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31. Oktober 2011

Oktoberfest im Kühlschrank

«Hä?! Aber, Mama …», entfuhr es dem ältesten Sohn einer Leserin aus dem Aargau, als letzthin zum ersten Mal «Wiesenmilch» auf dem Tisch stand: «Seit wann kommt die Milch aus München? » Nein, von der «Wies’n» stammt sie nicht, und dort wird, zumal im Oktober, meines Wissens auch nicht primär Milch getrunken. Franziska aus Bern meldet indes begeistert, die neue Milch schmecke irgendwie «wiesig». Fragt sich nur, ob sie das auch fände, wenn es nicht auf der Packung stünde.

Milch ist nicht gleich Milch, das war mir schon bewusst. Wollte mich ja nur ein bisschen über den schön erfundenen Namen Wiesenmilch lustig machen. Nun wurde ich aber aus berufenen Mündern aufgeklärt, unter anderen von einer Landwirtschaftsstudentin, es sei ganz und gar nicht mehr selbstverständlich, dass einheimische Kühe heimisches Gras und Heu frässen. Sondern oft vorwiegend importiertes Kraftfutter, hergestellt in Drittweltländern aus Soja. Pfui! Da haben wirs wieder mal: Jeder Griff in ein Supermarktregal, den wir tun oder lassen, ist ein Akt von höchster gesellschaftlicher Tragweite. Eh man sichs versieht, verursacht man beim Einkaufen meilenweite Lastwagentransporte, macht sich der Ausbeutung unterbezahlter Arbeiterinnen mitschuldig, fördert gar die Kindersklaverei. Eigentlich sind wir Hausfrauen die wahren Politikerinnen, denn unser Verhalten bestimmt den Markt. Und man müsste Zeit haben, stets das Kleingedruckte mit allen Konsequenzen zu bedenken. Aber wie soll ich, bitte schön, das Kleingedruckte überhaupt lesen, wenn es wie bei der Backmischung für Dinkelbrot in winzigster schwarzer Schrift auf dunkelbraunen Grund gedruckt ist?

Jeder Griff ins Regal ist ein politischer Akt.

Und dann wollte man doch noch rasch in die Reinigung, müsste auf der Post ein Paket abholen, einen Blumenstrauss besorgen, Geburtstagskuchen backen, die zusammengelegte Wäsche versorgen … (Apropos, unterscheiden Sie mal bei einer 13-jährigen Tochter und einer modebewussten Ehefrau, wem welche Socken, Shirts und Slips gehören!) Und, ehrlich gesagt, die Fensterscheiben im Wohnzimmer hättens auch wieder mal nötig.

Kühlschrank
Jeder Griff ins Regal ist ein politischer Akt.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, vor dem Kühlregal mit den Milchprodukten. Ich lege noch eine Züribieter Molkereibutter in mein Körbchen und nehme nun einfach mal an, da sei drin, was draufsteht. Ich habs bekanntlich gern geradeheraus. Zu einem Saumagen soll man Saumagen sagen. (Erinnern Sie sich? Kanzler Kohls Leibgericht!) Freilich kann es auch verwirrend sein, wenn geradeheraus informiert wird.«Vati, was ist Pizzaauflage?», fragte Anna Luna in den Herbstferien beim Studium einer Menükarte in Langnau im Emmental. Pizzaauflage? Nie gehört. Aber weil Väter gern auf alles eine Antwort geben, raune ich: «Das ist dänk so die Grundsauce, die überall drauf ist, dieses Tomatengschlütter. » — «Aber warum steht das dann bei den anderen Pizzen nicht als Zutat?», gibt Anna Luna zurück, «sondern nur bei der ‹Hawaii›, säg!» Und schon ist Papa Besserwisser sprachlos. Die Serviererin klärt auf: Pizzaauflage bedeutet Schinken. Merke: Wenn er keinen Schinken mehr enthält, heisst der Schinken offenbar Pizzaauflage.

Anna Luna hat dann doch die «Hawaii » genommen. Mit Tomatengschlütter, Ananas und, Dings,…

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli