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19. September 2016

Ohne Arme, aber mit Herz und Seele Bauer

Der Erstfelder Landwirt Wisi Zgraggen hat bei einem Betriebsunfall beide Arme verloren. Er hat nicht aufgegeben und führt seinen Hof mit grossem Erfolg weiter.

Wisi Zgraggen mit seinen Dexter-Kühen
Die Tiere mögen ihn offensichtlich: Wisi Zgraggen mit seinen Dexter-Kühen.

Wisi Zgraggen steht auf der Bühne des Kirchgemeindehauses in Amriswil TG. Es ist Seniorennachmittag. Viele Frauen und einzelne Männer sind gekommen und haben an einem der langen Tische Platz genommen. Aufmerksam beobachten sie, wie sich der Gastredner auf seinen Auftritt vorbereitet. Er streift sich mit einem Fuss den Schuh vom anderen Fuss und umgekehrt. Interessant, ein Referent in Socken! Das gab es noch nie. Die Erklärung folgt kurz darauf: Wisi Zgraggen bedient die Maus seines Laptops während seines Vortrags mit dem Fuss.

Dass ein Bauer ohne Arme auftreten würde, wusste man. Das stand in der Einladung. Doch was das für den Betroffenen im Alltag bedeutet, konnte sich kaum jemand vorstellen. Auch der Pfarrer, der den Anlass moderiert, ist ein wenig betreten, als er realisiert, dass ein Mensch ohne Arme einen Strohhalm braucht, um seinen Kaffee zu trinken. Der Gottesmann setzt alle Hebel in Bewegung, um Abhilfe zu schaffen. Dass Zgraggen auch seine Butterbrezel nicht gut allein essen kann, wird klar, als ihn seine Tischnachbarin auf seine Bitte hin zu füttern beginnt.

Navigieren mit der Nasenspitze

Das Autofahren dagegen bereitet ihm keine Probleme. Seinen VW Passat, der mit einer Fusslenkung ausgerüstet ist, steuert er so souverän durch den Verkehr wie jeder andere. Braucht er an einem unbekannten Ort die Hilfe seines Navigationsgeräts, tippt er die Angaben mit der Nasenspitze in die Tasten.

Das Publikum in Amriswil ist beeindruckt, folgt seinen Schilderungen mucksmäuschenstill und spendet am Schluss reichlich Applaus. Doch als der Redner darum bittet, Fragen zu stellen, bleibt alles ruhig. Erst später, als er die Bühne bereits verlassen hat, trauen sich einzelne Frauen zu ihm hin. Ob er denn auch unter Phantomschmerzen leide, will eine ältere Dame wissen. Wie viele Operationen er schon hinter sich habe, eine andere. Freundlich wendet sich Zraggen seinen Gesprächspartnerinnen zu. Er gibt gern Auskunft. Als die eine ihm zum Abschied sagt, sie bewundere seinen Mut, erwidert er lachend: «Ich führe ein glückliches Leben.»

Wisi Zraggen ist knapp 40 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder im Alter von 8 bis 16 Jahren. Er lebt mit seiner Familie und seinen Eltern auf dem Bielenhof in Erstfeld UR und betreibt dort in der fünften Generation Landwirtschaft und Viehzucht. Als er 25 geworden war, sollte er den Hof von seinem Vater Alois übernehmen. Seine Frau Angelika war mit dem zweiten Kind schwanger, Wisi hatte das Wohnhaus mit seinem Vater von Grund auf erneuert, er stand vor dem Abschluss seiner Prüfung als Meisterlandwirt, und Alois war froh, dass er sein Lebenswerk in die Hände seines Sohns legen konnte.

Doch am Mittwoch, 16. Oktober 2002, traf das Schicksal die Zgraggens mit voller Wucht. Es war einer der letzten schönen Herbsttage, an dem die Familie nochmals heuen wollte. Alle waren im Einsatz: Wisis Eltern, seine Schwester Silvia, Angelika mit dem kleinen Thomas – und Wisi selber mit der riesigen Maschine, die das Gras zu Ballen presst und diese anschliessend mit feiner Plastikfolie umwickelt.

Die Sekunde, in der sich alles veränderte

Es war gegen 19 Uhr, als sich der junge Bauer die letzten drei Ballen vornahm. Damit wäre die Heuernte für die Saison abgeschlossen, er dachte bereits voller Vorfreude an den Feierabend. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich für wenige Minuten allein auf dem Feld. Sein Vater war zurück zum Hof gefahren, um zu melken. Auf dem Rückweg hielt ihn ein Nachbar auf und verwickelte ihn in ein kurzes Gespräch. Eine verhängnisvolle Verzögerung, wenn man das Geschehen im Nachhinein betrachtet. Wisi Zraggen wusste, dass die Ballenpresse seit der letzten Revision störungsanfällig war. Der Mechanismus, mit dem das Garn zum Umwickeln der Ballen automatisch ausgelöst wird, funktionierte nicht mehr reibungslos. Manchmal klappte es, und manchmal klemmte es. Dann kletterte Wisi über eine kleine Leiter auf die Maschine und legte den Hebel von Hand um.

