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12. Dezember 2016

Örgeli-Virtuose erobert Louisiana

Werner Aeschbacher, Örgeli-Virtuose aus dem Emmental, liess sich vom Migros-Magazin-Kolumnisten Bänz Friedli und der TV-Produzentin Barbara Frauchiger zu einer Reise nach Louisiana verführen. Im Süden der USA begnete der 71-Jährige wehmütigen Klängen, lüpfigen Südstaatlern und frittierten Alligatoren.

Inmitten seiner Sammlung: Werner Aeschbacher hegt und pflegt daheim in Bützberg BE um die 100 Örgeli.
Inmitten seiner Sammlung: Werner Aeschbacher hegt und pflegt daheim in Bützberg BE um die 100 Örgeli.

Die beiden alten Männer parlieren und fachsimpeln drauflos. «Wunderbare Arbeit!», lobt der eine und betastet dabei ein Akkordeon, das der andere gebaut hat. «Beautiful!», schwärmt der andere, als er das Langnauer Örgeli des Ersten inspiziert. «Diese Leichtgängigkeit der Stimmzungen!» – «Great sound!» – «Ist das aus Ahorn?» – «Maple, yeah …» ­Bemerkenswert an der Begegnung: Einer spricht Amerikanisch mit Südstaatenakzent, der andere Berndeutsch, und sie haben sich nie zuvor gesehen. Doch weil beide ins Akkordeon vernarrt sind, finden sie auf Anhieb zueinander und spielen sich zuletzt gegenseitig Walzer vor.

An einem Februartag wars. Sonne beschien das topfebene Land, doch der Orangenbaum vor der Werkstatt des Instrumentenbauers war klamm vor Kälte, die Alligatoren im nahen Sumpf verbargen sich tief im Wasser. Und die ganze Gegend war geschmückt mit Wimpeln und Girlanden in den Farben Gold, Grün, Violett. Die Farben des «Mardi Gras», des ausgelassenen Karnevals, wie er im Süden der USA gefeiert wird. Werner Aeschbacher (71), der Örgeler aus dem Emmental, und Larry Miller (80), der Akkordeonkonstrukteur aus Iota, Louisiana – sie verstanden sich wortlos. Eine Szene aus dem Film «Werner Aeschbacher bricht auf», der am 26. Dezember auf SRF1 aus­gestrahlt wird.

Erst als Rentner startete er durch

Aeschbacher ist ein Spätberufener. Zwar machte der einstige Bauernbub ein Leben lang Musik, doch es galt, die Familie zu ernähren. Beim Strassenverkehrsamt prüfte er schwere Motorfahrzeuge. Ein beflissener Büezer, ein Unauffälliger. Die Musik, seine Leidenschaft, musste Hobby bleiben. Er betrieb es nebenher an volkstümlichen «Stubeten», wurde sogar zu Wysel Gyr ins Fernsehen eingeladen.

Doch erst nach der Pensionierung verwirklichte er den Lebenstraum, ganz Musiker zu sein. Er veröffentlicht zwei Solo-CDs, tritt in renommierten Konzertlokalen wie dem «Moods» in Zürich auf, tourt mit dem Schriftsteller Pedro Lenz. Allmählich erhält er die längst fällige Anerkennung als eine der ganz grossen Musikerpersönlichkeiten der Schweiz.

Das Neue treibt ihn um, das Unbekannte. Stets will Aeschbacher dazulernen, längst entlockt er seinen Schwyzer­örgeli Bolero- und Milongaklänge – und baut seine Instrumente zuweilen eigenhändig um, damit sich Stile wie Blues darauf überhaupt spielen lassen. Wenn er ganz eins wird mit seinem Instrument, ruhend wie ein Buddha, sieht man ihm das Temperament nicht an. Aber Aeschbacher ist ein Künstler, beseelt von grosser Neugier. Ein stilles Genie. «Das Örgeli ist ein Werkzeug, es soll alle Gefühle des Lebens ausdrücken können, nicht nur die fröhlichen», sagt er.

Jahrelang holte er sich die Welt in seinen Keller, wenn er nächtens an neuen Rhythmen pröbelte. Nun ging er wirklich hinaus: die Musik Louisianas zu erkunden, wo das Cajun- und Zydeco-Akkordeon den Ton angibt. Aeschbacher liess sich spielend auf das Fremde ein. Er besuchte den Star der lokalen Szene, Nathan Williams, in dessen Tonstudio. Er setzte sich im Café «Joie de vivre» zu drei Dutzend Musikern und erlebte, wie Strafverteidiger, Metzger und Rasenmähermechaniker traut miteinander musizierten. Eine lebendige Volksmusik, immer lüpfig, immer traurig, denn sie erzählt von Vertreibung und Flucht: Die «Acadiens», ursprünglich französische Siedler, waren aus dem heutigen Kanada vertrieben worden und fanden nach langer Irrfahrt ganz im Süden der USA eine neue Heimat. Hier pflegen sie ihre Bräuche, ihre scharfe Küche und ihr altertümliches Französisch.

Aeschbacher begann, sich die Fremdländler zu eigen zu machen. Zuletzt hatte er frittierten Alligator gegessen, mit einem Tankstellenwart aus Plastikbechern Brüderschaft getrunken und im altehrwürdigen «Liberty Theater» einen bejubelten Gastauftritt gefeiert. Stets dabei: Ehefrau Susi, Werners einstiger Schulschatz. Wenn sie sehe, mit welcher Hingabe er seine vielen Instrumente hege und pflege, «de wirde ig im nächschte Läbe es Örgeli», scherzt sie.

Kaum zurück in der Schweiz, erstand Aeschbacher ein original «Bon Tee»-Akkordeon aus der Werkstatt seines neuen Freundes Larry Miller. Daheim im braven Reihenhaus in Bützberg BE spielt er dem Besucher darauf vor. Man schliesst die Augen und sieht sogleich Sumpfzypressen und schnurgerade Landstrassen. Er hat die weite, flache Landschaft mit ihren Reis- und Baumwollfeldern in Töne übersetzt. Sein Reisetagebuch ist ein klingendes. Leiser Stolz umspielt beim Spielen seine Mundwinkel. Mehr lässt er sich nicht anmerken. Dann setzt er das Instrument ab, pützelt es mit einem Tuch und sagt, doch, doch, er bringe diese Musik «ordeli» zustande. Das ist, wie immer bei Aeschbacher, untertrieben.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Michael Sieber