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12. Mai 2014

Nonna mia!

Die Socken von Grossmutter
Enkelin und Urenkelinnen tragen Socken, welche die Grossmutter gestrickt hat.

Haben oder hatten Sie auch eine ganz wunderbare Omi? Dann verstehen Sie sicher, warum ich diese Kolumne schreiben muss. Grossmütter sind ein Geschenk des Himmels. Sie prägen uns – neben unseren Müttern – am meisten. Bei mir war das jedenfalls so. Deswegen möchte ich Ihnen von meiner Nonna erzählen, die im Herbst 88 Jahre alt wird. Es ist schon erstaunlich, was ich alles von ihr geerbt habe. Zum Beispiel die Schuhgrösse. Wenn ich heute stöhne, weil es so schwierig ist, schöne Treter in der Grösse 41,5 zu finden, dann grinst sie und meint, ich solle mir nun mal vorstellen, wie nervig das 1950 war. Auf unseren Köpfen spriessen die gleichen nervösen Locken (okay, das Bisschen, das von ihrem ehemals vollen Haar übrig geblieben ist, sieht mittlerweile eher wie Flaum aus). Wenn wir lachen, bilden sich in unseren Gesichtern identische Falten, die von unseren Nasenflügeln zu den Mundwinkeln verlaufen. Als meine Oma noch ohne Rollator durchs Leben kam, war sie 1,74 Meter gross. Nun raten Sie mal, wie gross ich bin.

Kolumnistin mit ihrer Nonna
Haben nicht nur äusserliche Merkmale gemein: Die Kolumnistin mit ihrer Nonna.

Ich habe aber nicht nur äusserliche Merkmale geerbt. In meinem Innersten bin ich auch in vielerlei Hinsicht ganz die Omi. Mir schlagen sämtliche Erkältungen immer auf die Lunge, ich fürchte mich vor ausgefallenen Krankheiten (und trete somit in die Fussstapfen meiner hypochondrischen Grossmutter), ich liebe echten Nougat und so weiter und so fort. Natürlich gibt es auch Punkte, in denen wir uns unterscheiden. Ich kann zum Beispiel kochen. Okay, das war jetzt übertrieben, aber Sie können mir glauben, dass ich besser kochen kann als meine Omi. Bei ihr wurde jedes Gemüse zu Mus, jedes Stück Fleisch zur Schuhsohle – und jeder Kuchen zum Desaster. Es gibt nur eine Person, die ernsthaft ihre Kochkünste lobte, und das war mein Opa, Gott hab ihn selig, aber der zählt ja nicht. Im Gegensatz zum Grosi habe ich auch eine ausgeprägte ästhetische Ader. Sie wusste nie so recht, welche Kleider zusammenpassten, wie man Möbel oder Accessoires arrangierte – dementsprechend sah es auch bei den Grosseltern aus. Kraut und Rüben, eine Zumutung für jeden Feingeist. Als ich noch ein Kind war, blieb mir das verborgen. Ich spürte nur die grosse Liebe, die in diesem Haus war. Und ich wusste, dass ich ein Teil davon war. Ich war sehr oft bei den Grosseltern zu Besuch. Immerhin war ich das erste Enkelkind, ein kleiner Wonneproppen, der zwar spät laufen lernte, dafür aber schon früh plapperte und alle um den kleinen Finger wickelte. Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Ich war und bin ihre Lieblingsenkelin. Vielleicht, weil wir uns ähnlich sind. Vielleicht, weil ich besser als andere verstehe, wie es in ihr drinnen aussieht.

Meine Töchter wissen, dass mir meine Grossmutter sehr viel bedeutet. Wenn wir die «Oma-Ur», wie meine beiden sie nennen, im Altersheim besuchen, sind sie sehr sanft und rücksichtsvoll mit ihr. Neulich schlang Ida ihre Ärmchen um Omis faltigen Hals und erzählte ihr stolz, dass sie den ganzen Winter über nur die von ihr gelismeten Socken getragen habe. Dann zogen Ida, Eva und ich unsere Hosenbeine hoch und zeigten die Stricksocken. Omis knorrige Hände zitterten ein wenig vor Rührung, dann kramten sie das Handarbeitskörbchen hervor, und wir durften einen Blick auf die neue Sockenkollektion werfen.

Vor einer Woche telefonierte ich das letzte Mal mit meiner Grossmutter. Da lag sie bereits mit einer Lungenentzündung im Spital.
Sie sagte: «Ich bin so müde.»
«Wie meinst du das?»
«Ach, deine Mutter und dein Onkel, die meinen, ich müsse noch 20 Jahre leben. Aber ich mag nicht mehr.» Sie schwieg einen Augenblick und fügte an: «Ich wäre gern dort, wo der Opa ist.»
Das konnte ich nachvollziehen. Die beiden waren über 50 Jahre verheiratet gewesen. Er war vor ihr gegangen, am Tag, als Eva zur Welt gekommen war.
Ich überlegte kurz. Dann fasste ich einen Entschluss: «Omi, du darfst sterben.»
Das nahm sie sich zu Herzen. Drei Tage später hatte sie Kammerflimmern. Da meine Grossmutter keine Patientenverfügung hatte, wurde sie reanimiert. Jetzt hängt sie an Schläuchen.
Sollte sie je wieder das Bewusstsein erlangen, muss ich dringend mit ihr über diesen Zettel reden. Dafür sind Enkel schliesslich da, oder?

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach