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21. Januar 2013

«Ohne Nähe kann kein Kontakt zu den Erkrankten hergestellt werden»

Altersforscherin Naomi Fell über die von ihr entwickelte Validationsmethode, die sich im Umgang mit Demenzkranken bewährt hat.

Altersforscherin Naomi Fell
Altersforscherin Naomi Fell entwickelte die Validationsmethode. (Bild: zVg.)

Seit fast 50 Jahren reist die 80-jährige Naomi Feil rund um die Welt, um das Verständnis für verwirrte alte Menschen zu fördern — mithilfe der von ihr entwickelten Validationsmethode. In der Schweiz gehört diese mittlerweile zum Standard in vielen Alterseinrichtungen und in der Spitex. Die amerikanische Gerontologin wurde schon mehrfach für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. So erhielt sie 2009 den Alois-Alzheimer-Preis in Wien.

Frau Feil, erstmals in Kontakt gekommen mit der Validationsmethode war ich, als ich mir ein Video anschaute, das Sie bei der Arbeit zeigte im Gespräch mit einer Betagten. Mich überraschte und faszinierte zugleich, wie nahe Sie zu den Menschen hingehen. Sie fassen sie an, berühren das Gesicht.

Das ist notwendig. Denn wenn die Demenzerkrankung weit fortgeschritten ist, wie bei der Frau auf dem von Ihnen angesprochenen Video, befindet sich der Mensch nicht im Hier und Jetzt. Diese Menschen sind nicht Kinder, aber sie gehen in ihrer Erinnerung laufend zurück. Die einstige Kindheit wird heutige Realität. Sie verlieren zunehmend die Sprache und die erworbene Sozialkontrolle. Alte Bedürfnisse kehren zurück — so etwa die Sehnsucht nach der Mama. Wenn die Menschen nicht mehr hören und sehen und nicht mehr hier sind, kann ohne Nähe kein Kontakt hergestellt werden. Sie bleiben einfach sitzen, werden apathisch — und beginnen zu vegetieren, werden zu lebenden Toten. Und das ist nicht gut.

Sicher nicht alle Menschen haben es gleich gerne, wenn man ihnen nahe kommt.

Der Validationsanwender muss wissen, wann und wie nahe er hingehen darf. Wenn die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist, stellt sich schliesslich die Frage, wo darf man den Betagten berühren. Braucht dieser die Mama, ist die Berührung sehr intim. Jede Zelle erinnert sich an die Berührungen der Mutter. Der Anwender wird dadurch zur Mutter für diese Menschen, die sich auf diese Weise wohlfühlen. Sie hören auf zu schreien, beginnen Kindheitslieder zu singen und entspannen sich.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Methode?

Ein Ziel der Validation ist es, dass die Mitarbeitenden oder die Angehörigen Freude am Umgang mit verwirrten Menschen haben. Lässt man sich nämlich auf die Welt dieser Menschen ein, macht das Spass. Man sieht, wie sie sich verändern und beispielsweise wieder zu sprechen beginnen. So erfahren die Pflegenden viel aus einem langen, spannenden Leben und fühlen sich dabei wohl. Ebenso erfreuen sich die Angehörigen an dieser Entwicklung. Sie können plötzlich wieder mit Mama oder Papa kommunizieren, auch wenn sich die Rollenverhältnisse dabei umkehren.

Autor: Stefan Müller