwortlich, Pestizidrückstände für maximal 20. Sie sind also nicht ungefährlich, aber vergleichsweise wenig relevant.

Zwei Drittel aller vorzeitigen Todesfälle lassen sich auf vier Faktoren zurückführen: Rauchen, zu viel Alkohol, ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung. Statt diese Risikofaktoren zu reduzieren, fürchten wir uns lieber vor Ebola. Weshalb?

Ebola können wir nicht aus eigener Erfahrung einschätzen. Und obwohl viel mehr Menschen der gewöhnlichen Grippe zum Opfer fallen, machen uns die Vogelgrippe oder Ebola mehr Angst. Die normale Grippe glauben wir, im Griff zu haben. Hinzu kommen Gruppen, die solche Unsicherheiten ausnützen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Es hilft auch nicht, dass wir über die Massenmedien zeitgleich alles erfahren, was auf der Welt passiert. Jede Stunde bekommen wir eine neue Katastrophe plastisch vor Augen geführt, von deren Existenz wir früher gar nichts oder nur viel später erfahren hätten. So entsteht der Eindruck, wir wären nur so von Katastrophen und Risiken umzingelt.

Wer liest schon einen Artikel mit der Schlagzeile «60 Jahre sichere Lebensmittel bei Migros»?

Wie stark sind sensationslüsterne Medien mitschuldig, dass wir uns vor wenig relevanten Gefahren übertrieben fürchten?

Sicherlich sind sie Mitverursacher. Auf der anderen Seite mögen wir diese Storys halt auch am meisten. Wer liest schon einen Artikel mit der Schlagzeile «60 Jahre sichere Lebensmittel bei Migros»? «Neuer Keim in Schweizer Milch entdeckt» hingegen zieht. Wir haben in unserem Alltag ein so hohes Sicherheitsniveau erreicht, dass wir das mit gesteigertem Interesse an Gefahren kompensieren.

Wie stark stehen kommerzielle Interessen hinter dem Schüren von Ängsten?

Das spielt sicher mit. Von Ängsten leben ganze Branchen, nicht zuletzt die Versicherungen. Besonders problematisch finde ich gewisse Lebensmittelfirmen, die den Konsumenten mit der linken Hand Dickmacher verkaufen und mit der rechten Diätprogramme.

Fürchten sollten wir uns vor allem vor systemischen Risiken, sagen Sie. Was muss man sich darunter vorstellen?

Das sind Risiken, die sich schleichend aufbauen, unser Leben aber dramatisch aus der Bahn werfen können, wenn sie dann zuschlagen. Ein Beispiel ist die Finanzkrise, die von ein paar Banken in den USA ausging und rasch den ganzen Globus erfasste – mit Folgen für alle, nicht nur Banker und Börsianer. Systemische Risiken nehmen auch deshalb zu, weil fast alle Lebensbereiche miteinander vernetzt sind, was unsere Verletztlichkeit erhöht. Wenn in A was passiert, sind schnell auch B, C und D betroffen.

Haben Sie weitere Beispiele?

Seit etwa 1950 greifen wir in einer Weise in die Natur ein, die globale Folgen hat: Überfischung, Süsswassermangel, Klimawandel. All diese Dinge sind nicht so sehr ein Problem für die Natur an sich, die passt sich an – ob wir als Spezies das auch schaffen, ist eine andere Frage. Die grosse Herausforderung ist, dass wir reagieren müssen, bevor wir die Folgen dieser Entwicklungen so richtig spüren, denn wenn sie einmal da sind, ist es oft schon zu spät. Solches vorausschauende Handeln jedoch fällt uns sehr schwer. Ein weiteres Beispiel sind die Folgen der Modernisierung: Es gibt zwar unendlich viele Sinnangebote, aber kaum welche, die überzeugen. Zunehmende soziale Ungleichheit und Werteverunsicherungen führen zu grossen Frustrationen, bis hin zu Aggressionen, Fundamentalismus und Terrorismus.

