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03. März 2014

Oh, mein Gott!

«Das het dr lieb Gott schlächt erfunde», pflegte unser Sohn, als er noch kleiner war, zu sagen, wenn ihm etwas missfiel. Dass Kinder früher zu Bett müssten, dass es Hungersnöte, Bürgerkriege, Erdbeben gebe, dass es ausgerechnet dann regne, wenn man frei hätte und in den Wald gehen könnte – all dies habe der liebe Gott schlecht erfunden, befand Hansli, wenn er vor dem Einschlafen vor sich hin philosophierte. Ich konnte noch so hingebungsvoll «I ghören es Glöggli» singen, er unterbrach: «Das hat er schlecht erfunden, dass es in Afrika am heissesten ist …» Ich: «… dr Tag isch vergange, jetz gahni …» – Er: «Warum ist es in Afrika am heissesten? Säg! Und warum …»

Nach dem Essen spürt der Hausmann nur noch Müdigkeit.
Nach dem Essen spürt der Hausmann nur noch Müdigkeit.

Fragen hatte der kleine Kerl! Aber ich hab jetzt auch mal eine: Warum haben Kinder nach dem Essen einen Energieanfall, derweil ich Oldie nur noch ermattet in den Seilen hänge? Das, finde ich, hat der liebe Gott schlecht … Oder sagen wirs etwas unreligiöser: Das hat die Natur schlecht eingerichtet. Für mich der psychologisch heikelste Familienmoment des Tages: Die Kinder, frisch verpflegt, springen herum, lärmen und jauchzen, werfen Teddybären und Basketbälle durch die Wohnung, rennen übermütig um den Tisch, an dem unsereiner noch hockt, satt und müde, ohne jegliche Energie – der «Fressnarkose» anheimgefallen. Ein Freund lehrte mich jüngst diesen Ausdruck, und er ist leider treffend: Fressnarkose. Ich, mit der plötzlichen Kraftlosigkeit ringend, nippe am Wasserglas, mein Geist möchte dem Körper befehlen, sich wenigstens dazu aufzuraffen, einen Espresso rauszulassen, aber, ach, das Fleisch ist schwach, und ich bleibe sitzen … gemartert vom Gedanken, dass hernach ja noch die Küche gemacht werden sollte. Hans indes, der mir kurz vor dem Essen noch beinahe am Tisch eingeschlafen wäre, macht giggelnd Faxen, bis ich etwas brummle von: «Willst du nicht noch ein wenig nach draussen …?» (Ein absurder Vorschlag, zur Winterszeit, wenns längst dunkel ist, aber ich wünschte mir halt, er möchte sich woanders austoben.)

«Ich hänge ermattet in den Seilen …»

Geht es Ihnen auch so? Mich machen Mahlzeiten leider immer müde. Kommt mittags kein Kind nach Hause, mogle ich mich mit einem Joghurt und zwei, drei getrockneten Feigen durch den Tag – und bleibe wach. Schreiben Sie mir nun bitte nicht, solcherlei Ernährung sei unvernünftig! Ich weiss es. Im Grunde. Und bin doch zuweilen froh, kein Mittagessen zubereiten zu müssen. Denn so mampfe ich auch nicht die Essensreste der Kinder, ehe ich deren Teller in die Spülmaschine stelle. (Eine Elternunart, stimmts? Fängt mit dem Breili an und hört nie mehr auf. Meine 77-jährige Mutter isst mir noch heute die Reste vom Teller …)

Kein Wunder, dass ich nach dem Znacht k. o. sei, wenn ich vorher kaum gegessen hätte, werden Sie sagen. Dann erübrigt sich vielleicht auch meine letzte Frage: Warum sind Väter nach Mitternacht, wenn sie längst schlafen sollten, wieder hellwach? Warum schleichen sie dann in die Küche und schmieren – was sie ihren Kindern niemals erlauben würden! – zentimeterdick Mayonnaise auf eine Scheibe Brot, weil sie zur Unzeit plötzlich bärenhungrig sind? Das, befinde ich, wenn ich mich jeweils am nächsten Morgen auf die Waage stelle, das hat er irgendwie schlecht erfunden, der liebe Gott.

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr fern von zu Hause ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Erfahren Sie, wie ihr der Food an der Highschool schmeckt. zum Blog

Bänz Friedli live: 6. 3. Grosshöchstetten BE, 8. 3. Engelburg SG, 9. 3. Adelboden BE.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli