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29. Oktober 2012

«Ohne Arbeit hat das Leben keine Bedeutung»

Vom Erziehungsminister zum Abwart: Abdul Samad Qayumi flüchtete 1992 aus Afghanistan in die Schweiz. Für ihn war die Arbeit Schlüssel zur Integration.

Abdul Samad 
Qayumi
Abdul Samad 
Qayumi inmitten seiner Rüstungen im Museum.

Abdul Samad Qayumi (65) hat eine schillernde Berufskarriere hinter sich — Ingenieur, Direktor einer Düngerfabrik, Erziehungsminister, Haus- wart, Rüstungsrestaurator. Im Februar ist der Afghane als Restaurator des kantonalen Museums Altes Zeughaus in Solothurn pensioniert worden und lebt nun mit seiner Frau Qamar (65), einer ehemaligen Lehrerin, in einer modernen Wohnung im ländlichen Bettlach SO.

Kaum jemand, der die beiden beim Spazierengehen oder Einkaufen im Dorf sieht, dürfte erahnen, auf was für eine abenteuerliche Lebensgeschichte sie zurückblicken. «Unsere Familie hat gut gelebt in Afghanistan, trotz allem», erzählt Qayumi in exzellentem Hochdeutsch. Und damit meint er den Krieg, der in dem Land über Jahre tobte. 1979 bis 1989 führten Sowjets und Amerikaner einen Stellvertreterkrieg in Afghanistan. Als Präsident Gorbatschow die Truppen schliesslich abzog, begann der Bürgerkrieg der Kriegsfürsten, der 1992 zum Sturz der afghanischen Regierung führte und damit auch die politische Karriere Qayumis beendete. Dieser war zehn Jahre lang Minister gewesen, unter anderem im Ressort Erziehung.

Abdul Samad Qayumi mit Ehefrau Qamar und Enkel Sahel (3).
Abdul Samad Qayumi mit Ehefrau Qamar und Enkel Sahel (3).

«Nicht im Traum hätte ich mir je vorstellen können, dass ich mein Land, meine Freunde, mein Hab und Gut einmal für immer verlassen würde», sagt Qayumi. «Niemand will das. Aber als sie anfingen, ehemalige Minister zu ermorden, war mir klar, dass ich weg musste.» Die Familie flüchtete erst zu Verwandten in Kabul, dann nach Pakistan mit allen drei Kindern, damals 11, 18 und 25 Jahre alt. Von dort aus brachte sie ein Schlepper für ihr letztes Geld per Flugzeug nach Prag, dann weiter mit einem Wohnwagen in die Schweiz, wo sie um Asyl ersuchten.

Ihre zögerlichen Kontaktversuche wurden zunächst zurückgewiesen

Die Erleichterung, der Bedrohung in Afghanistan entkommen zu sein, war enorm. Gepaart jedoch war dieses Gefühl mit der Enttäuschung, nicht arbeiten zu dürfen. «Sechseinhalb Jahre lang mussten wir auf die Behörden warten, konnten nicht arbeiten, nicht reisen, das war sehr, sehr schwierig», erzählt Abdul Samad Qayumi, der zeit seines Lebens immer in seiner Arbeit aufgegangen war. «Ohne Arbeit ist man nichts, das Leben hat keine Bedeutung mehr.»

Endlich kam der positive Asylentscheid, mit der Aufforderung sich nun eine Stelle zu suchen, er sei ja nun integriert, nach so langer Zeit. Aber das Gegenteil war der Fall. Die Qayumis fühlten sich isoliert, sie kämpften mit der Sprache, ihre Nachbarn in Solothurn wiesen ihre zögerlichen Kontaktversuche ab. Immerhin, die Tochter war in der Schule und kannte andere Menschen. «Wir Afghanen sind offene, gastfreundliche Leute, umso schwieriger war es für uns, dass wir auf eine so starke Ablehnung stiessen.» Hinzu kam, dass es in der Gegend keine anderen afghanischen Familien gab. «Wir waren sehr einsam damals», erzählt Qamar Qayumi.

Ihr Mann derweil schrieb Bewerbung um Bewerbung, erfolglos. «Mein Lebenslauf war wohl zu unkonventionell.» Lange Zeit ging das so. Schliesslich gelang es dem ehemaligen Fabrikdirektor und afghanischen Regierungsmitglied, die Hauswartstelle im Wohnblock zu ergattern. Und selbst das nur mit Mühe, weil man ihn als klar überqualifiziert einstufte. «Es war so viel Arbeit, dass meine Frau mir helfen musste, wir bekamen 1000 Franken im Monat.» Aber immerhin, es war Arbeit, und die Qayumis legten sich ins Zeug, froh, endlich etwas zu tun zu haben. Der Job erwies sich als Türöffner fürs Sozialleben. «Vorher war es, als hätten die Leute Angst vor uns, aber plötzlich fingen sie an, mit uns zu reden. Daraus entstanden Kontakte, die wir heute noch pflegen.»

Ein überraschendes Talent für die Restauration alter Rüstungen

2002 bewarb er sich für eine Stelle als Aufsicht im Solothurner Museum Altes Zeughaus. Der Museumsleiter lud ihn vor und hörte ihm zu, beeindruckt von seiner Geschichte. Der Job sei nun wirklich nichts Besonderes, aber wenn er wirklich wolle, könne er ihn haben. Zwei Jahre später ergab sich die Gelegenheit, beim Restaurieren der 400 mittelalterlichen Rüstungen des Museums mitzuhelfen, wobei sich Qayumi zur Überraschung aller als echtes Talent erwies —nicht zuletzt dank seines Hintergrunds als Ingenieur und Technologe. Und so hatte Qayumi 2005 endlich eine neue Berufung gefunden, etwas, das ihm Spass machte und mit dem er sich und seine Familie anständig ernähren konnte. Bald galt er als Spezialist und machte Auftragsarbeiten für andere Museen.

Während Qamar Qayumi es aus sprachlichen Gründen nie schaffte, in der Schweiz wieder im Lehrerberuf Fuss zu fassen und nur da und dort als Aushilfe tätig war, erlernten alle Kinder gute Berufe oder studierten. «Die jüngeren haben kaum noch Erinnerungen an Afghanistan, die Schweiz ist ihre Heimat.»

Als sie kürzlich ihren Sohn in Deutschland besuchten, waren sie froh, wieder in die Schweiz zurückzukommen, nach Hause. Eigentlich würden sie sich gerne einbürgern lassen, aber bisherige Versuche sind trotz guter Integration gescheitert. Nun überlegen sie, ob sie es in zwei Jahren in Bettlach nochmals versuchen sollen. Rückkehrpläne nach Afghanistan gibt es nicht. «Qamar hat noch immer Familie dort, aber ich kenne praktisch niemanden mehr, es sind alle ausgewandert oder gestorben. Afghanistan ist ein fremdes Land geworden.» Für Qamar ist es anders: «Tagsüber bin ich hier, nachts träume ich von Afghanistan.» Aber auch sie möchte nicht zurück. «Meine Enkel leben hier.»

Fotograf: Annette Boutellier