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22. Dezember 2014

Nur noch Nummer zwei

Wenn Nachwuchs kommt, erhalten ältere Geschwister weniger Aufmerksamkeit. Die Folge ist Eifersucht. Das muss nicht sein - wenn die Eltern richtig reagieren.

Eltern sollten schon vor der Geburt eine Beziehung zwischen Kind und Ungeborenem aufbauen.
Eltern sollten schon vor der Geburt eine Beziehung zwischen dem Kind und dem Ungeborenen aufbauen. (Bild: Corbis)

Vor wenigen Wochen hat Leonie einen Bruder bekommen. Obwohl dies ein Grund zur Freude wäre, tut sie sich schwer mit dem kleinen Lars. Sie schaut den Bub kaum an, reagiert aggressiv oder benimmt sich bockig. Auch fragt sie oft: «Wann bringt ihr das Baby zurück ins Spital?»

Ein Baby bringt nicht nur für Eltern, sondern auch für Geschwister Veränderungen mit sich: Die ungeteilte Aufmerksamkeit gilt nun dem Kleinsten. «Oft reagieren ältere Kinder eifersüchtig, verhalten sich aggressiv oder benehmen sich selber wieder wie ein Baby», erklärt David Schmid (43), Leiter der Erziehungsberatung Kanton Bern.

Um Eifersüchteleien zu vermeiden, können Eltern bereits vor der Geburt eine Beziehung zwischen dem Kind und dem Ungeborenen aufbauen. Es ist wichtig zu erklären, dass ein Baby zur Welt kommt. Puppen oder Plüschtiere können dabei genauso nützlich sein wie altersgerechte Bilderbücher. Reiferen Kindern kann man auch ein Ultraschallbild zeigen. Das Kind versteht besser, dass sich etwas verändert, sobald der Bauch der Mama wächst: Es kann die Wölbung sehen, mit der Hand die Bewegungen des Babys spüren oder es streicheln. Eltern können das ältere Kind auf das neue Familienmitglied einstimmen, indem sie Fotos anschauen, auf denen es selbst noch ein Baby war: «Schau, du warst auch einmal so klein.» David Schmid rät, dabei keine falschen Hoffnungen zu wecken: «Ein Baby ist kein Spielkamerad, sondern ein kleiner Mensch, dem man Sorge tragen muss.»

Für das ältere Kind exklusive Kuschelzeit reservieren

Kommt die Mutter mit dem Baby vom Spital nach Hause, ist es wichtig, dass die Familie zusammenbleibt. David Schmid: «Das grössere Kind sollte vor allem in den ersten Tagen nicht weggegeben werden. Dies könnte es als Zurückweisung verstehen.» Das grosse Geschwisterchen soll merken, dass es zur Familie gehört und wichtig ist. «Zusätzlich können Eltern mit ihren Kindern Rituale pflegen, zum Beispiel eine eigene Kuschelzeit zelebrieren», sagt der Experte. Auch ist es ratsam, das ältere miteinzubeziehen: «Was meinst du, möchte dein Brüderchen lieber das gelbe oder das blaue Jäckchen anziehen?» Und Mama und Papa dürfen auch den Stolz des Kindes wecken: Es ist toll und eine wichtige ­Aufgabe, eine grosse Schwester oder ein grosser Bruder zu sein.

Das hat auch Leonie gemerkt. Sie schaut nun gut zu Lars, streichelt ihn sanft, wenn er sein Fläschchen bekommt. Und sie erzählt freudestrahlend, dass sie ein kleines Brüderchen hat.

Autor: Priska Plump