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23. September 2013

Nur schlecht drauf oder psychisch krank?

Das überarbeitete Diagnosehandbuch für psychische Störungen enthält diverse neue Leiden, die es bislang noch gar nicht gab. Werden wir psychisch tatsächlich immer kränker?

Rolf-Dieter Stieglitz ist Professor für Klinische Psychologie und Psychiatrie an der Universität Basel (Illu: Liliane Steiner).

Die ganze Nacht wachgelegen, keinen Appetit und auch sonst keine Lust auf gar nichts? Das haben wohl alle schon einmal erlebt. Es ist zwar unangenehm, aber nicht besorgniserregend. Meistens. Denn dahinter kann sich auch eine Depression oder eine andere psychische Krankheit verbergen. Anders als bei vielen körperlichen Krankheiten verläuft die Grenze zwischen krank und gesund bei der Psyche fliessender und ist schwieriger zu definieren. Die fünfte Auflage des Diagnosehandbuchs für psychische Störungen, DSM-5 genannt, soll nun mehr Klarheit schaffen. Es hat damit direkten Einfluss auf das Gesundheitswesen, denn das von der Ameri­kanischen Psychiatrischen Vereinigung herausgegebene Handbuch gilt auch in der hiesigen Psychiatrie als massgebliches Standardwerk.

UMSTRITTENE NEUE DIAGNOSEN
Mehr zum Thema:Welche neuen Krankheitsbilder findet man in der fünften Auflage des Diagnose­Handbuchs für psychische Störungen? Zehn oft diskutierte Änderungen mit den Streitpunkten in der Übersicht. Zum Artikel.

Tatsächlich wurden noch nie so viele psychische Krankheiten diagnostiziert wie heute, vor allem Depressionen und Angsterkrankungen treten sehr häufig auf und verursachen auch hohe Kosten. Doch werden wir wirklich psychisch immer kränker? Rolf-Dieter Stieglitz, Professor für Klinische Psychologie und Psychiatrie an der Universität Basel, verneint und erklärt: «Betrachtet man die letzten Jahrzehnte gesamt, so kommen verschiedene Studien zum Schluss, dass psychische Störungen zwar sehr häufig sind, jedoch kein eigentlicher Anstieg erkennbar ist. Gestiegen ist allerdings eindeutig die Inanspruchnahme von Behandlungsangeboten.»

Das heisst: Nicht mehr Menschen haben eine psychische Krankheit, aber mehr von ihnen nehmen ihre Probleme ernst und lassen sich abklären und entsprechend behandeln. Genaue Aussagen über die Zahl der Krankheiten sind laut Professor Stieglitz allerdings schwierig, es gibt bis heute keine entsprechenden Erhebungen für die Schweiz. Doch laut dem Monitoring 2012 des schweizerischen Gesundheitsobservatoriums fühlen sich rund 4 Prozent der Schweizer Bevölkerung stark und rund 13 Prozent mittel psychisch belastet. Das bedeutet, dass bei etwa jeder sechsten Person eine psychische Störung wahrscheinlich ist.

Was kann die Gesellschaft für sie tun? «Es gibt keine Patentrezepte. Da Prävention oft schwierig ist, zentrieren sich viele Aktivitäten auf die Früherkennung von Störungen, um den Ausbruch einer Krankheit zu verhindern. Dazu gehören zum Beispiel Kampagnen zur Erkennung von Depressionen», sagt Rolf-Dieter Stieglitz. Grundsätzlich sei es wichtig, psychische Probleme früh zu behandeln. Das sei jedoch gar nicht so einfach, sagt der Experte, denn viele Patienten würden falsch oder gar nicht behandelt.

Rolf-Dieter Stieglitz
Rolf-Dieter Stieglitz ist Professor für Klinische Psychologie und Psychiatrie an der Universität Basel

EXPERTEN-INTERVIEW

«Wichtig ist, wie stark das Leben und der Alltag durch die Störung beeinträchtigt werden»

Rolf-Dieter Stieglitz, wo verläuft die Grenze zwischen Gesundheit und psychischer Störung?

Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition, wo die Grenze zwischen Gesundheit und Störung verläuft. Bei fast allen psychischen Störungen gibt es Übergangsbereiche, was besonders für die Angsterkrankungen gilt, da Angst ja auch ein normales psychologisches Phänomen und somit nicht automatisch «krankhaft» ist. Daher werden die Grenzen heute meist von Experten definiert und können sich auch über die Zeit hinweg ändern. Besonders wichtig ist auch, wie jemand subjektiv unter einer Störung leidet, wie stark sein Leben und sein Alltag dadurch beeinträchtigt werden.

Weshalb werden heute mehr psychische Störungen diagnostiziert als noch vor zehn, zwanzig Jahren?

1980, also vor gut 30 Jahren, wurden in der dritten Auflage des «Diagnosehandbuchs für psychische Störungen» psychische Störungen erstmals genauer definiert. Das führte zu klareren Diagnosen und zu einer zuverlässigeren Beurteilung. Damals wurde auch eine Reihe neuer Störungen definiert wie zum Beispiel die Posttraumatische Belastungsstörung, die Generalisierte Angststörung oder auch die Soziale Phobie. In der Folgezeit wurden diese vermehrt beachtet. Das führte dazu, dass sie auch öfters diagnostiziert wurden. An ihrer effektiven Häufigkeit änderte sich also nichts, sondern nur an der Anzahl der diagnostizierten Fälle.

Einige Kritiker bemängeln, dass immer mehr gesunde Menschen psychisch krankgeschrieben würden, was zu exzessivem Medikamentenkonsum führe. Ist das Realität oder Schwarzmalerei?

Das ist sicherlich eine Extremposition. Aber wie so oft liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte. Bei einer Reihe von Störungen wurde die Schwelle gesenkt, zum Beispiel bei der Generalisierten Angststörung oder der Posttraumatischen Belastungsstörung, sodass hier mit einer Zunahme der diagnostizierten Störungen und Behandlungen zu rechnen ist. Da heute bei der Mehrzahl von psychischen Störungen oft zunächst eine medikamentöse Behandlung durchgeführt wird, ist notwendigerweise mit einer Steigerung des Medikamentenkonsums zu rechnen.

Sind wir nicht einfach weniger leidensfähig als früher?

Für diese Behauptung gibt es keine hinreichenden wissenschaftlichen Belege. Die Menschen sind jedoch vermutlich heute stärker sensibilisiert, auch psychischen Beeinträchtigungen eine stärkere Aufmerksamkeit zu geben. Dadurch wird auch die Schwelle gesenkt, sich in eine Behandlung zu begeben.

Wie erkennt man, dass man an einer psychischen Erkrankung leidet, die über die normalen Gefühlsschwankungen hinausgeht, und dass man Hilfe braucht?

Hier müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden: zum einen der bisherige Zustand und der Verlauf. Ein Beispiel: Eine schlechte Stimmung kennt jeder, sie ist meist von kurzer Dauer. Hält sie jedoch länger an und wird stärker, könnte dies ein Hinweis auf eine beginnende Depression sein, vor allem dann, wenn weitere Symptome hinzukommen wie beispielsweise reduzierter Antrieb, Schlaf- und Essstörungen.

Was dann?

Dann sollte man unbedingt Hilfe suchen, zunächst beim Hausarzt, aber auch Psychiater oder klinische Psychologen können bei einer Abklärung helfen.

Autor: Andrea Fischer Schulthess