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17. Februar 2014

Ohne Gefahr auf die Schneetour

Schneeschuh- und Skitouren abseits von Pisten oder gepfadeten Wegen boomen trotz stets präsenten Lawinenrisiken. Woran Sie in Sachen Routenplanung, Vorbereitung und Ausrüstung denken müssen.

Lawinenniedergang
Kürzlich niedergegangene Lawinen: Hier gilt es spätestens umzukehren. (Bild A. Della Bella)

Verkaufszahlen der Sportfachgeschäfte oder Teilnehmerzahlen an Kursen belegen es: Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer entdecken seit ein bis zwei Wintersaisons die Landschaft mit Schneeschuhen, Ski oder Snowboards in ‚freier‘ Natur: mit längeren Aufstiegen oder Traversen und ebenso langen, aber ungleich schneller zurückgelegten Abfahrten. Jedenfalls nur noch vereinzelt mit Bergbahnen, kaum je mit Sessel- und Skiliften weitab der präparierten ‚Alpin-Autobahnen‘ und zumeist auch von gepfadeten Strassen und Pfaden.

Gerade Anfänger tun bei aller Begeisterung aber gut daran, sich eingehend mit Risiken von Schneetouren im nicht kontrollierten Gelände auseinanderzusetzen und sich genügend vorzubereiten. Sonst gefährden sie ihr eigenes Leben oder jenes anderer Wintersportler, indem sie Lawinen auslösen oder in sie hineingeraten. Zur Vorbereitung gehören folgende Hauptpunkte:
1. Der Tourenleiter oder die Frage der Ausbildung
Vereinfacht gesagt gibt es drei Optionen: Man bucht erstens für den anstehenden Ausflug einen erfahrenen Guide und überlässt diesem auch die wichtigen Entscheide, die für die Sicherheit von Bedeutung sind.

Die zweite Variante lohnt sich speziell für Schneefans, die sich nahezu sicher sind, ein neues Hobby gefunden zu haben, das über mehrere Saisons zu ihren Winteraktivitäten gehören dürfte: Sie bestreiten einen möglichst auf mehr als einen Tag angesetzten Einführungskurs, an dem das zentrale Wissen, der Umgang mit Rettungs- und Lokalisierungsgerätschaften sowie Leitlinien für unterwegs vermittelt werden.

Zu(aller)letzt bleibt Anfängern alternativ höchstens noch die Wahl von bekannten Einsteigerrouten, wenn für das jeweilige Grossgebiet die tiefste Risikostufe für Lawinen (es gibt deren fünf) erklärt wurde. Umso mehr müssen in diesem Fall besonders die Punkte 3. und 4. strikter befolgt werden.

2. Das Studieren des Gefahrenpotenzials vor dem Tour-Entscheid und der Routenwahl
Wahrscheinlich der wichtigste Punkt im Risikoverhalten auf Ski- und Schneeschuhtouren. Die Wahl des Gebiets sollte auf die an vorangegangenen Tagen herrschende Schneelage und die Temperaturen abgestimmt werden. In den letzten Stunden vor der Tour muss die Einschätzung von Wetter und Neuschneerisiko aber nochmals aktualisiert werden. Ebenso wichtig neben der absoluten Schneehöhe ist die Vorinformation, wie es mit den Schneeschichten bestellt ist. Auch bei sehr stabilem, verfestigtem Fundament kann es gefährlich werden, wenn viel Neuschnee bei anderer Temperatur oder anderer Feuchtigkeit dazukommt, der sich nicht einmal im Ansatz mit dem Fundament verbindet.
Und dann bleibt die Frage, welche Routenwahl im Detail sinnvoll istt. Wann bieten Süd- und wo Westhänge ein Gefahrenpotenzial, bis zu welcher Steilheit macht Aufstieg oder Abfahrt Sinn, wie genau sieht ein Couloir aus? Gerade für diese letzten Fragen benötigt man Kenntnisse oder aber man vertraut sich einem lokal kundigen Führer an.
Für die generellen Infos zur Schneelage bleibt das Konsultieren der Lawinenbulletins des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) ein unersetzbarer Schritt der Vorbereitung.
Achtung: Man muss die Bulletins auch verstehen können – hier alle Infos in der ausführlichen Interpretationshilfe (PDF, 50 Seiten, Stand 2013).
3. Die Anschaffung (oder Miete) der auf die Bedürfnisse abgestimmten Ausrüstung
Unabdingbar zählen heute die folgenden Utensilien zur Schneetour-Ausrüstung, wenn sie nicht ohnehin zum Material für Schneeschuh- und Skifans gehören:
Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS)
Lawinenschaufel
Lawinensonde

Optional kämen Notfallsysteme wie der in den letzten Jahren bekannt gewordene Airbag, ein Avalung oder ein sogenannter Avalanche Ball hinzu.

Weiter sinnvoll im bequem sitzenden Rucksack, jedoch nicht zwingend an Schneetouren gebunden: Notfallapotheke, Aufstiegshilfen, Smartphone/Handy (respektive Funk), Orientierungsmittel, Sonnen- und Kälteschutz.
4. Das Verhalten am Berg
Hierzu lässt sich in Kürze wenig sagen. Zentral sind vorab drei Dinge:

a) Neben Kenntnissen bedarf es auch der Bereitschaft, bei Gefahr im Verzug jederzeit umzukehren und von einem erträumten Tourenziel Abstand zu nehmen. Dies ist nicht selbstverständlich, kann aber wie in der Reportage im Migros-Magazin vom 17. Februar 2014 beschrieben, das eigene oder fremde Leben retten.

b) Für ein angepasstes Verhalten bei sich ändernden Situationen ist ein Kurs oder eine Schulung absolut empfehlenswert, bevor man sich allein ins Gelände wagt. Ausserdem benötigt man bei längeren Tiefschnee-Ausflügen abseits von Pisten und Wegen einen schnee- und ortskundigen Guide.

c) Neben ein paar grundlegenden Tipps zur Einschätzung der Lawinensituation in einer Region – Erklärung der Lawinengefahrenskala oder der Beurteilung von Schneelage und Wetter in Kurzform – verrät das Merkblatt Achtung Lawinen! (PDF) des SLF das Wichtigste: Besonders zu den gängigsten Risiken von Trieb-, Nass-, Alt- oder Neuschnee, Hangneigung, Wind, Temperatur (Luft und Schnee), Schneebrettbildung und Schneedeckenaufbau. Am Ende findet man darin auch das Allerwichtigste zum Verhalten, wenn eine Lawine niedergegangen ist und es (möglicherweise) Verschüttete gibt.
Diese beiden Seiten sind auch ein gutes Notfallbrevier zum Mitnehmen.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Alessandro Della Bella