Archiv
12. Oktober 2015

Null Bock auf Böcke

Krankenkassen-Werbung
Diese Krankenkassen-Werbung wertet in einer Aussage gleich Frauen wie Männer ab ...

Wissen Sie noch, der Geissbock im Bauernhemd? Der verklebte diesen Sommer ja jede Plakataushangstelle. Ein Geissbock im kragenlosen, typisch blassblauen Hemd mit dem Edelweissmuster, dazu der Spruch: «Ich habe mehr Auslauf als die meisten Männer.» Sollte wohl lustig sein. War aber nur blöd. Früher stellten Werbeslogans wenigstens nur uns Männer als doof hin, neuerdings schaffen es die Texter, mit einem einzigen Satz Frauen und Männer gleichzeitig zu verunglimpfen: Schweizer Ehefrauen seien strenge Biester, sie hielten ihre Memmen von Gatten unter der Fuchtel und liessen sie kaum aus dem Haus – dieses Vorurteil ist abgestanden und bemüht längst überholte Rollenbilder. Zwar beeilte sich eine Sprecherin des Bauernverbandes zu beschwichtigen, man solle «die Plakate mit einem Augenzwinkern geniessen, deshalb streckt Konrad ja eigens noch die Zunge raus»; aber auch mit der Zusatzinformation, der Bock höre scheints auf den Namen Konrad, mochte ich kein Augenzwinkern aufbringen, geschweige den Bockmist geniessen.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) ist plakatscheu.

Denn wenn mich etwas anödet, ist es das Herumtrampeln auf Geschlechterklischees. Und ich wundere mich immer wieder, wie viele Leute sich daran laben mögen: Zeichnet eine TV-Serie die Frau als shoppingsüchtig, hat sie Rekordquoten. Stellt ein Theaterstück den Mann als ach so primitiven Jäger und Sammler hin, hat es massenhaft Zulauf. Karikiert ein Variété Frauen in den Wechseljahren als überhitzte Hühner, die jedem Jüngling auf den Hintern starren, wird es garantiert ein Erfolg.
Und immer, wenn ich auf der Post warte, bis meine gezogene Nummer drankommt, fallen mir im Regal mit den sogenannten Bestsellern schmale Bändchen auf, die Stereotypen wie diejenigen breitwalzen, wonach Männer nicht zuhören und Frauen nicht parkieren können. «Die sollten mich mal parkieren sehen …», denk ich dann. Und kaum trete ich wieder auf die Strasse hinaus, springt mir die Losung ins Auge: «Ich brauche eine Versicherung, die so einfach zu durchschauen ist wie mein Mann.» Schon wieder! Auf einen Schlag beide blöd hingestellt, Männer und Frauen, à la: Alle Typen sind furchtbar durchschaubar, sämtliche Heimchen am Herd sind halt beschränkt und daher auf eine simple Police angewiesen.

Und wie war das gleich? Sie gewähren ihren Kerlen keinen Auslauf, diese Weiber! Ja, er hat mich den ganzen Sommer über geärgert, der Geissbock Konrad. Aber da war der Wahlherbst ja noch nicht angebrochen. Und ich muss sagen, gegen all die Ziegen und Böcke und deren noch weit einfältigere Sprüche, die derzeit jede Plakatwand verkleistern und jede Wiese verunstalten, da war der Konrad noch heilig.


Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

Hörkolumnen bei iTunes

Hörkolumnen mit RSS-Client

Website: www.baenzfriedli.ch

Bänz Friedlis Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli