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26. Mai 2014

Nur die Zigarre ist ihm geblieben

Vor zehn Jahren stand Urs Baumann vor dem Nichts: Der Immobilienhändler hatte sein gesamtes Vermögen verloren und hielt sich als Müllmann über Wasser. Heute hat der Ex-Millionär seinen Tiefpunkt überwunden, lebt aber nach wie vor bescheiden. Rechts finden Sie auch das erste Porträt von 2004 («Ein Millionär ganz unten»).

Urs Baumann in seiner Genossenschaftswohnung in Zürich-Schwamendingen. Als 22-Jähriger verdiente er 110 000 Franken pro Monat.
Urs Baumann in seiner Genossenschaftswohnung in Zürich-Schwamendingen. Als 22-Jähriger verdiente er 110 000 Franken pro Monat.

Urs Baumann (66) ging es wie der UBS. Nur war er nicht «too big to fail». Der Zürcher besass einst 25 Mehrfamilienhäuser, mehrere Handels- und Immobilienfirmen und hatte ein Vermögen von 12 Millionen Franken. In den 90er-Jahren platzte dann die Immobilienblase, seine Firmen machten Konkurs, seine Liegenschaften wurden versteigert. «Ich habe drei Phasen durchlebt», sagt Baumann. «Zuerst war ich sehr vermögend, fuhr Ferrari und Rolls-Royce. Dann wurde ich arm. Heute kann ich mir nicht viel leisten, lebe aber mittelständig.»

Der Tiefpunkt des Ex-Millionärs, an dem ihn das Migros-Magazin vor zehn Jahren besuchte, ist überwunden. Baumann fand wieder eine Anstellung in einer Immobilienfirma, arbeitete sich hoch, hatte 120 Mandate. Vor vier Jahren – er musste wegen Knieproblemen öfters zum Arzt – hiess es, er sei zu alt und zu teuer. Er wurde entlassen und bekam keine Pensionskasse, weil er quasi als Selbständiger angestellt worden war. Heute wohnt Baumann in einer Genossenschaftswohnung, lebt von AHV, Ergänzungsleistungen und seiner «grosszügigen Freundin». Dank Susanne Orditis (63) liegt für Urs Baumann auch mal eine neue Skiausrüstung oder ein Tagesausflug in die Berge drin. Noch immer versucht er, an Immobilienmandate zu kommen. Es ist jedoch nicht leicht, sich gegen die grossen Player durchzusetzen. Vier seiner fünf Kinder hat er trotz Besuchsrechts seit über sieben Jahren nicht mehr gesehen; deren Mütter hätten ihm den Kontakt verboten.

Baumann versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Er trauert den finanziell besseren Zeiten nicht nach und erfreut sich lieber an seinem Hobby, dem Orientierungslauf: «Dank dem OL laufe ich durch Tessiner Maierieslifelder, das ist doch Wahnsinn!» Seine Leidenschaft für Botanik lebt er auch in seinem Garten in Zürich Schwamendingen aus. Dort wachsen Gemüse, Salat und Obst. Täglich gräbt er Beete um, pflanzt Setzlinge oder pflegt die Bäume. «Mein Garten ist Psychiater und Fitnesscenter zugleich.» Einen Luxus lässt sich Urs Baumann trotz aller Bescheidenheit nicht nehmen: Pro Tag raucht er eine Zigarre. «Wenn ich nicht mehr rauchen kann, ist es nicht mehr gut.» Sein Wunsch: wieder einmal zum Fischen nach Alaska zu fahren. Oder auch nur zum Wandern in den Schwarzwald. Wie damals, als er noch Ferrari und Rolls-Royce fuhr.

Autor: Silja Kornacher