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03. März 2014

Nötiger Streitschutz

Kinderstreit ist für die Entwicklung oft wertvoll. Doch wer muss beim Streit zwischen Geschwistern geschützt werden? Nicht immer ist es das jüngere Kind, manchmal sind es für eine Weile sogar die Eltern.

Wenn Papa eine Streitpause braucht
Manchmal benötigt auch Vater oder Mutter bei Kinderstreitereien Schutz – oder zumindest eine Pause. (Bild: Fotolia)

Die Pädagogen sind sich einig: Stets einzugreifen, ist definitiv nicht die richtige Lösung, wenn sich Kinder zanken. Erwachsene riskieren dabei die Fehleinschätzung der Streitsituation, das führt zu Ungerechtigkeiten – manchmal grösseren, als wenn die Streithähne allein Sieger und Verlierer ausgemarcht hätten. Denn darum gehts in den meisten Fällen: Wer setzt sich durch?
STREITEN LOHNT SICH
Konstant schnelles Schlichten erweist sich jedoch auch aus Entwicklungsgründen als nachteilig. Dem Nachwuchs kann die allzeit einsatzwillige Schutz- und Sanktionsmacht aus der Erwachsenenwelt folgende Botschaften übermitteln:

1. Der Klügere gibt (immer) nach. Präziser: Wer streitet, ist per se im Unrecht.
2. Dein Streit oder die Streitsache lohnt sich doch gar nicht.
3. Du hättest dich nie durchsetzen können, wir müssen dich stets beschützen.
4. Oder im Gegenteil: Du greifst immer zu unfairen Mitteln, um ans Ziel zu kommen. Alle anderen müssen vor dir geschützt werden.

Auf diese oder ähnliche Art aufgenommene Signale, obschon kaum bewusst ausgesandt, können das Kind im Prozess bremsen, Konflikte wahrzunehmen (auch mal zu suchen …), auszutragen und im Idealfall bald bestimmte Grenzen beim Streiten zu akzeptieren. Im Teenageralter oder danach wird es solche Erfahrungen mühsamer sammeln, mit Sicherheit nicht so spielerisch wie in der (frühen) Kindheit. Es riskiert, in Konflikten ohne die Eltern hilflos verloren dazustehen.
Auch wenn es um Gschpänli in der Krippe, im Kindergarten, in den ersten Schuljahren oder in der Wohnsiedlung geht, ist Parteinahme heikel. Ein paar Hinweise zum Verhalten von Eltern gegenüber fremden Kindern oder den Betreuenden nennt der Migrosmagazin.ch-Artikel vom 2. Dezember 2013.
Doch wie sieht es bei innerfamiliären Reibereien aus? Wie schnell trennt man am besten Brüderchen und Schwesterchen: Wenn es heftig brodelt oder erst wenn es richtig kracht? Hier geht es noch mehr ans Lebendige, weil Beziehungsmuster in der Kleinfamilie zumeist noch stärker nachwirken und weil schliesslich kein weiterer Rückzugsort mehr bereitsteht.
WANN EINGREIFEN NOTTUT
Wie die im Migros-Magazin vom 3. März 2014 befragte Sarah Zanoni betonen auch andere Psychologen bei aller Notwendigkeit, im Streiten Erfahrungen zu machen, dass Eltern gegebenenfalls in den Kinderstreit eingreifen müssen – möglichst überlegt und entschieden. Aber in welchem Moment?

A. Sobald es zwischen Geschwistern zur grossen Eskalation kommt: Wenn ohne spielerische Komponente physische Gewalt angewandt wird. Ein unterlegenes Kind wird dann zum Opfer.
B. Als ebenso erniedrigend kann sich herausstellen, wenn ein Kind das andere grob oder wiederholt beleidigt, es vielleicht konsequent lächerlich macht o.Ä.
C. Und zu guter Letzt sollten Eltern ebenfalls aktiv werden, wenn sich zwischen Kindern ein Rollenverhalten mit einem konstanten Machtgefälle automatisiert, das mindestens einem Teil schaden dürfte. Zum Beispiel, wenn der Konflikt von der stärkeren Partei stets mit einer Erpressung aufgelöst wird: Ich tu dir erst nichts mehr, wenn du auf meinen Wunsch hin dies oder das tust …
Es geht also um die einfache Frage, wann jemand wirklich Schutz benötigt. Überraschender dürfte sein, dass in einigen Fällen gar nicht das kleinere Kind der Hilfe bedarf, sondern das grössere – und bisweilen gar die Eltern.
Von Bedeutung für das richtige Eingreifen im Moment ist der Einblick in die Beziehungsdynamik, das stete Beobachten der Kinder beim gemeinsamen Spiel oder Zusammensein. Fehlt dieser, sind Eltern allein auf die Schilderung des Nachwuchses angewiesen, und daraus lässt sich oft auch mit viel Distanz und kombinatorischem Geschick der ‚Tathergang‘ nicht annähernd rekonstruieren…
Einsatz … für das Kleinere
Streitsituationen, in denen das kleinere Kind elterlichen Schutz benötigt, sind mindestens bei physischen Auseinandersetzungen am einfachsten zu erkennen. Kommt oder käme das Jüngere unter die Räder, gilt es die Streithähne schnell zu trennen – meist auch räumlich: Eines der Kinder geht für eine Weile in sein oder das gemeinsame Zimmer. Falls nötig wird natürlich getröstet.
Wichtig: Die Trennung und allfälliges Trösten gehen nicht automatisch mit einer Schuldzuweisung einher. Die mütterliche oder väterliche Botschaft sollte zuerst lauten, dass nun für eine Weile Abstand nottut. Mögliche Konsequenzen für ein Kind oder beide werden bestenfalls in ruhigeren Momenten, nach dem Gespräch mit beiden Beteiligten, verhängt. Nicht selten ist das kleinere Kind mit wiederholtem Provozieren beteiligt an der Reaktion des älteren, die übers Ziel, sich zu behaupten, hinausschiesst.
… für das Grössere
Öfter vergessen geht, dass auch ältere Kinder bei häufigen Konfliktsituationen bisweilen eine Schutzzone benötigen. Oft wünschen sie sich ein wenig Freiraum, ohne bei allem Tun gleich vom jüngeren Brüderchen oder Schwesterchen zum Agieren zu zweit gezwungen zu werden. Speziell wenn der Altersabstand etwas grösser ist als ein bis zwei Jahre (bei über Fünfjährigen), sollten sich Grössere auch einmal zurückziehen können. In gewissen Momenten können sie vielleicht das eigene Zimmer – etwa mit einem Holzgitter – vor dem Geschwisterchen abgrenzen. Oder sie erhalten zu bestimmten Tageszeiten oder spontan eine Ecke in der Stube oder sonst wo für sich. Sicherlich sollte eine solche Trennung jedoch nicht über Tage hinweg aufrechterhalten werden. Dies bremst wiederum die soziale Entwicklung und konzentriert Konflikte beispielsweise auf das gemeinsame Essen oder auf Ausflüge. Beides ist für Eltern auch nicht gerade angenehm.
… und für sich selbst!
Damit wären wir bei der dritten ‚Partei‘, die meistens als beteiligte schlicht vergessen geht: Mutter und/oder Vater. Auch sie spielen in familiären Verhaltensmustern eine Rolle, nicht immer tun sie dies bewusst. Vielleicht benötigen sie an einem Abend nach besonders anstrengendem Tag mehr Ruhe als sonst, tolerieren deshalb weniger Disput und greifen viel schneller durch. Klar sollte man sich nicht häufig so verhalten. Aber wenn Kinder nur selten wegen harmloser Streitereien getrennt werden, vielleicht eine Weile aufs Zimmer müssen, schadet dies kaum. Allerdings sollten die Eltern dann betonen, dass sie ausnahmsweise mehr Ruhe benötigen und dass ihr Eingriff weniger mit dem Verhalten der Kinder zu tun hat als mit ihren Bedürfnissen.
Ebenfalls zugunsten von Mutter und Vater kann das Eingreifen angezeigt sein, wenn Geschwister sich zwar nicht heftig, aber während Wochen praktisch pausenlos zoffen. In diesem Fall kann für ein paar Tage versuchsweise ein strengeres Regime aufgezogen werden: Kaum tolerierte Streits und längere räumliche Trennung. Hat man etwas Glück, verändert sich sogar die Beziehungsdynamik zwischen den Kindern nach der verordneten ‚Streitpause‘.

Autor: Reto Meisser