Terrorismus ist wie ein Virus, der sich in die Köpfe der dafür anfälligen Gruppen einnistet und sich ausbreitet.

Und die Angst vor Terrorismus scheint nicht unberechtigt. Terrorexperten sagen, es sei nicht die Frage, ob, sondern wann der nächste Anschlag kommt – das klingt nach systemischem Risiko.

Das ist so: Systemische Risiken sind global, sie können jeden treffen und einen Dominoeffekt von negativen Reaktionen auslösen. Das trifft auch auf den Terrorismus zu: Er ist wie ein Virus, der sich in die Köpfe der dafür anfälligen Gruppen einnistet und sich immer mehr ausbreitet. Was aber die Ereignisse in Frankreich vorletzte Woche gezeigt haben, war die Widerstandskraft der Bevölkerung. Sie hat nach dem Anschlag klar signalisiert, dass sie sich von diesem Virus nicht unterkriegen lässt. Ähnliches haben wir nach dem Anschlag in Norwegen 2011 erlebt. Das zeigt: Wir sind nicht machtlos gegen systemische Risiken.

In Deutschland demonstrieren seit einigen Wochen Tausende gegen die «Islamisierung des Abendlandes». Sie fühlen sich nach dem Attentat in Paris bestätigt, dass der Islam gefährlich ist. Zu Recht?

Natürlich nicht. In jeder Zeit haben Demagogen Religion oder kulturspezifische Überzeugungen missbraucht, um eigene Machtinteressen zu begründen, die Überlegenheit der eigenen Kultur oder Rasse herauszustreichen und dafür Rückhalt bei Sympathisanten zu finden. Wäre es nicht der Islam, würden sie auf andere weltanschauliche Sinnmuster setzen. Der Altar der Überzeugungen und Glaubensinhalte bleibt niemals leer. Sinnfindung gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Aber man kann damit auch Schindluder treiben.

Extremismus ist laut Renn die konkretere Gefahr als Ebola: Doch habe das Volk nach dem Attentat in Paris klar signalisiert, dass es vor diesem Virus nicht kapituliere.
Extremismus ist laut Renn die konkretere Gefahr als Ebola: Doch habe das Volk nach dem Attentat in Paris klar signalisiert, dass es vor diesem Virus nicht kapituliere.

Und was soll man von den Pegida-Demonstrationen halten?

Globalisierung und Pluralisierung überfordern die Menschen häufig. Auf der einen Seite gibt es angesichts der Gräueltaten in den Herkunftsländern ein hohes Mass an Mitgefühl mit den Opfern, auf der anderen Seite steht das Misstrauen, dass neben den Opfern auch Täter kommen, welche die Wertordnung in Deutschland untergraben wollen. Diese Angst kann neue Diskriminierungen von Muslimen auslösen, die wiederum deren Radikalisierung Vorschub leisten könnten. So schaukelt sich dieses systemische Risiko hoch, bis es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt.

Die Angst und die Folgen daraus erhöhen also das Risiko, dass tatsächlich etwas passiert?

Genau. Was aber gerade in Frankreich zu beobachten war, gibt Anlass zur Hoffnung: Millionen von Menschen haben für Solidarität mit der freiheitlichen und toleranten Grundordnung demonstriert, und Vertreter aller Religionen haben sich die Hand gereicht.

Warum ängstigen uns die meisten anderen systemischen Risiken zu wenig?

Intuitiv sehen wir einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nur bei örtlicher oder zeitlicher Nähe: Da draussen steht ein Handymast, ich habe Kopfschmerzen, das müssen die Strahlen sein. Bei systemischen Risiken sind Ursache und Wirkung oft weit verstreut: Ich fahre jetzt hier Auto, in der Antarktis schmilzt später ein Gletscher. Man weiss zwar irgendwie schon, dass es da Zusammenhänge gibt, aber es besitzt keine unmittelbare Handlungsrelevanz. Erschwerend kommt hinzu, dass der Gletscher nur dann nicht schmelzen würde, wenn neben mir noch Millionen andere ihr Verhalten ändern würden. Es fällt dann leicht zu denken: Tun die eh nicht, also muss ich auch nicht.

