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21. Oktober 2013

Das Unmögliche möglich machen

Für einmal sind nicht Solisten die Stars ‒ sondern Menschen wie die Hutmacherin Dominique Stauffer, die dafür sorgen, dass die Opernaufführung reibungslos abläuft. Gewinnen Sie zum Porträt Opernhaus-Tickets für «Faust».

Dominique Stauffer arbeitet an den Kopfbedeckungen für die Chorsängerinnen im «Faust».
Dominique Stauffer arbeitet an den Kopfbedeckungen für die Chorsängerinnen im «Faust».

Wer die Oper besucht, darf für ein paar Stunden in eine Scheinwelt eintauchen. Oft handelt es sich dabei um eine Welt voller Pracht und Prunk, Glitzer und Glanz. Dabei ist alles bloss Trug und Täuschung.

Dominique Stauffer ist eine der vielen Personen, die am Opernhaus Zürich am Schein feilen. Die Hutmacherin kreiert gemeinsam mit ihren zwei Kolleginnen Kopfbedeckungen auf Auftrag.

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Ausserdem zum Thema:Wir verlosen 2x2 Tickets für die Aufführung von Charles Gounods «Faust» am 9. November 2013 im Zürcher Opernhaus. Zur Verlosung

Derzeit arbeitet sie für die Oper «Faust». Die Kostümbildnerin brachte ihr ein Bild der Schauspielerin Claudette Colbert, die 1934 im Film «Cleopatra» die Hauptrolle spielte. Colbert trägt einen Helm aus übereinandergeschichteten Silberplättchen. Den soll Dominique Stauffer nachbauen und mit einem Geweih versehen.

Eine Hutmacherin am Opernhaus braucht auch historisches Wissen

Wie die 29-Jährige diese Aufgabe löst, ist ihr überlassen. Hauptsache, das Ganze wirkt möglichst echt und wird den Herausforderungen der Oper gerecht — sprich Schweiss, Fliehkraft und Sterbeszenen sollten dem eigenwilligen Accessoire nichts anhaben können, gleichzeitig sollte es die Tänzer nicht bei ihren Bewegungen behindern und die Sänger nicht beim Hören stören.

«Wir machen das Unmögliche möglich», erklärt Dominique Stauffer den Job der Hutmacher an der Oper. Wenn sie einen neuen Auftrag erhält, denkt sie regelmässig: Nein, das geht nun wirklich nicht. Dann macht sie sich auf die Suche nach geeigneten Materialien, tüftelt und probiert mit Mustern und präsentiert schliesslich ein erstes Modell.

Hutmacher, auch Modist oder Putzmacher genannt, ist ein seltener Beruf. Pro Jahr gibt es in der Schweiz bloss fünf Lehrstellen. Für die Abgänger ist es nicht einfach, einen Job zu finden. Und wer im Opernhaus arbeiten will, muss zusätzliche Fähigkeiten mitbringen, wie zum Beispiel historisches Wissen oder zumindest den Willen, sich in verschiedene Epochen und Stile einzuarbeiten.

«Oft müssen wir zuerst herausfinden, was die Kostümbildner überhaupt wollen. Die kommen und sagen zum Beispiel: ‹Wir brauchen einen Borsalino.› Doch Borsalino ist keine Form, sondern eine Marke. Die Kostümbildner meinen einen Mafiahut und haben eine genaue Vorstellung, wie der aussehen soll, aber eben bloss in ihrem Kopf.»

Schauspielerin Claudette Colbert als Kleopatra
Ein Bild der Schauspielerin Claudette Colbert als Kleopatra aus dem Jahr 1934 dient Hutmacherin Stauffer als Vorlage. (Bild: Getty Images)

Bei der Kopfbedeckung, an der Dominique Stauffer derzeit arbeitet, war die Herausforderung eine andere: «Dank dem Bild weiss ich, wie das Ganze ungefähr aussehen soll. Dafür hat mich das Silber auf die Probe gestellt.» Echte Silberplättchen zu verwenden, wäre natürlich viel zu teuer. Und sowieso: Das Gewicht würde die Trägerin bloss stören.

Bis die Modistin das geeignete Material fand, musste sie allerlei probieren. Schliesslich entschied sie sich für einen feinen silbernen Stoff, den sie mit einer Hemdeinlage stärkte, damit er steif wurde. Der ebenmässige und grelle Glanz des Rohmaterials veränderte sie mit schwarzer Farbe, die sie mit einem Schwamm auftrug. So wirken die Plättchen schliesslich, als ob sie oxidiert wären, wie echtes Silber eben.

Die Hüte am Opernhaus können oft nicht verrückt genug sein

«Bei metallischen Materialien ist der Glanz oft ein Problem: Schimmert es zu fest, spiegelt es unter den Scheinwerfern zu stark.» Das irritiere die Zuschauer und sei vor allem kontraproduktiv, wenn die Trägerin bloss eine Nebenrolle habe. «Die Solisten dürfen auf keinen Fall überstrahlt werden.»

Auf Auftrag zu arbeiten, ist nicht jedermanns Sache. Für Dominique Stauffer ist aber gerade dieser Punkt ein Grund, warum die Oper für sie der richtige Arbeitsort ist. «Ich suche gerne nach kreativen Lösungen für vorgegebene Formen.»

Dominique Stauffer hat schon immer gerne gebastelt. Am Opernhaus geniesst sie die unbeschränkten Möglichkeiten: «Normale Hüte müssen alltagstauglich sein, bei uns kann es oft nicht verrückt genug sein.» Zuweilen muss sie eine Kopfbedeckung fertigen, dir ihr optisch nicht gefällt, aber technisch herausfordernd ist. Manchmal würde sie am liebsten noch viel länger tüfteln, aber oft muss sie einfach produzieren. «Für den Faust sind 130 Hüte bestellt. Bis zur Premiere muss ich mich sputen. Aber es wird auch dieses Mal klappen — wie immer, irgendwie.»

Nächste Folge: Maestro suggeritore Vladimir Junyent

Autor: Andrea Freiermuth