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31. August 2015

«Zuwarten kann fatal sein»

Stottern Kinder, ist eine rasche Intervention durch Fachleute ausschlaggebend, sagt Alexander Zimmermann, leitender Logopäde am Inselspital in Bern. Lesen Sie das Porträt eines Betroffenen («Wenn die Worte stecken bleiben»).

Alexander Zimmermann ist Logopäde
Alexander Zimmermann (60) ist Logopäde am Inselspital Bern. (Bild zVg)

Warum stottert ein Kind?
Die meisten Kinder beginnen zu stottern, wenn grosse Themen in der emotionalen Entwicklung anstehen: Das Ich, das Nein, der Trotz – es strebt nach Autonomie. Und natürlich werden Kinder von den Eltern darin gebremst. Das Stottern kann als eine Gefühlsausdruckshemmung verstanden werden. Das Kind steckt in einer Zwickmühle: reden wollen und sich zurückhalten müssen. Sprechimpuls und Gefühlsausdruck sind gehemmt.

Wie kommt es zum Stottern?
Es kann von einem Tag auf den anderen zu einer Blockade kommen – ein Kind bringt Wörter nicht mehr hinaus und macht beim Sprechen Grimassen.

Ist es normal, dass Kinder stottern?
Nein, es gibt keine entwicklungsbedingte Redeunflüssigkeit. Leider existiert sogar der irreführende Begriff «Entwicklungsstottern». Er impliziert, dass Stottern Teil der kindlichen Entwicklung ist.

Man sagt, es hilft, erst mal abzuwarten.
Zuwarten kann fatal sein, auch wenn dies oft propagiert wird. Man sollte baldmöglichst Kontakt zu Fachleuten wagen, vor allem wenn man als Eltern besorgt und verunsichert ist. Es gibt zwar eine hohe Zahl von Spontanerholungen, aber die Gefahr von Festigung ist ebenfalls gross.

Können Medikamente helfen?
Im Internet lassen sich Meldungen aus den USA über medikamentöse Behandlungen bei stotternden Erwachsenen nachlesen. Ich selbst hätte noch grossen Respekt davor, unter anderem auch vor den Nebenwirkungen.

Ist Stottern vererbbar?
Man sagt, die Veranlagung sei vererbbar.

Wie therapieren Sie?
Es ist ein grundsätzlicher Unterschied, ob man von Kindern oder Erwachsenen spricht. Bei Kindern muss man unbedingt auch die Eltern einbeziehen. In der Therapie geht es immer um die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Was machen Sie mit den Kindern: Sprachübungen?
Ich spiele hauptsächlich frei mit ihnen. Spielsituationen sind exemplarisch – flüssige Sprache hat mit flüssigem Spiel zu tun. Ich sehe auch, wie gewichtig Themen wie Aggression, Abgrenzung und Hemmung sind. Ich gebe dem Kind die Möglichkeit, durch flüssiges Spiel flüssiges Reden aufzubauen. Und: Ich spreche das Kind einfühlend aufs Stottern an.

Was bringt das?
Beim Stottern ist nicht nur reden selbst, auch darüber reden ein Kernpunkt. Früher hat man mit den Kindern nicht übers Stottern gesprochen. Man ging davon aus, dass sie kein Störungsbewusstsein haben. Aber auch ein zweijähriges Kind merkt, dass es stottert. Ein zweieinhalbjähriges Kind hat mir mal gesagt: Manchmal blieben die Worte kleben. Es braucht aber Mut, dies bei den Kindern anzusprechen.

Warum?
Weil man damit umgehen können muss, wie es reagiert. Ich habe schon Kinder erlebt, die sich total verweigern und angefangen haben zu weinen. Und ich will ja nicht Blockaden verhärten, sondern lösen helfen.

Was hilft bei Erwachsenen?
Auch da spreche ich immer die Gefühlsfrage an: im Jetzt und früher im Elternhaus. Ansonsten mache ich symptomorientierte Intervention: Wir üben Sprechtechniken, üben flüssiges Stottern und den Sichtkontakt zu Gesprächspartnern. Reden ist ihnen oft peinlich, beschämend. Oft wird Psychotherapie empfohlen.

Bringt man das Stottern bei Erwachsenen weg?
Bei Langzeitstotternden ist das schwierig. Sie melden sich oft, wenn sie in einer schwierigen Lebenssituation stecken wie Berufswahl, Ausbildung, Trennung oder Partnersuche. Können dazu Lösungen aufgezeigt werden, kann die Motivation für die Therapie abnehmen, obwohl sie nach wie vor stottern.

Autor: Claudia Langenegger