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21. Mai 2013

Not am Mann im Frauenverein

Sie vermitteln Babysitter und Haushaltshilfen, betreiben Brockenhäuser und unterstützen finanziell Bedürftige: Frauenvereine sind eine Stütze der Gesellschaft. Doch es mangelt an Nachwuchs. Deshalb geht der Frauenverein Ermatingen einen neuen Weg und wirbt Männer an. Mit Erfolg.

Mitglieder des Gemeinnützigen Vereins Ermatingen
Heinz Kohler (sitzend) und Wolfgang Lichey sind die ersten männlichen Mitglieder des Gemeinnützigen Frauenvereins Ermatingen. Eine Namensänderung soll nun weitere Männer zu einem Beitritt ermutigen: Neu heisst die Organisation nur noch Gemeinnütziger Verein.

Was, Frauenverein? Mit dieser Frage reagierten Wolfgang Licheys Nachbarn, als er ihnen von seinem neuen Engagement erzählte. «Manche Leute finden das eben seltsam, aber das macht mir überhaupt nichts aus», sagt der 62-jährige Lichey und schichtet behände Lunchboxen von einem Kofferraum in den anderen.

Es ist elf Uhr vormittags und auf dem Rathausplatz im thurgauischen Ermatingen findet die tägliche Essensübergabe statt. Gerade hat eine Vereinskollegin die Menüs aus einem Seniorenzentrum in Berlingen TG gebracht. Wolfgang Lichey lädt die Thermoboxen in sein Auto, um sie innerhalb der nächsten Stunde an die Empfänger auszuliefern: ältere Menschen im Dorf, die nicht mehr selber kochen können.


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Es ist Licheys dritter Einsatz im Mahlzeitenservice, den der Gemeinnützige Frauenverein Ermatingen zusammen mit dem Roten Kreuz unterhält. Seit knapp einem Jahr ist er Mitglied im Verein und freut sich richtig, dass er jetzt mal mit anpacken kann. «Ich arbeite nicht mehr und habe viel freie Zeit», sagt er, «da lag es nahe, meine Hilfe anzubieten.» Das bringe ihn in Kontakt mit anderen Menschen, und «man weiss ja nie, ob man dereinst auch mal auf Unterstützung angewiesen ist.»

Der 94-jährige Heinz Kohler zögerte keine Sekunde

Der pensionierte Hörgeräteakustiker ist aber nicht das erste männliche Mitglied des gemeinnützigen Frauenvereins Ermatingen. Pionier war Heinz Kohler (94). Der zweifache Vater, dreifache Grossvater und fünffache Urgrossvater ist dem Verein schon vor mehr als einem Jahr beigetreten. Er erfuhr von seiner Tochter Franziska Züllig (64), dass der Verein Mitglieder suche, und zögerte keine Sekunde.

«Damit kann ich für meine Wohngemeinde etwas mehr tun als nur Steuern zahlen», sagt Heinz Kohler. Mit dem Namen Frauenverein hat der ehemalige Kinderarzt kein Problem. «Ist doch egal, wie der Verein heisst», sagt er. In der Zeit der Gleichberechtigung sei so etwas Nebensache. Heinz Kohlers erwachsene Kinder unterstützen das Vorhaben — das ist dem Senior nicht ganz unwichtig —, und seine Enkel fänden sowieso alles gut, was der Opa mache. «Natürlich kann ich altersbedingt keine Einsätze leisten», räumt der 94-Jährige ein, «aber wenn ich weitere Männer zum Mitmachen animieren kann, tu ich das gern.»

Tatsächlich könnten die Herren Kohler und Lichey in Ermatingen die Lösung sein für ein Problem, das unter den Schweizer Frauenvereinen grassiert: Sie finden nur schwer neue Mitglieder, besonders solche, die einen Vorstandsjob übernehmen. 1888 mit 1200 Frauen gegründet, gewann der Dachverband Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen (SGF) mit jedem Jahr Tausende neue Mitglieder. 2003 war mit über 84'000 Frauen die Spitze erreicht, seither schrumpft der Mitgliederbestand stetig. Der aktuelle Stand: knapp 60 000 Frauen — plus ­eine unbekannte Zahl Frauen, die ausserhalb des Dachverbandes organisiert sind.

