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31. Oktober 2016

Oder entweder?

Mit Sparschäler hinter die Tomaten
Mit dem Sparschäler hinter die Tomaten?

Über Jahrzehnte schwor ich aufs Rüstmesser. Ob Rüebli, Äpfel oder Sellerie – damit liesse sich, war ich mir sicher, jegliches Obst und Gemüse rascher rüsten als mit dem Sparschäler. Um es zu beweisen, veranstaltete ich sogar Wettrüsten mit meiner Frau, die eher dem Sparschäler zuneigt. Doch seit einigen Wochen beobachte ich mich, wie ich immer öfter zum urhelvetischen Sparschäler greife. Unversehens hat sich das Entweder-oder, an dem ich lange Zeit stur festhielt, verflüchtigt.

Die Welt ist voller Entweder-oder. «Jack or Jim» wird unter Rockmusikern zur Glaubensfrage stilisiert: Entweder man mag den Bourbon «Jack Daniel’s», oder man mag «Jim Beam». Keith Richards sagt «Jack!», Kid Rock sagt «Jim!». In Wahrheit werden beide Whiskeys aus Roggen, Gerste und Mais gebrannt, der eine in Tennessee, der andere in Kentucky, und mir schmecken alle beide. Man darf es bloss nicht übertreiben. «Stones oder Beatles», wird gern behauptet, habe einst die Entscheidung gelautet.

Bänz Friedli wechselt ab.
Bänz Friedli (51) wechselt ab.

Falsch, sagt Hanspeter, mein Sixties-Gewährsmann, der dabei war und sich trotzdem noch daran erinnert: «Alle waren von den Beatles begeistert, und die Stones wurden erst richtig gut, als die Beatles sich schon aufgelöst hatten.» Zum Beweis zeigt er mir das Video eines Konzerts, an dem 1965 beide Bands auftraten: Die Beatles prickeln vor Spielfreude, die Rolling Stones wirken fade. Mag sein, dass manche sich später an den Beatles sattgehört hatten, aber in der Jugend habe es dieses Entweder-oder nicht gegeben.
Wie es in meiner Jugend, ehrlich gesagt, in Bern die vielzitierte Frage Patent Ochsner oder Züri West gar nicht gab. Es gab vielmehr Lebensphasen – mal war man frisch verliebt und wollte die ganze Welt scharlachrot anpinseln, mal fröstelte man mit Kuno Lauener kummerig in einer ungeheizten Wohnung.

Schnee oder Sommerhitze? Ist doch beides gut! Hauptsache, ein Brett unter den Füssen. Okay, ein Zürcher muss sich zwischen FCZ und GC entscheiden, ein Madrilene zwischen Atlético und Real. Aber es gibt viel weniger Entweder-oder-Momente, als wir denken. Bestimmt hätte man im Leben oft anders entscheiden können, es wäre auch herausgekommen. Vielleicht ebenso gut, halt anders gut.

Letzte Woche allerdings, auf einem Flohmarkt in Genf, war ich uneins mit mir selbst, ob ich eine Rarität von Elvis erwerben sollte: eine LP in pinkfarbenem Vinyl. «Dann steht sie daheim wieder nur rum», raunte ich. Darauf mein Sohn: «Aber, Vati, das tun doch all deine anderen Platten auch!» Schon hatte er mich vom Kauf überzeugt.

Bänz Friedli live: 4. 11. Thal SG, 5. 11. Möriken-Wildegg AG, 9.–15. 11. Zürich, «Hechtplatz»

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli