Archiv
18. Mai 2015

Ohne Motor ins Glück

Hobbys bereichern den Alltag. Vor allem, wenn sie so intensiv betrieben werden, wie das die Thurgauer Familie Kressebuch mit ihren Seifenkistenrennen macht.

Jenny fährt Seifenkistenrennen
Begeisterte Tempokontrolle: Seit vier Jahren fährt Jenny Seifenkistenrennen.

Sprechen Desirée (13), Jenny (11) sowie die neunjährigen Zwillinge Jeremy und Vanessa von ihrem Hobby, bekommen sie glänzende Augen. Sie sprechen von Geschwindigkeit, von Siegen und Platzierungen, beiläufig auch von Niederlagen.
Ihre Leidenschaft gilt seit fünf Jahren dem Seifenkistenrennen. Auf vier hauchdünnen Rädern sausen sie die Hänge hinunter und kämpfen um Punkte und Trophäen. «Einmal bekamen wir als Prämie zwei Pakete Hörnli», lacht Jenny. «Eines fürs Mami und eines zum roh essen.» Seifenkistenrennen sind ein Hobby, das die Geschwister Kressebuch aus dem thurgauischen Ermatingen mit ihren Eltern teilen.

«Ich bin an Renntagen immer etwas am Werkeln und habe so jeweils einen ganzen Tag Zeit für die Kinder», sagt der 43-jährige Automobildiagnostiker Thomas Kressebuch, der diese Familientage sehr geniesst. «Und», wirft Mutter Franziska (43) ein, «wir lernen so die Schweiz kennen.» Die 15 bis 20 Rennen pro Jahr, welche die Kressebuchs fahren, sind im ganzen Land verteilt. Ein kostspieliges Hobby also. Neben der Startinvestition von mehreren 1000 Franken für zwei professionelle Seifenkisten müssen sie pro Rennen und Person 25 Franken Startgeld bezahlen. Oft übernachten sie auch gleich vor Ort.

Ohne Durchhaltewille gehts nicht
Das Geld war auch Grund dafür, dass sich Thomas und Franziska Kressebuch nicht gleich zum Kauf einer eigenen Seifenkiste entschlossen. «Wir wollten sicher sein, dass die Leidenschaft nicht nach zwei, drei Rennen ohne Sieg erlöscht.» Sie liehen sich deshalb für das Training und die ersten paar Rennen eine Kiste aus und kauften erst danach eine eigene.

Desirée war neun und Jenny sieben Jahre alt, als sie ihre Rennfahrerkarriere starteten. «Noch jung, um sich auf ein bestimmtes Hobby festzulegen – und dabei zu bleiben», betont der Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener: «Im Vorschulalter ist die Willenskraft noch wenig ausgeprägt.» Es sei deshalb sinnvoll, dass Eltern auch bei der Freizeitgestaltung die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder berücksichtigen. «Dann ist die Frustration auch weniger gross, wenn der sechsjährige Spross den Chinesischkurs nach drei Lektionen wieder hinschmeisst.»

Ein Erlebnis, das die Kressebuchs zumindest beim Seifenkistenfahren nie hatten. «Alle waren von Anfang an begeistert dabei. Keinem kam es je in den Sinn aufzuhören», freut sich die Sozialpädagogin Franziska Kressebuch. Kein Wunder, haben sie in der Seifenkistenszene, die wie eine grosse Familie funktioniere, viele Freunde gefunden.

Zeit fürs Nichtstun einplanen
Kommt dazu: Hobbys können Zeitvertreib, Leidenschaft, aber auch Stress für Kinder sein. Ein verordnetes Hobby, das keine Freude bereitet, kann zu Stress führen.Auch zu viele Hobbys schaden mehr, als sie nützen.
«Es braucht Zeit für die Schule und die Hausaufgaben, für Familie und Freunde, für Facebook und Games, fürs Nichtstun, Schlafen und für vieles andere», so Kiener. Die Anzahl und Art der Hobbys dürfe keine Nachteile für das Kind zur Folge haben. «Wie viele Hobbys für jemanden Sinn machen, ist sehr individuell.»

Bei den Kressebuchs stehen neben den rasanten Talfahrten in der Seifenkiste auch Volleyball, Trompete, Klavier und Fussball auf dem Programm. Einzig beim Klavierspielen benötigte es laut Mutter Franziska hin und wieder etwas gutes Zureden. «Aber alles andere machen unsere Kinder mit grosser Begeisterung.»

«Druck ist keine Lösung»

Der Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener
Der Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener

Was tun, damit Kinder am Hobby dranbleiben? Der Kinder- und Jugendpsychologe Urs Kiener gibt Tipps.

Urs Kiener, wie weit sollen Eltern die Hobbywahl steuern?

Kinder kommen nicht auf die Welt, um die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Weder im Beruf noch beim Hobby. Eltern sollten deshalb ihren Kindern helfen, das Richtige zu finden, sie aber nicht steuern. Gerade bei Freizeitaktivitäten können Kinder schon recht früh erkennen, dass sie Wahlmöglichkeiten haben. Und dass jede Wahl auch Konsequenzen hat.

Wie kann ich mein Kind am besten animieren, damit es ein einmal angefangenes Hobby auch wirklich durchzieht?

Leben Sie dem Kind vor, was Sie in Bezug auf die Freizeitgestaltung von ihrem Sprössling erwarten. Eltern, die sich zu Neujahr den Vorsatz fassen, etwas für ihre Gesundheit zu tun, und ihr Fitnessabo bereits im Februar wieder sistieren, haben schlechte Karten. Solche Eltern können bei ihren Kindern kaum ein diszipliniertes Durchziehen von etwas Angefangenem einfordern.

Wie weit sollen Eltern Druck ausüben, damit sich Kinder bei ihrem Hobby «durchbeissen»?

Wenn das Kind gestresst ist oder sich schlecht fühlt, kann die Motivation, sich für ein Hobby zu engagieren, rasch verfliegen. Druck ausüben ist keine Lösung. Man sollte das Problem mit dem Kind zusammen lösen. Beispielsweise indem man mit ihm alternative Szenarien durchspielt und andere Wege aufzeigt, statt das Hobby einfach an den Nagel zu hängen.

Welche Tipps haben Sie für Eltern bezüglich Hobbys mit grossem Investitionsbedarf an Geld und Zeit?

Ein Hobby muss zweifelsohne zum Familienbudget passen. Wenn die Investitionen, seien es Geld oder Zeit, die Möglichkeiten der Familie zu sehr strapazieren, sind Stress, Frustration und Konflikte vorprogrammiert. Pro Juventute empfiehlt, ab dem 12. Lebensjahr einen Jugendlohn zu vereinbaren. Der Bereich Hobby und Freizeitgestaltung kann sehr gut in diesen Jugendlohn integriert und entsprechend vom Jugendlichen selbständig verantwortet werden.

Ist es sinnvoll, dass Kinder dieselben Hobbys wie ihre Eltern respektive Elternteile haben?

Ein Hobby soll grundsätzlich mit positiven Erfahrungen und Gefühlen verbunden sein. Ich finde es toll, wenn sich Kinder zu Hause wohlfühlen und sich von einer Leidenschaft der Eltern anstecken lassen und ein Hobby gemeinsam ausführen. In der Pubertät – wenn es darum geht, sich schrittweise vom Elternhaus zu lösen – fühlen sich aber viele Jugendliche ausserhalb des Elternhauses wohler. Dann ist es normal, dass sie sich ihre Hobbys ausserhalb der Familie suchen. 

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Samuel Trümpy