An diesem letzten Tag war es besonders schlimm; er war gezwungen, ständig auf die Maschine zu steigen. Um Zeit zu sparen, liess er den Motor seines Traktors laufen, der die Ballenpresse antreibt – ein fataler Fehler. Denn als er plötzlich ausrutschte und mit den Armen in die Maschine geriet, drehte das Getriebe weiter. Wäre jemand in der Nähe gewesen, hätte er den Motor abstellen und das Unglück möglicherweise verhindern können. So musste Zgraggen machtlos hinnehmen, dass ihm beide Arme in die Maschine gezogen und abgerissen wurden. Als sein Vater nur Minuten später eintraf, befreite er seinen schwerverletzten Sohn und alarmierte die Rettungsflugwacht.

Wisi war bei Bewusstsein. Noch auf der Unfallstelle sagte er, er wolle weiterbauern. Sie müssten allerdings den Betrieb umstellen: «Wir haben zu viel Stress, Daddy.» Alois nickte. Ihm war klar, wovon sein Sohn sprach. Wenig später flog ihn der Heli ins Zürcher Unispital. Als die Familie erfuhr, dass Wisi beide Arme verloren hatte, waren Schock und Trauer auf dem Bielenhof riesig. Der Patient selbst war es, der seinen Angehörigen immer wieder Mut machen musste, wenn sie ihn besuchten: «Ich lebe doch. Was habt ihr denn?»

Zweieinhalb Monate nach dem Unfall verkaufte Alois Zgraggen alle Milchkühe. Der Hof musste auf Fleischproduktion umstellen, wenn Wisi eine Chance haben sollte, wieder im Betrieb mitzuarbeiten. Melken konnte er ja nicht mehr. Kurz nach seiner Rückkehr aus der Rehaklinik Bellikon im Februar 2003 begannen Vater und Sohn mit dem Aufbau einer neuen Herde: Klein sollten die Tiere sein, robust, damit sie auch im rauen Bergkanton gediehen, und feines Fleisch sollten sie liefern. Die Wahl fiel auf die hübschen, meist schwarzen oder dunkelbraunen Dexter-Kühe.

Heute ist Wisi ein erfolgreicher Viehzüchter, der sein Fleisch direkt ab Hof verkauft. Bei Vollbestand stehen rund 150 Tiere in seinem Stall. Die Graswirtschaft fasziniert ihn. Er sucht nach Möglichkeiten, sein Land zu erweitern. Erst kürzlich konnte er eine zusätzliche Parzelle pachten. Er sagt, es gebe nur einen Beruf im Leben, der ihn glücklich mache, er sei mit Herz und Seele Bauer. Wisi lacht: «Mir blieb nach dem Unfall gar nichts anderes übrig, als weiterzumachen.»

Seine Hartnäckigkeit und seine Bereitschaft, zu kämpfen und widrigste Situationen zu überwinden, sind beeindruckend. Wenn er unter Phantomschmerzen leidet, was auch heute noch manchmal vorkommt, lässt er sich von seinem Nachbarn eine Zigarette in den Mund stecken, um so ein wenig Linderung zu finden. Zuweilen ist er auch regelrecht verzweifelt, weil er eine Arbeit ohne Arme nicht hinbekommt. Dann tritt er vielleicht mit dem Fuss gegen einen Eimer, der im Weg steht. Doch das sind seltene Momente.

Was schwerer wiegt, ist der Raubbau, den er an seinem Körper betreibt, weil die Behinderung ihn oft zu Fehlbelastungen und Fehlhaltungen zwingt, zum Beispiel, wenn er den alten Traktor fährt: «Ich kann höchstens noch zehn Jahre so weitermachen», sagt der 39-Jährige.
Um so schöner ist es für ihn, dass Thomas, sein Ältester, sich entschlossen hat, Landwirt zu werden und in seine Fussstapfen zu treten. Auf dem Bielenhof kommt also schon bald die sechste Generation zum Zug.

Starker Mann ohne Arme:«10vor10» hat 2014 einen berührenden Kurzbeitrag über Bauer Wisi Zgraggen und seinen Alltag gezeigt.

Autor: Barbara Lukesch

Fotograf: Samuel Trümpy