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27. Januar 2014

Olympische Spiele 2014: Ort, Kosten und Entscheidungen

Was Sie zu den Winterspielen in der südrussischen Stadt Sotschi vom 7. bis 23. Februar in Sachen Lage, Aufwand und Medaillenvergabe alles wissen müssen.

Sotschis Olympiapark
Übersicht über Sotschis Olympiapark am Schwarzen Meer. (Bild Reuters)

DER ORT: «Russische Riviera» mit Spannungen
Als (Heil-)Bade- und Kurort für die Oberschicht hat die Stadt Sotschi mit der umliegenden Region grosse Entwicklungsschritte hingelegt. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte der Ort am Schwarzen Meer keine 1500 Einwohner, vor dem Zweiten Weltkrieg dann 70’000. Ab 1960 begann die zweite Phase des rasanten Wachstums – von unter 100’000 auf 350’000 ständige Bewohner, und dies bereits einige Monate vor den Spielen. Damit figuriert Sotschi nicht einmal unter den grössten 50 Städten Russlands (Nummer 52), obschon entlegene Siedlungen mit olympischen Wettkampfstätten wie Krasnaja Poljana dazuzählen. Der Hauptort der südrussischen Region Krasnodar mit selbem Namen überflügelt den Meerort glatt um das Doppelte.

Sotschi liegt auf demselben Breitengrad wie Nizza und weist entsprechende Temperaturen auf: In den kältesten Monaten Januar und Februar beträgt der Durchschnittswert immer noch 6 Grad, bei unregelmässigen und gelegentlich starken Niederschlägen. Neben 145 Kilometer Küstenabschnitt prägen Berge die dünn besiedelte Stadt: Der erste Kaukasus-Hügelausläufer mit bis zu 1000 Höhenmetern führt ans Schwarze Meer, die erste Hochgebirgskette mit Gipfeln über 3000 Meter ist 25 bis 40 Kilometer von der Küste entfernt.

Angesichts der nahen Grenze zu kaukasischen Nachbarländern mit antirussischen Spannungen – allein in Russland fielen zuletzt 34 Menschen Anschlägen zum Opfer – lässt die Zusammensetzung der Bevölkerung interessante Schlüsse zu: 67,5% der Einwohner haben russische Wurzeln, etwas mehr als jeder fünfte (20,2%) jedoch armenische. Die Universitätsmetropole – die Sportakademie brachte Tennisstars wie Maria Scharapowa und Jewgeni Kafelnikow hervor – verdankt ihren Ruf überdies der markanten Architektur aus der Stalinzeit und der subtropischen Vegetation.
DIE KOSTEN: Neuer olympischer Rekord
Nach der erfolglosen Kandidatur 2002 setzte sich Sotschi 2007 im Wahlprozedere des Olympischen Komitees gegen das südkoreanische Pyeongchang im letzten Wahlgang durch, weil es vom zuvor ausgeschiedenen Salzburg mehr Stimmen erbte. Die zweiten in der Ex-Sowjetunion durchgeführten Spiele nach Moskau 1980 haben mittlerweile mit allen Investitionen – dazu zählen vereinzelt Bau und Ausbau von Gebäuden und Verkehrswegen ohne unmittelbaren Wettkampfbezug – 37 Milliarden Euro überschritten. Zuerst bildeten Kosten von knapp einem Viertel die Basis für das Budget. Für Winterspiele ein einsamer Rekord, die Kosten aller bisherigen Winterspiele werden damit übertroffen.

Das Motto der Winterspiele lautet «Hot. Cool. Yours» («Heiss. Cool. Deins»). Ebenso auf Nummer sicher gehen wollen die Veranstalter mit den Maskottchen, führen sie doch gleich einen Leoparden, einen Eisbär und einen Hasen, sie wurden in dieser Reihenfolge in einer russischen TV-Umfrage bestimmt.

Blick auf einen der neuen Wintersportpaläste
Blick auf einen der neuen Wintersportpaläste (im Hintergrund), davor die Residenz von Väterchen Frost. (Bild Keystone)

Die Bauten konzentrieren sich stark auf den zentralen Olympiapark am Meer, wo neben den Eröffnungs- und Schlussfeiern (im künftigen Fussballstadion für die WM 2018!) Entscheidungen im Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Short Track und Curling fallen und auf der «Medal Plaza» Siegerehrungen stattfinden. Im höher gelegenen Krasnaja Poljana gehen die Wettkämpfe im Ski alpin (Rosa-Chutor-Areal) und Ski nordisch inklusive Skispringen, Snowboard, Freestyle, Bob und Rodeln über die Bühne.
DIE MEDAILLEN: 98 Entscheidungen und Schweizer Chancen
In sieben grossen Sportbereichen fallen vom 7. bis 23. Februar Entscheidungen in insgesamt 98 Disziplinen – 12 mehr als vor vier Jahren. Es handelt sich um die grösste Ausweitung des Programms seit Beginn der Olympischen Winterspiele vor 90 Jahren! Vier neue Entscheidungen im Snowboard und vier im Freestylebereich machen dabei den Löwenanteil aus. Über 80 Nationen gehen mit Aktiven an den Start, rund 80’000 Zuschauer werden erwartet. Auch für sie wurden nicht weniger als 20’000 neue Hotelzimmer aus dem Boden gestampft.

Die Chancen der Schweizer Sportler sind je nach Sportart sehr ungleich verteilt: Am grössten dürften sie in den Speeddisziplinen des Ski alpin, dem Skispringen, Snowboard (Halfpipe), Curling, (Zweier-)Bob, Langlauf, allenfalls Biathlon (Sprint Frauen) oder Eishockey (mindestens so sehr bei den Frauen wie bei den Männern) sein.

Übrigens: Die Schweiz nimmt auf der ewigen Rangliste der Winterspiele mit 46 Titeln und 129 Medaillen (37 mal Silber, 46 mal Bronze) Rang 8 ein, drei Plätze hinter Österreich und immerhin zwei vor Italien:

Der Slopestyle figuriert neu unter den Olympia-Entscheidungen: Programm, Parcours- und Moves-Infos. (Grafik Keystone)

1. Deutschland – 128 Gold / 358 Medaillen
2. Russland – 123 / 308
3. Norwegen – 107 / 303
4. USA – 87 / 253
5. Österreich – 55 / 201
6. Kanada – 52 / 145
7. Schweden – 48 / 128
8. Schweiz – 46 / 129
9. Finnland – 41 / 156
10. Italien – 37 / 106

Autor: Reto Meisser