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31. Oktober 2016

Novemberkind

Gratulation ans Novemberkind
Gratulation ans Novemberkind (Bild: iStockphoto)

Ich kann viel Gutes über meine Eltern berichten. Timing war und ist aber nicht ihre Stärke. Statt meiner Mutter an Fasnacht 1976 tief in die Augen zu schauen, wäre mein Vater besser kalt duschen gegangen. Aber nein, die beiden mussten … (Lalala, ich halte mir die Augen und die Ohren zu.) Jedenfalls realisierten sie kurze Zeit später, dass natürliche Verhütung natürlich nicht funktioniert. Grüezi, ich bin Bettina, ein an Fasnacht gezeugtes Überraschungsei. Keine Sorge, Mami und Papi waren zu dem Zeitpunkt bereits in den Hafen der Ehe eingelaufen, Gott behüte! Aber dennoch: Mit mir hatte damals (noch) niemand gerechnet.

Als ich am 2. November 1976, also übermorgen vor vierzig Jahren, aus meiner Mama flutschte, wog ich acht Pfund und guckte pausbäckig in die Kamera. Es gibt nicht so wahnsinnig viele Fotos von Mini-Betty. Denn: Damals mussten die Leute jedes einzelne Foto vom Profi entwickeln lassen, in Wannen voller Chemikalien. Unfassbar, oder?

Ich bin auf den frühen Babybildern immer wie eine Mumie eingepackt. Eingelismet, um genau zu sein. Bei meiner Geburt regnete es handgearbeitete Käppchen, Pullöverchen und sogar Hösli. Bodys für fünf Franken vom Schweden? Davon war man damals noch Lichtjahre entfernt. (Ich muss gestehen, dieser Teil der Geschichte gefällt mir sehr.)

Aber, eben. Hätten Papi und Mami die Finger voneinander gelassen, wäre ich nicht im tristen, kalten November, sondern vielleicht erst im sonnigen, warmen Mai zur Welt gekommen. Aber nein, Herbstbaby it is. Ich habe 39 Geburtstage drinnen gefeiert, nie gab es eine Wasserschlacht im Garten oder Glace für alle auf der Wiese. Voll doof. Damit aber nicht genug. Mami gebar mich nicht an irgendeinem Tag, nein, es musste an Allerseelen sein.

Falls Sie nicht katholisch sein sollten, hier eine kurze Erklärung zu diesem kirchlichen Feiertag: Am 1. November (Allerheiligen) ehrt man die verstorbenen Heiligen, am 2. November (Allerseelen) die hundskommunen Toten, yeah! Meine Grosseltern gratulierten mir immer telefonisch zum Geburtstag und erwähnten dabei jeweils, welches Gesteck sie vor wenigen Minuten auf Urgrossättis Grab gelegt hatten. «The Walking Dead» kannte man damals noch nicht.

Noch was Blödes zum Thema Novemberkind: Wer zu dieser Zeit im Jahr geboren wird, ist ein Skorpion. Dabei wäre ich viel lieber ein Löwe (roar!) oder ein Stier (schnaub!) geworden. Aber nein, es musste dieses stachelige, giftige Sternzeichen sein. Mann, Papi, kalte Dusche!

Aber genug davon. Ja, das Timing meiner Eltern war nicht ideal, aber es gibt auch positive Aspekte: Im November werden die Blätter bunt, und man bekommt eine Stunde Schlaf geschenkt. Im Supermarkt gibts Lebkuchen, die Reisebüros verrechnen Nebensaisonpreise, und in den USA werden immer dann neue Präsidenten gewählt.

Ich feiere übermorgen also zum vierzigsten Mal den Tag meiner Geburt. Ohne einen Anruf meiner Grosseltern zwar, aber ich denke an Grabgestecke mit Nelken darin, versprochen. Danke, Mami und Papi, dass ihr es an Fasnacht 1976 habt krachen lassen.
Eure Novemberbetty

Autor: Bettina Leinenbach