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20. Januar 2014

Ohren auf Durchzug

Einmischung nervt
Egal ob von der (Schwieger-)Mutter oder von Wildfremden: Einmischung nervt und bringt meist nichts. (Bild Getty Images)

Es ist ein bisschen so wie mit den Croutons, die es separat verpackt zum McDonald's-Salat gibt. Sie sind gratis, aber kein Mensch braucht sie. Ich rede von den unzähligen Erziehungstipps, die von allen Seiten auf Neu-Eltern einprasseln. Jeder, der auch nur ansatzweise mal etwas mit der Kinderaufzucht zu tun hatte, muss seinen Senf dazugeben. Natürlich ist alles nur gut gemeint. Schliesslich will ja niemand, dass aus dem rosigen Bündel binnen weniger Tage ein kleiner Tyrann wird, oder?

Meine Grossmutter rief mich beispielsweise noch im Wochenbett an, um mir mitzuteilen, dass man ein Baby alle vier Stunden hinlegen müsse. Alleine. Denn es sei dann müde. Basta.
«Und was mache ich, wenn Ida brüllt?»
«Dann lässt du sie brüllen, die Kindererziehung beginnt mit dem Durchtrennen der Nabelschnur.»
Glücklicherweise war meine Omi weit weg, als ich mein Kind lieber tröstete, als es zu erziehen.

Andere Ratschläge liessen sich hingegen weniger gut ignorieren. Meine Hebamme wog Ida an ihrem 15. Lebenstag und runzelte die Stirn.
«Das Kind hat in einer Woche 300 Gramm zugenommen.»
«Und?»
«Hmmm... das isch e chli viel. Stillet Sie doch nur no alli drüü Stund.»
Hilfe! Ich hatte mein wehrloses Kind gemästet, hatte ihm Doppelrahm statt Magermilch aufgenötigt. Die Stillberaterin, die ich daraufhin anrief, lachte sich halb tot.
«Man kann ein Baby nicht mit Muttermilch mästen. Seien Sie froh und stolz, dass es so gut klappt mit der Gewichtszunahme.»

Nächstes Beispiel: In der Mütterberatung – Ida hatte vor dem Messen und Wiegen noch schnell ihren Darm entleert – tadelte mich die Oberberaterin: «Sie sollten den Po ihres Babys nicht mit Feuchttüchern putzen, hat man Ihnen das im Spital nicht erklärt?»
Hatte man schon, aber wir hatten herausgefunden, dass unser Kind kein Problem mit dem Industriewaschlappen hatte. So what?

Ich könnte gefühlte 100 Seiten mit ähnlichen Erlebnissen füllen. Die einen fanden, wir würden Ida zu wenig warm anlegen, die anderen fürchteten, das Kind müsse elendig im Tragetuch ersticken. Wenn unsere Kleine im Hausflur brüllte, sagte die Nachbarin montags: «Sie hät im Fall ihren eigene Chopf, gellet Sie?» Und dienstags tröstete sie Ida mit den Worten: «Au nei, was hätts Mami mit dir gmacht?» Nichts. Das Mami hatte gar nichts gemacht. Es liess sich aber dennoch immer wieder verunsichern.

Wenn ich abends im Bett lag, keine Mutter am Telefon und keine Schwiegermutter auf der Matte, flüsterten mir all die Erziehungsratgeber-Autoren Dinge ins Ohr. Sie wedelten mit Wachstumskurven und allerhand Statistiken herum. War es normal, dass Ida noch keinen Zahn hatte - obwohl sie in zwei Wochen den ersten Geburtstag feiern würde? War es okay, dass Ida beim Einführen der Beikost auf die 30. Perzentile ( Wiki-Eintrag zu Quantil und Perzentil ) abgeschmiert war? War es schlimm, dass wir nicht ins PEKiP gingen? Und auch nicht ins Babyschwimmen, ins Windelyoga oder ins Kleinkindsingen? Und was zählte eigentlich als Wort? Ida sagte immer wieder «agig». War sie besonders smart und redete bereits mit uns? Oder war sie sprachlich verkümmert, da das berühmte «Mama» immer noch auf sich warten liess?

Kurzum: Ich war die ersten beiden Jahre überhaupt nicht sicher, ob ich den Erwartungen genügte. Das änderte sich schlagartig mit der Ankunft von Eva. Nun hatte ich schlicht keine Zeit mehr, mich mit all dem Gefasel und den vielen Erziehungsbüchern abzugeben. Endlich gelang es mir, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Göschenen-Airolo funktionierte so gut, dass die Ratschläge irgendwann von selbst verstummten.
Ich verliess mich nur noch auf eine Sache: auf meinen ganz wunderbar entwickelten Mutterinstinkt. Das, liebe Leserinnen und Leser, hätte ich schon viel früher machen sollen.

Autor: Bettina Leinenbach