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04. Januar 2016

Ohne Freiwillige läuft nichts im Land

Die Freiwilligenarbeit hat ein Nachwuchsproblem: Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen nimmt seit Jahren ab. Dabei kann das Engagement für andere glücklich machen, wie unsere Reportage zeigt. Und wofür leisten Sie freiwillig Arbeit? Verraten Sie uns unten, was Ihnen am Herzen liegt, oder wählen Sie (rechts) Ihr bevorzugtes Einsatzgebiet.

Esther Schönmann vor dem Waaghüsli
Esther Schönmann vor dem Waaghüsli: Hier erhält jeder etwas.

Seniorenbetreuung, Vereinstätigkeit, politische Fronarbeit, karitative Einsätze: Rund 41 Milliarden Franken würde die Arbeit kosten, die Schweizer und Schweizerinnen im Jahr 2013 freiwillig und unentgeltlich geleistet haben. Jeder Dritte engagiert sich in seiner Freizeit auf diese ­Weise: Männer vor allem im sogenannten institutionalisierten Rahmen, also in Organisationen und Clubs, Frauen eher mit informellen Tätigkeiten – sie hüten fremde Kinder oder pflegen ausser Haus andere Menschen (siehe Infografik, Seite 14). Von beiden gibt es immer weniger. «Frauen wie Männer sind heute stark in Beruf und Familie eingespannt», erklärt Markus Freitag (46) die Gründe. Freitag ist Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bern und hat am Freiwilligen-Monitor Schweiz mitgearbeitet, der im Februar erscheint. Erste Ergebnisse zeigen: Es ist schwierig geworden, Freiwillige für fixe und längerfristige Verpflichtungen zu finden. Besonders Junge sind eher zu haben, wenn das Engagement befristet ist. Und erst recht, wenn sie etwas lernen können oder der Einsatz gut für den Lebenslauf ist.

Gesund und zufrieden dank Engagement
Hoffnung gibts dank neuer Modelle: «Zeitgutschriften etwa, die man später einlösen kann, sind im Aufwind», sagt Freitag. Er setzt auch darauf, dass dank schulischer oder elterlicher Erziehung vermehrt der Wunsch entsteht, Gutes zu tun. Tatsächlich geben heute sieben von zehn Freiwilligen als Motivation an, dass sie einfach helfen wollen. Sie bekommen auch etwas zurück: Laut einer Studie der Uni Zürich sind freiwillig Engagierte zufriedener und fühlen sich gesünder als Leute, die es nicht tun

Eine «Heldin des Alltags» wider Willen

Vor dem Waaghüsli in Langenthal BE haben sich rund drei Dutzend Menschen eingefunden. Viele von ihnen sind Alkoholiker, Asylsuchende, Randständige. Mittendrin steht Esther Schönmann (72). Jeden Mittwoch verteilt ihr Verein Gassechuchi Langenthal Esswaren an Leute, die sich auf der Schattenseite des Lebens befinden.

«Esther ist die liebste Frau der Welt», sagt eine gut 40-jährige Drogensüchtige, überreicht ihr Orchideen aus Plastik und küsst sie auf die Wange. Ein Mann fragt Schönmann, ob sie zwei alte TV-Bildschirme brauchen könne, und im Waaghüsli bereiten Freiwillige auf engstem Raum Gemüse, Früchte, Brot, Süsswaren und Konserven vor, die sie von Grossverteilern, privaten Spendern und der Lebensmittelhilfe «Tischlein deck dich» erhalten haben. Punkt 15 Uhr – wie jeden Mittwoch seit 2009 – ruft die von SRF 1 gewählte «Heldin des Alltags» die Namen der Randständigen auf. Einer nach dem andern kommt zur Essensausgabe.

Randständige sind Esther Schönmann und ihrem Team dankbar
Die Randständigen sind Esther Schönmann und ihrem Team dankbar für die Lebensmittel.

«Ich weiss nicht, woher ich diese Kraft nehme. Wahrscheinlich ist das Ganze vom Himmel gesteuert und irgendwie zu meiner Lebensaufgabe geworden», sagt Schönmann. Sie wirkt gelassen, obwohl sie an chronischen Schmerzen in den Beinen leidet. Den Titel «Heldin des Alltags» hält sie für übertrieben. «Wenn nur jeder jedem helfen würde, wäre die Welt in Ordnung.» Ihr steht ein Team von rund einem halben Dutzend Personen zur Seite. Die Aufgabe gebe ihr eine tiefe Befriedigung, auch dank der leuchtenden Augen der Randständigen. «Ihr Dank kommt von Herzen.» Dafür investiert die 72-Jährige rund 20 Stunden pro Woche. Sie und ihr Team verteilen nicht nur Essen. Sie flicken auch Hosen, organisieren Kleider, helfen beim Zügeln.

Schönmann, Mutter von drei erwachsenen Kindern, ist in Bonstetten ZH aufgewachsen und machte familiäre Erfahrungen mit der Drogensucht. «Das hat mich geprägt.» Trotz Haushalt, Garten, einer kranken Tochter und Hund führt Schönmann auch noch ein Hilfswerk in Senegal. Das wird nicht immer so weitergehen können. «Für unsere Gassechuchi fehlt eine Nachfolge. Das Team macht weiter, so lange es geht. Aber vielleicht müssen wir eines Tages alles aufgeben.»

1250 Stunden für den Sport auf Achse

Max Wälchli (sitzend) beim Weitsprung an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften
Max Wälchli (sitzend) beim Weitsprung an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften in der Halle in St. Gallen.

Max Wälchli (63) aus Wolfhausen ZH stellt sich seit seiner frühzeitigen Pensionierung vor drei Jahren ganz in den Dienst des Sports. Letztes Jahr war er insgesamt 1250 Stunden als Helfer im Einsatz, wie der einstige Informatiker stolz von seiner Excel-Tabelle abliest. Höhepunkt in seiner Freiwilligenkarriere war für ihn die Leichtathletik-EM 2014 in Zürich. «Eine Heim-EM erlebt man nur einmal. Für mich als ehemaligen Leichtathleten und Trainer war der Sportanlass ein Muss.»

Der Zürcher Oberländer sagt von sich, dass er als Rentner nicht allein daheim «hocken» und nur Däumchen drehen wollte. Er beabsichtigte, etwas zu tun, das ihm Spass mache und das sinnvoll sei. «Dank meines Engagements lerne ich immer wieder neue Menschen kennen.» So habe er Freunde aus dem süddeutschen Raum und praktisch allen Regionen der Schweiz gewonnen, die er an den diversen Sportanlässen treffe: am Badminton Swiss Open in Basel, am Beachvolleyballturnier von Gstaad BE, an der Triathlon-EM in Genf oder an Weltklasse Zürich, um nur ein paar Anlässe im vergangenen Jahr zu erwähnen.

Schon als 16-Jähriger hat der einstige Zehnkämpfer beim Turnverein Satus Dürnten geamtet. Nun könne er als Pensionär dem Sport etwas zurückgeben und zur Schaffung der Infrastrukturen beitragen, von der er als aktiver Athlet profitiert habe. Nie aushelfen würde Wälchli an einem Fussballanlass. Er schaue sich die Sportart zwar am TV an. «Aber wenn ich damit rechnen muss, dass ich eins auf den Grind bekomme oder mit einer Petarde beworfen werde, ist das für mich ein No-Go.»
Im Sommer reist Wälchli von Sportveranstaltung zu Sportveranstaltung, im Winter sitzt er vor dem Computer und bringt sein Reiheneinfamilienhaus und den Garten in Ordnung.

Die Freiwilligenarbeit geht ganz schön ins Geld. So reist er im eigenen Auto zu den Anlässen. Die Fahrtspesen werden von den Organisatoren nur selten vergütet. Manchmal, wie etwa am Ski-Weltcup-Finale auf der Lenzerheide GR, musste er sogar die Übernachtung im Zivilschutzkeller unddas Essen selbst berappen. «Über den Daumen gepeilt lege ich jährlich 1000 bis 1500 Franken zusätzlich aus», sagt Wälchli. «Wenn ich jedoch ein anderes Hobby hätte wie den Golfsport, würde allein der Mitgliederbeitrag höher ausfallen.»

Hunderte Stunden im Dienst der Gemeinde

In Endingen AG ist Lukas Keller (56) fast im ganzen Dorf bekannt: als Geschäftsführer der lokalen Keller Hoch- und Tiefbau AG sowie als Gemeindepräsident. Selber in der Surbtaler Gemeinde aufgewachsen, lenkt er den Familienbetrieb in der dritten Generation. Ab 1998 war er CVP-Gemeinderat, seit 2007 ist er Gemeindeammann.

Lukas Keller ist Geschäftsführer, Familienvater und Gemeindepräsident
Lukas Keller ist Geschäftsführer, Familienvater und Gemeindepräsident in Personalunion.

Schon als Jugendlicher fragte ihn die Mittepartei an, ob er in einer Kommission arbeiten möchte. «Man rutscht in diese Funktionen rein. Ich hatte immer Freude, neben dem Beruf zusätzlich Verantwortung zu übernehmen, denn ich arbeite gern mit Leuten zusammen und gestalte mit.»

Eigentlich wollte er damals aber gar nicht für den fünfköpfigen Gemeinderat kandidieren. Doch als vor 17 Jahren im ersten Wahlgang niemand gewählt wurde, habe er «in einem schwachen Moment Ja gesagt» und sich aufstellen lassen. Er sei kein Mensch, der Erbsen zähle, sagt er auf die Frage, wie viele Stunden er für die Gemeinde aufwende. Ein Freund in der Nachbarsgemeinde habe die Zeit addiert und sei auf gegen 800 Stunden pro Jahr gekommen. «Das dürfte auch mein Aufwand sein.» Dafür entschädigt ihn die Gemeinde jährlich mit 27000 Franken.

Der Aufwand für die Arbeit im Dienst der Öffentlichkeit ist hoch. Keller beschäftigt in seinem Bauunternehmen 20 Angestellte, ist verheiratet und Vater zweier Töchter und eines Sohns. Diese dreifache Belastung könne er nur bewältigen, weil er tolle Mitarbeiter und einen Stellvertreter habe, der das Tagesgeschäft leite. «Und Sie brauchen eine Familie, die das mitträgt.» Ohne deren Rückhalt würde er das Amt nicht ausüben können. Keller ist sich bewusst, dass Menschen wie er in der Schweiz immer seltener werden. Er erklärt sich dies mit zeitlichen Ressourcen und dem Trend zum Individualismus. Viele Leute hätten zudem Angst, das Amt nicht zu ­schaffen. «Doch das ist ­un­begründet.»

Toni, der Chef auf dem Tanzparkett

Toni Vlcek und Esther Assenmacher von der Tanzschule Winterthur
Toni Vlcek und Esther Assenmacher von der Tanzschule Winterthur animieren die Senioren

Donnerstagnachmittag, «Thé Dansant» im Alterszentrum Brühlgut in Winterthur ZH. Seit einer Stunde holt Antonin «Toni» Vlcek (70) Damen auf die Tanzfläche, schiebt sie galant zu Walzer oder Polka übers Parkett und begleitet sie wieder an ihren Tisch. Vlcek ist freiwilliger Mitarbeiter des Alterszentrums. «Musik, Gesang, Tanz, das ist meine Passion», sagt er, und seine stahlblauen Augen funkeln. Den einstigen Balletttänzer sieht man ihm immer noch an: der Rücken gerade, die Bewegungen geschmeidig.

Der ausgebildete Maschinenschlosser kam als 26-Jähriger aus der tschechischen Stadt Zlín in die Schweiz. Hier gab er 25 Jahre lang am Feierabend mit seiner Frau Vlasta Tanzunterricht. «Es war die schönste Zeit unseres Lebens», sagt er. Dass er mit seinen 70 Kreuzen wieder seine Begeisterung fürs Tanzen weitergeben dürfe, sei toll: «Wenn ich nur einem einzigen Menschen Freude bereiten kann, ist das Grund genug zum Weitermachen.»

Etwa 40 Senioren haben sich zum Tanzen eingefunden. Herren im ­Anzug, Frauen mit Foulards, die älteste von ihnen ist über 100 Jahre alt. Neben den Tischen sind Rollatoren parkiert, es gibt Mineralwasser mit oder ohne – und lupfige Musik vom Alleinunterhalter «Stritti». Einen wie Toni Vlcek müsste man klonen können, findet Christina Spiri (55): «Ich könnte ihn mehrfach einsetzen.» Spiri ist zuständig für die freiwilligen Mitarbeitenden des Alterszentrums und engagierte Vlcek vor drei Jahren als Besucher für eine Tschechisch sprechende Bewohnerin. Inzwischen besucht er regelmässig einzelne Senioren. Nicht immer herrscht die beschwingte Fröhlichkeit vom Tanznachmittag. Mancher vertraute Mensch wird dement oder stirbt. «Traurige Schicksale belasten mich hie und da», sagt Vlcek. Nach anderthalb Stunden Tanz und Auflockerungsübungen setzt er sich mit dem Nachmittagsteam zu einem Zvieri in die Cafeteria. Er fühle sich uralt, sagt er lächelnd, «aber total glücklich».

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Autor: Yvette Hettinger, Reto E. Wild

Fotograf: Daniel Ammann