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29. März 2016

Obacht, der Frühling!

Welcher Velofahrertyp
Welcher Velofahrertyp ist hier unterwegs?

Mit dem Frühling kommen die Velofahrer (die -innen sind jeweils mitgemeint, wenn auch in allen Kategorien in abgeschwächter Form). Da sind, zum Ersten, die Selbstgerechten, die sich alles erlauben. Weil sie sich ja umweltfreundlich fortbewegen, fräsen sie getreu der Losung «Ich rette den Planeten, ich darf alles!» über Trottoirs, brettern sie durch Unterführungen, missachten sie Rotlichter, ignorieren sie Fahrverbote und zwingen Trams zur Notbremsung, weil sie ihnen den Weg abschneiden. Bei uns in der Stadt sind Anarcho-Pedaleure, die sich an keine Regel halten, die Regel. Bremsvorrichtungen? Waren gestern. Licht? Ist für Bünzli! Meist haben solche Velofahrer ein dickes Bügel- oder Kettenschloss um Hals und Schulter geschlungen, mit Vorliebe fahren sie Fixies – Räder mit nur einem Gang und schmalem Lenker –, alte Rennvelos und ­Dreigänger verblichener Marken wie Eiger.

Bänz Friedli (50) fährt Rad
Bänz Friedli (50) fährt Rad.

Zweitens gibt es die Körblitypen. Das ist dann eher die Gemüsefraktion: gemächlicher unterwegs, aber nicht minder gefährlich. Im Korb auf dem Gepäckträger transportieren sie zwölf Rollen Recycling-Toilettenpapier und ein Neun-Liter-Gebinde Mineralwasser; am Lenker hängt links und rechts je ein Papiersack voller Einkäufe, oben ragen Lauchstängel heraus. Ob all der Last schwanken diese Velofahrer. Sie steuern ja auch nur einhändig, denn in der Linken halten sie einen Weidenzweig, mit dem sie dann beim Zeichengeben derart fuchteln, dass es ­aussieht, als vollführten sie ein keltisches Frühjahrsritual. Aber im Gegensatz zur ­ersten Kategorie geben die Körbliradler ­wenigstens Zeichen, bevor sie abbiegen …

Zum Dritten müssen wir tapfer sein und über die Atomvelos reden. (So heissen bei uns familienintern die Gefährte, deren Energie aus der Steckdose stammt.) Mittels dieser Elektrobikes nehmen vor allem ältere Menschen am Verkehr teil, die zuvor jahrelang nicht Rad gefahren sind. Entsprechend wacklig tun sie es, dafür dreimal so schnell als seinerzeit. Bei schönem Wetter kurven sie in Rudeln auf Radwegen rund um hiesige Gewässer und kommen, «Obacht!» rufend, so rasant angedonnert, dass der Wanderer sich nur mit einem Satz ins Unterholz retten kann. Strampelt man selber keuchend eine Anhöhe hinauf, grinsen sie beim Überholen noch hämisch.

Viertens: die Korrekten. Ähm … Gibts die? Dann wären sie mir nicht aufgefallen. Mich dürfen Sie sich übrigens als eine Mischung aus den Typen eins und zwei vorstellen. Fahre ich jedoch ausnahmsweise Auto, zeige ich den Velofahrenden öppedie auch, was ich als Radfahrer gern den Autofahrern zeige: den Vogel. Passt zum Frühling. 


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli