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10. Dezember 2012

OMG!!!

Die folgende Geschichte zunächst im Kurzabriss für die pressante Leserschaft, die dann zu den Aktionen weiterblättern will: «LOL :-))) 2g! alsa shnallt OMG nid!! DGGN. btw mir ish lw, cu!» Nichts verstanden? Dann sind Sie alt und müssen es schön der Reihe nach lesen, mir ginge es genauso. «OMG!!!», stand auf meinem Display, und ich hatte keine Ahnung, was es bedeuten sollte. Hatte meiner Tochter per SMS kundgetan, ich sei soeben dem Rapper Stress begegnet, dessen Musik sie hört; an einem Cüpli-Anlass wars, wir kennen uns von früher. Stress kam auf mich zu und begrüsste mich herzhaft, wie es seine Art ist. Klar, dass ich das sofort nach Hause meldete, mit so was kann man punkten als Vater. Binnen Sekundenbruchteilen kam zurück: «OMG!!!» Eine junge Kollegin klärte mich auf, was «OMG» bedeute, und Sie müssen sich jetzt diesen leicht überdrehten Teenietonfall vorstellen — thatralisch, laut und schrill —, haben Sie bestimmt schon im Tram gehört: «Oooh my Gooooood!».

Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete.

«Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete.»
«Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete.»

Und natürlich SMS-eln Kinder nicht, wie ich hier schrieb, sondern sie «waz-äppen» meist. (Weil SMS-eln kostet ja, wenn man das Monatskontingent an Gratis-SMS mal ausgeschöpft hat, was meist so um den Elften des Monats der Fall ist.) Sie wazäppen. Das heisst: Sie schicken ihre Mitteilungen via WhatsApp, einen kostenlosen Internetdienst. Und zwar in Gruppenchats; dieselbe Meldung ergeht an mehrere Menschen. Anna Luna betreibt auf ihrem Handy einen Chat, dem alle 22 Schülerinnen und Schüler ihrer Klasse angeschlossen sind. Und wenn 22 Teenager einander gegenseitig Mitteilungen zukommen lassen, können Sie sich vorstellen, wie oft das piepst — dauernd. Schimpfe ich bei Tisch «Warum musst du diesen belanglosen Scheiss immer lesen?», klärt sie mich auf: «Weil, weisst du, Vati, eine der Nachrichten ist ja dann wichtig, zum Beispiel, dass morgen früh die Mathi ausfällt.» Aha, deshalb muss man die einhundertsiebenunddreissig unwichtigen auch lesen, ist ja klar!

Ein Smiley?
Ein Smiley?

«Gömer fr n shule M? Sry bin ev 15MIN2L, g&k.» So und ähnlich lauten die Messages. Sprich: «Gehen wir am Freitag nach der Schule in die Migros?» Und weiter: «Sorry, bin dann eventuell 15 Minuten zu spät dran, Gruss und Kuss», denn «2L» heisst «too late». Und alles immer garniert mit Herzchen, Smileys und anderen Piktogrammen. (Hier würde Tochterherz einwenden, Piktogramm sei wieder so ein Oldie-Ausdruck; heisst natürlich «Emoticon».) Erwarten Sie nun aber nicht, dass ich das alles ganz, ganz schlimm finde. Äuää! Ich bewundere die Flinkheit der Kinder. Und solang sie noch Bücher lesen, zeichnen, Geschichten erfinden, so lange ist mir um ihre Kreativität nicht bang. Letzthin fragte Hans, als ich aus dem Haus hastete, wohin ich ginge. «An eine Podiumsdiskussion zum Thema ‹Unsere Jugend — die neuen Analphabeten?›.» Er schaut mich kurz an. «Nein, Vati! Die Jugend ist heute viel alphabetischer, als ihr es wart. Sie kann mega coole Wortspiele und Abkürzungen erfinden.» Ich schwinge mir den Schal um, er schmunzelt sein unvergleichliches Lausbubenschmunzeln und fügt an: «Und sie weiss nachher auch noch, was diese Abkürzungen bedeuten …» — «OMG!», denke ich und seckle aufs Tram.

Ach, ja: die Auflösung. LOL heisst «Laughing out loud», :-))) steht für grosses Grinsen, 2g für «too good». Also: «Zu gut, der alte Sack schnallt ‹Oh My God› nicht. Das geht so was von gar nicht! By the way, mir ist langweilig. See you!»

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli