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28. Dezember 2015

Ob Freude erlaubt ist?

Die Elvis-Christbaumkugel
Ein Grund zur Freude. Die Elvis-Christbaumkugel.

Wir haben uns erlaubt, Weihnachten trotzdem ein wenig zu geniessen. Wenns draussen finster ist und drinnen die Kerzen brennen, empfindet man stärker als sonst, wie gut es ist, ein Zuhause zu haben, nicht wahr? Aber ist es Ihnen auch irgendwie schwerer gefallen, diesmal, sich das feierliche Zusammensein zu gönnen? War dies nicht vielleicht überhaupt das Jahr, in dem uns das Verdrängen zunehmend schwerfiel?
Dass wir das Elend anderer ausblenden müssen, um das ­eigene Leben meistern zu können – das ­hatten wir längst gelernt. Doch wenn das Elend nah und näher kommt, wenn unweit der Schweizer Grenze unversehens ein Lastwagen voller Leichen steht, wenn ein toter kleiner Bub an einen Badestrand gespült wird, ertrunken, wenn Jugendliche aus unseren Städten in den sogenannten «Heiligen Krieg» ziehen – welch Unwort! Kein Krieg ist heilig –, wenn ein Haufen Wahnsinniger in Paris ­beliebig Menschen abknallt, dann wird uns bewusst, wie sehr die Welt aus dem Lot ist.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) weiss nicht so recht.

Fast harmlos erscheint da die Frage, die uns vor zwölf Monaten bekümmerte: ob Griechenland aus der Eurozone ausscheiden würde. «Grexit» ist längst vergessen, selbst die Erdbeben in Nepal wurden bald zur Randnotiz, der Frankenschock war ein Schöcklein, gemessen am Terror, der uns in Angst und Schrecken versetzt, gemessen an der Flüchtlingstragödie, die uns ohnmächtig macht. Denn darum handelt es sich, auch wenn das Geschwätz von den «Wirtschaftsflüchtlingen» diese Menschen zu Delinquenten stempeln will: um Abertausende menschlicher Tragödien. Sie flüchten vor Krieg, Armut, Aussichtslosigkeit.

Darf ich Geld spenden und damit mein Gewissen beruhigen? Oder ist das zu billig? Darf ich einen Brief mitunterzeichnen, der die Wohnbaugenossenschaften des Quartiers auffordert, einer Flüchtlingsfamilie eine Wohnung zur Verfügung zu stellen? Oder ist das nur feige, weil es mich ja nichts kostet an Einsatz, an menschlicher Wärme? Würde ich selber Flüchtlinge aufnehmen? Nein. Weil der Platz fehlt, weil es an Zeit mangelt; Ausreden gibts immer.
Dennoch denke ich in bangen Momenten: Was antworte ich meinen Enkeln, wenn sie fragen, was ich getan hätte in jenem Jahr. Dem Jahr, in dem das Verdrängen schwieriger wurde. Wir wussten ja nicht mal, ob wir den unglaublich schönen Sommer geniessen durften – oder die Folgen des Klimawandels fürchten sollten. Darf man sich überhaupt noch freuen? Über kleine Dinge, Nichtigkeiten gar? Lassen Sie uns die Balance versuchen, im neuen Jahr: Freude zu haben – und doch das Elend der anderen nicht zu ­vergessen. Zum Anfang hab ich mich schon mal kindlich königlich über die Elvis-Weihnachtsbaumkugel gefreut, die per Knopfdruck wie wild rot zu blinken beginnt …

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli