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18. November 2013

Die heimliche Hausherrin

Für einmal sind nicht berühmte Solisten oder Figuren wie Don Giovanni die Stars, sondern die Menschen, die entscheidend dafür sorgen, dass eine Opernaufführung reibungslos verläuft. Im siebten und letzten Teil der Migros-Magazin-Serie über das Zürcher Opernhaus spielt die Pförtnerin der Oper, Margreta Jemmi, die Hauptrolle. Gewinnen Sie zum Porträt Opernhaus-Tickets für die letzte «Jenufa»-Aufführung.

Pförtnerin Margreta Jemmi im leeren Opernsaal
Pförtnerin Margreta Jemmi ist seit mehr als 20 Jahren am Opernhaus tätig und davon so begeistert wie am ersten Tag :«Ist es nicht wunderschön, mein Haus?»

Zügig führt Margreta Jemmi (54) durch das Labyrinth von grau­blauen Betongängen. Treppe rauf, Treppe runter, vorbei an Garderobenkästchen, Scheinwerfern und Requisiten. Dann stösst sie eine unscheinbare Tür auf und steht im wohlig warmen Opernbauch.

«Ist es nicht wunderschön, mein Haus?», fragt Margreta Jemmi und streicht liebevoll über den roten Samt der Stühle im ersten Rang. Die gebürtige Bündnerin ist die heimliche Herrin des Opernhauses. Sie kennt es aus ganz unterschiedlichen Funktionen, ist schon seit mehr als 20 Jahren dabei. Sie weiss stets, wer ein- und ausgeht.

Szene aus «Jenufa». (Bild zVg)
Szene aus «Jenufa». (Bild zVg)

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Margreta Jemmi ist Pförtnerin am Künstlereingang auf der Hinterseite des Opernhauses. Dort sitzt sie normalerweise hinter einer Glasscheibe, neben dem Telefon, vor dem Computer und dem Probenplan, den Knopf für die Schiebetüre stets in Reichweite.

Am liebsten wäre sie selber Primaballerina geworden
Sie begann 1991 als Garderobiere. Mit dem Studentenjob finanzierte sie sich ihr Zweitstudium als Heilpädagogin. Doch einmal mit der Welt von Verdi, Mozart und Co. in Kontakt gekommen, packte sie das Opernfieber. Sie wurde Platzanweiserin, Chefin von 50 Angestellten im Empfangsbereich und später Sekretärin im künstlerischen Betriebsbüro. Heute arbeitet sie zwei Tage pro Woche als Heilpädagogin in einem Kindergarten, drei Tage an der Pforte und lotst hin und wieder als Führerin Besucherinnen und Besucher hinter die Kulissen. Am liebsten sind ihr Gruppen mit Kindern.

Die Pädagogin weiss, wie sie die Kleinen packen muss. Zu Beginn sagt sie ihnen jeweils, das Opernhaus sei keine Turnhalle. Sie erzählt ihnen von den feinen Damen, die abends in edlen Stoffen über den roten Teppich schweben. Macht sie aufmerksam auf die goldenen Verzierungen, die barocken Engelchen und die standfesten Säulenfiguren. Mit ihren Worten scheinen die Wände plötzlich lebendig zu werden. Die Kleinen staunen, werden von Ehrfurcht gepackt – und denken nicht im Traum dran, herumzuturnen.

Für Erwachsene ist meist die Bühne das Highlight. Sie wollen erleben, wie es ist, dort oben zu stehen. Die gefüllten Ränge, die grellen Scheinwerfer und den wahnsinnigen Druck müssen sie sich vorstellen. Die Wirkung verfehlt der Perspektivenwechsel aber trotzdem nicht. Ebenfalls nicht fehlen darf ein Blick in die Solistengarderoben. Die kommen so ganz anders daher, als sich das die Besucher vorstellen. Viel nüchterner. Üppige Blumensträusse und tonnenweise Fanpost gibt es nur in Filmen.

Am liebsten wäre Margreta Jemmi selber Primaballerina geworden. «Aber in Flims lernte man halt Skifahren.» Ausserdem wisse sie nicht, ob sie überhaupt Talent gehabt hätte. Musikalisch sei sie jedenfalls nicht besonders: «Ein Wunder, dass ich überhaupt das Flötendiplom am Seminar bestanden habe.»

Dass sie dem einstigen Berufswunsch nicht nachtrauert, ist offensichtlich. Stets grüsst sie fröhlich, meist mit Namen, und darauf angesprochen, ob es arrogante Künstler gäbe, die sie spüren liessen, dass sie halt nur Empfangsdame sei, meint sie: «Wir sind 650 Mitarbeiter, in rund 100 Berufsgattungen. Und es braucht jeden einzelnen davon, damit der Laden funktioniert.» Darum seien sie und alle anderen, die im organisatorischen Bereich arbeiten, jeweils ebenso gespannt auf eine Premiere wie die Künstler und Kreativen. Für Margreta Jemmi gibt es nichts Schöneres, als sich in den Generalproben in einem der roten Samtstühle zurückzulehnen und sich das neue Baby zu Gemüte zu führen, quasi eine Exklusivaufführung für alle Opernhausangestellten – erst noch gratis und während der Arbeitszeit.

Ein willkommenes Zückerchen im Alltag der Pförtnerin. Denn neben dem Türöffnen besteht ihr Job hauptsächlich darin, Probleme zu lösen: verlorene Utensilien und gesuchte Personen finden, pochende Kopfschmerzen lindern, fehlende Informationen liefern. «In meinen beiden Berufen als Heilpädagogin und Empfangsdame habe ich mit Menschen mit speziellen Bedürfnissen zu tun: Die Kinder im Kindergarten haben Aufmerksamkeitsdefizite, den Künstlern fehlt es oft an Pragmatismus.» Sie versteht sich als Dienstleisterin: Ihre Aufgabe sei es, für alles eine Lösung zu finden.

Sie kennt das ganze Haus und seine Geheimnisse
Margreta Jemmi beherrscht das Who-is-Who der Opernwelt. Nach ihren Ferien im Sommer meldete sich ein schüchterner Herr mit Glatze am Empfang, meinte, er sei Calixto Bieito und ob sie ihn wohl reinlassen könne. Da die Pförtnerin immer auf dem Laufenden ist, was im Haus gerade passiert, wusste sie natürlich genau, dass da tatsächlich der berühmt berüchtigte Regisseur von «Die Soldaten» vor ihr stand. Sie weiss aber nicht nur, wer reinkommt. Sie weiss auch, wer mit wem rausgeht.

Wer sie aber danach fragt, stösst bei Pförtnerin Jemmi auf taube Ohren. Diskretion ist Ehrensache.

Mit diesem Porträt schliessen wir die Artikelserie zum Opernhaus Zürich ab.

Autor: Andrea Freiermuth