Es ist ja auch schwierig, wirklich wirksam etwas dagegen zu tun.

Es braucht kollektives Handeln. Nur werden wir dann auch schnell mit Stimmen konfrontiert, die finden: Ach, das Risiko ist doch völlig übertrieben, es ist gar nicht nötig etwas zu tun. Wenn solche Stimmen überdies von Parteien gestützt werden, wird es ganz schwierig, gesellschaftlich genügend Akzeptanz für das nötige Handeln zu finden.

Es ist sinnvoll, Energie mit Systemen zu erzeugen, die weniger katastrophenträchtig sind als Kernkraftwerke.

Gibt es Beispiele, wo die Welt ein systemisches Risiko in den Griff bekommen hat?

Bei der Finanzkrise hat man es versucht, wie erfolgreich wird sich erst noch zeigen müssen. Eine klare Erfolgsgeschichte ist der Bann von FCKW im Kampf gegen das Ozonloch. Und bei der Atomenergie sind wir in Deutschland und der Schweiz auf dem richtigen Weg. Es ist sinnvoll, Energie mit Systemen zu erzeugen, die weniger katastrophenträchtig sind als Kernkraftwerke.

Was unterscheidet diese erfolgreich angegangenen Risiken von den anderen?

Am heikelsten sind Risiken, welche die Allgemeinheit betreffen, zu der aber jeder Einzelne nur marginal beiträgt. Das macht es so schwierig, den Klimawandel zu bekämpfen. Ein anderes grosses Problem ist die Hybris. Jeder wusste, dass die Immobilienblase in den USA irgenwann platzt, aber alle Akteure waren sicher, dass sie vorher noch rauskommen und es nur die anderen treffen wird. Das gelang letztlich nur ganz wenigen. Beim Bann von FCKW half es, dass die betroffenen Unternehmen bereits Ersatzstoffe entwickelt hatten, mit denen sich auch Geschäfte machen liessen. Zudem war das Ozonloch unbestreitbar da und hatte konkrete Folgen. Schliesslich gab es die Zuversicht, dass kollektives Handeln Erfolg zeigen würde.

Ich kann Wissen durch Glauben ersetzen und nehme nur jene Informationen und Meinungen auf, die diesen Glauben unterstützen.

Im Buch beschreiben Sie, dass es auf systemische Risiken zwei Standard-Reaktionen gibt: Lieber mal abwarten und sehen, ob es wirklich so schlimm kommt. Oder: die Apokalypse ist nah und lässt sich eh nicht aufhalten. Beides fördert Inaktivität.

Leider. Und weil sich die Fakten oft nur schwer nachvollziehen lassen, gewinnt die Glaubenskomponente Oberhand. Ich kann Wissen durch Glauben ersetzen und nehme nur jene Informationen und Meinungen auf, die diesen Glauben unterstützen. Wenn ich gerne meinen Mercedes ausfahre, glaube ich lieber jenen, die den Klimawandel für eine Schimäre halten. Und die Neigung zur Übertreibung entsteht dadurch, dass sie heute beinahe der einzige Weg ist, um sich in der Kakofonie der Informationen Gehör zu verschaffen.

Alle wesentlichen Entwicklungen auf dem Globus laufen in die falsche Richtung, heisst es im Vorwort Ihres Buchs in Bezug auf Klima und Nachhaltigkeit. Das klingt düster.

Das hat der Herausgeber geschrieben, ich bin nicht ganz so pessimistisch. Wenn man allzu düster malt, löst das eher Resignation aus. Doch das wäre falsch: Man kann nämlich sehr wohl ­etwas gegen systemische Risiken unternehmen. Die Welt hat sich nicht von alleine in vielen Bereichen zum Positiven entwickelt. Den meisten Menschen geht es besser als vor 20 Jahren, geschweige denn vor 50 Jahren. Und das dank dem beherzten Handeln von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und auch Nationen. Der erfolgreiche Kampf gegen das Ozonloch zeigt: Wenn man etwas tut, funktioniert das auch. Wichtig aber ist, sich dabei auf die realen Bedrohungen zu konzentrieren und sich nicht von Scheinrisiken ablenken zu lassen.

Eine ihrer Vorschläge ist eine deliberative Demokratie, in der die Bürger direkt auf die Politik Einfluss nehmen. Geht das politische System der Schweiz in die richtige Richtung?

Die Schweiz ist auf jeden Fall weiter als Deutschland. Aber auch sie könnte noch mehr tun. Mir schwebt vor, dass vor Abstimmungen nicht nur Medien und Politiker eine Diskussion über das Thema führen, sondern dass gewöhnliche Bürger in organisierten Foren ihre Meinungen austauschen und schärfen. Da arbeiten sich zum Beispiel 40 zufällig ausgewählte Bürger in die Vorlage ein, bilden sich eine Meinung und präsentieren dann im Fernsehen gut fundiert ihre Erkenntnisse und Empfehlungen. Das hätte eine höhere Glaubwürdigkeit als Politiker oder Experten, denen man heute nur noch selektiv über den Weg traut.

Letztlich muss man in unserem Teil der Welt für mehr sozialen Ausgleich und soziale Sicherheit auf ein bisschen persönlichen Wohlstand verzichten.

Nimmt in der Bevölkerung das Interesse an komplexen Fragen nicht eher ab? Man liest heute lieber Kurzfutter in Gratiszeitungen als Analytisches in der NZZ.

Ob das Interesse insgesamt abnimmt, kann ich nicht einschätzen. Einige Trends in die Richtung fallen mir aber schon auch auf. Problematischer ist aus meiner Sicht die starke Relativierung des Wissens. Sie ist auch eine bequeme Entschuldigung, nichts mehr zu lernen, da ja alles Wissen früher oder später eh über den Haufen geworfen wird. Aber so ist es ja nicht: Es gibt auch heute noch wissenschaftliche Wahrheiten und Tatsachen. Aber leider können sich viele Zeitungen heute Wissenschaftsjournalisten gar nicht mehr leisten. Der Aufklärungsaspekt ist praktisch weg. Die wichtigen Informationen wären eigentlich schon da, aber sie gehen in der Flut unter.

Es liegt an jedem Einzelnen, sich zu engagieren, schreiben Sie im Buch. Was genau sollte der Einzelne tun?

Mit seinem Konsumverhalten kann man einiges beeinflussen. Da ist ja auch gerade die Migros vorbildlich. Sie bietet zertifizierte Lebensmittel, von denen man weiss, dass ökologische und soziale Leitplanken eingehalten werden. Man sollte keine Billigkleidung kaufen – die kann nur durch Ausbeutung so billig angeboten werden. Und sie hält eh nicht lange. Will man systemische Risiken reduzieren, muss man als Kollektivbürger handeln, das braucht deutlich mehr. Letztlich muss man in unserem Teil der Welt für mehr sozialen Ausgleich und soziale Sicherheit auf ein bisschen persönlichen Wohlstand verzichten. Das lohnt sich, weil die Lebensqualität in ungleichen Gesellschaften für alle sinkt.

Was tun Sie selbst im Alltag?

Ich bemühe mich. Aber wie so viele, fliege auch ich zu oft. Und man sieht mir an, dass ich gerne esse. Ich laufe also nicht immer voran, sondern schleppe mich manchmal auch hinterher.

Fotograf: Peter Granser