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02. November 2015

Bald Online-Glücksspiele auch im Angebot von Schweizer Casinos?

Schweizer Casinos stehen finanziell unter Druck. Nun will der Bundesrat ihnen erlauben, Online-Glücksspiele anzubieten, was bisher strikt verboten war. Im Kampf gegen die Spielsucht ist der Entscheid von Vorteil, sagt Suchtforscherin Suzanne Lischer.

Online-Glücksspieler
Sieg! Bald sollen Online-Glücksspiele legal auch auf Schweizer Websites möglich sein.

Rund 300 Millionen Franken pro Jahr verlieren die Schweizer Spielbanken an ausländische Internet- Casinos, an illegale Spielclubs in der Schweiz und an Spielhallen im grenznahen Ausland, schreibt der Schweizer Casino Verband. Darunter leiden nicht nur die Umsätze der Casinos. Auch die Abgaben an die AHV, die daraus gespeist wird, verringern sich.

Nun hat der Bundesrat ein neues Gesetz verabschiedet, das neben einigen anderen Änderungen den Casinos auch erlauben würde, selbst Geldspiele im Internet ­anzubieten. Dies war bisher strikt verboten – mit der Folge, dass Tausende Schweizerinnen und Schweizer ganz legal bei ausländischen Anbietern ihr Glück versuchten. Gleichzeitig mit der Legalisierung des Angebots im Inland sollen ausländische Glücksspiel-Websites blockiert werden.

Die Schweizer Casinobranche begrüsst diese Pläne grundsätzlich, beklagt aber, dass das Gesetz frühestens 2019 in Kraft treten kann. Dies sei in diesem schnelllebigen Geschäft viel zu spät.

Ein wichtiger Aspekt ist auch der Kampf gegen die Spielsucht. Ende letzten Jahres waren in der Schweiz rund 43 000 Spielerinnen und Spieler von den Casinos gesperrt. Online-Glücksspiele gelten wegen ihrer Anonymität als besonders problematisch – erst recht bei ausländischen Anbietern, wo es gar keine Kontrollmöglichkeiten gibt.

Glücksspielsucht-Forscherin Suzanne Lischer beurteilt die Gesetzesänderung positiv, weil Schweizer Casinos zu Präventionsmassnahmen verpflichtet sind, die nun auch online greifen können.

Suzanne Lischer (40) ist Glücksspielsucht-Expertin sowie Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern.
Suzanne Lischer (40) ist Glücksspielsucht-Expertin sowie Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern.

Suzanne Lischer, bisher konnten Schweizer nur auf ausländischen Websites Online-Glücksspiele betreiben. Nun will der Bundesrat sie neu den Schweizer Casinos erlauben. Dabei gelten Internet-Spieler als besonders suchtgefährdet.

Gefährdung hin oder her: Es ist eine Realität, dass auch in der Schweiz Glücksspiele im Internet gespielt werden. Dieser Gesetzesentwurf berücksichtigt schlicht die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Und für die Spielsuchtprävention ist die Revision ein Vorteil: Im Ausland lässt sich der Spielerschutz nicht kontrollieren, bei Online-Glücksspielen von Schweizer Anbietern hingegen schon.

Werden sich die gesperrten Spieler nicht einfach andere Sites suchen?

Das ist tatsächlich eine Gefahr: Es gibt unzählige Anbieter. Deshalb will man ausländische Websites blockieren.

Ein Spieler, der unbedingt spielen will, findet einen Weg.

Ist das realistisch?

Das kann ich nur schwer beurteilen, aber es dürfte sicher eine Herausforderung sein. Ein Spieler, der unbedingt spielen will, findet einen Weg. Die Eidgenössische Spielbankenkommission arbeitet jedoch mit Experten zusammen, die es für machbar halten.

Wie gut sind Online-Spieler für die Spielsuchtprävention erreichbar?

Eigentlich sehr gut. Die Frage ist, ob der Anbieter am Spielerschutz interessiert ist oder nicht. Wenn ja, kann er online das Spielverhalten sehr genau verfolgen: Was alles wird gespielt, wie häufig, mit welchen Einsätzen? Er kann Spieler für bestimmte Games sperren oder finanzielle Limiten setzen, und er kann per Mail oder Telefon auch kommunizieren.

Mails kann man ignorieren.

Wenn Spielsperren angedroht werden, melden sich die Leute schon.

Und die Schweizer Anbieter werden tatsächlich so intensiv beobachten?

Sie werden keine andere Wahl haben; das Sozialkonzept fürs Online-Glücksspiel wird kaum weniger streng sein als in den Casinos. Und die Behörden werden es kontrollieren.

Je höher die Spielfrequenz, je höher die Einsätze, je schneller der Gewinn realisierbar ist, desto höher ist das Spielsucht-Risiko.

Welche Online-Glücksspiele sind besonders beliebt? Welche sind problematisch, welche weniger?

Alles, was es im Casino gibt, wird auch online angeboten; besonders beliebt sind Poker, Slot-Maschinen und Sportwetten. Das Gefährdungspotenzial ist dort höher, wo verschiedene strukturelle Merkmale der Glücksspiele zusammenkommen: Je höher die Spielfrequenz, je höher die Einsätze, je schneller der Gewinn realisierbar ist, desto höher ist das Risiko. Grundsätzlich kann bei Online-Glücksspielen von einem höheren Gefährdungspotenzial ausgegangen werden, da das Spielen in der Anonymität und ohne soziale Kontrolle stattfindet.

Wie viele Spielsüchtige gibt es in der Schweiz?

1,1 Prozent der Bevölkerung gilt als akut spielsuchtgefährdet, die Zahl ist seit Jahren mehr oder weniger stabil.

Da ein grosser Teil der Einnahmen beim Staat landet, hat dieser natürlich ein Interesse daran, dass das Geschäft der Schweizer Casinos läuft. Notfalls auch auf Kosten der Spielsuchtgefährdeten?

Natürlich bewegt man sich da in einem Spannungsfeld zwischen ökonomischen Interessen und dem Spielerschutz. Aber es gibt präventive Massnahmen, es gibt die Spielsperren, und bei Verstössen müssen die Casinos mit Sanktionen rechnen. 2022 werden die Konzessionen neu vergeben. Das sorgt auch für einen gewissen Druck bei den Casinos, die Massnahmen adäquat umzusetzen. Grundsätzlich scheint mir die gesetzliche Lösung ziemlich pragmatisch. Trotzdem: Es gibt Spielsüch­tige, und die Folgen sind für sie und ihr Umfeld sehr belastend und schmerzhaft

Autor: Ralf Kaminski