Wolfgang Lichey verteilt im Namen des Frauenvereins Thermoboxen.
Wolfgang Lichey verteilt im Namen des Frauenvereins Thermoboxen.
Ursula Furini (77) nimmt eine Mahlzeit von Wolfgang Lichey entgegen.
Ursula Furini (77) hat Mühe zu kochen und ist froh um den Mahlzeitendienst.

Noch sind diese Vereine eine Stütze der Gesellschaft. Sie betreiben Brockenhäuser und Kindertagesstätten, besuchen Neugeborene und Senioren, vermitteln Babysitter und Haushalthilfen, organisieren Buchbörsen und Kochkurse. Ihren Mitgliedern bieten sie gemeinsame Ausflüge, Kurse oder schlicht geselliges Beisammensein an, einige unterstützen zudem mit beachtlichen finanziellen Beiträgen Bedürftige im Dorf, Schulprojekte sowie wohltätige Institutionen (weitere Aktivitäten siehe Box in der rechten Spalte).

Das sind Tausende von Stunden an Freiwilligenarbeit. Damit dies auch in Zukunft möglich ist, muss sich etwas ändern. Der SGF hat vor wenigen Monaten einen mehrteiligen Workshop mit dem Namen Zukunftslabor organisiert, um Massnahmen für den Fortbestand zu erarbeiten. Die Themen: Nachwuchskampagnen, moderner Webauftritt, zukunftsweisende Angebote. Entwickelt wurden Projekte wie «Happy Hour», ein Treff für berufstätige Frauen, oder «Tavola Pronta», ein Kochevent, der Migranten und Einheimische zusammenbringen will. Projekte, die den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft Rechnung tragen.

Auch Frauenvereine müssen mit der Zeit gehen

Neue Wege musste man auch in Ermatingen suchen. Schon 2010 kündigten zwei langjährige Vorstandsmitglieder und die Mahlzeitendienst­leiterin ihren baldigen Rückritt an, wie Johanna Harder (55), Interimspräsidentin des Gemeinnützigen Frauenvereins Ermatingen erzählt. Doch Monat für Monat verstrich, ohne dass Nachfolgerinnen gefunden wurden.

Johanna Harder, Interimspräsidentin des Gemeinnützigen Vereins Ermatingen.
Johanna Harder, Interimspräsidentin des Gemeinnützigen Vereins Ermatingen.

Johanna Harder glaubt den Grund zu kennen: «Frauen sind heute berufstätig. Kommt eine Familie dazu, bleibt keine Zeit für Vorstandsarbeit.» Um ihren Verein zu retten, startete Harder im Herbst eine Charmeoffensive an die Adresse des starken Geschlechts. «Wir müssen auf die Männer zugehen und ihnen sagen, dass wir ihr Know-how schätzen», sagt sie, «und dass sie in unserem Verein nicht nur zum Helfen willkommen sind.» Zwar packen die Gatten der Vorstandsfrauen schon seit Jahren mit an. Sie transportieren Material für Anlässe, machen hinterher den Abwasch und springen überall ein, wo Not am Mann ist. Männer von ausserhalb des Vereins, so hat Harder festgestellt, würden ihre Mitarbeit nicht von selbst anbieten, nicht in einem Frauenverein. Sie versteht die Berührungsängste, ist aber nicht bereit, klein beizugeben. «Unsere Statuten erlauben die Mitgliedschaft von Männern seit jeher, auch im Vorstand», erklärt die Präsidentin.

Die Revolution am Bodensee könnte Nachahmer finden

Dennoch hat man sich in Ermatingen nun entschieden, die Frauen aus dem Namen zu streichen. Die Jahresversammlung Ende März stimmte dem zu, und siehe da: Sogleich traten zwei weitere Männer dem neu benannten Gemeinnützigen Verein Ermatingen und Salenstein bei. Einer von ihnen bekundete sogar Interesse an der Vorstandsarbeit. Und für die Vorstandssitzung vom Mai sind sechs Gäste eingeladen, die in die Vereinsleitung reinschnuppern möchten.

War die Ermatinger Revolution von anderen Vereinen erst skeptisch beäugt worden, weckt sie nun grosse Hoffnungen. Der kantonalthurgauische Frauenverein liess gar verlauten, das männliche Engagement könnte die Wende für die Frauenvereine der ganzen Schweiz bedeuten.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Gerry Nitsch