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04. April 2016

Nöimödigs Züg

Öffentlicher Abfallkorb
Kein Ort für den Abfall von zu Hause: Öffentlicher Abfallkorb.

Grossmutter war keine arme Frau mehr. Zuletzt nicht mehr. Aber die Sparsamkeit hatte sich ihr eingebrannt. Zwei Weltkriege hatte sie gesehen; hatte, jung verwitwet, als alleinstehende Frau zwei kleine Kinder durch die Nachkriegsjahre gebracht. Das ­hatte sie geprägt. Sie pflegte bis zum Tod ihr langes Haar – das sie allerdings immer zu ­einem Knoten hochband – mit ­einer Bürste, die sie 1938 erworben hatte.

Und wehe, man hätte ihr eine neue geschenkt! «Meine tuts noch lang», hätte sie trötzelnd gesagt und ihre uralte Bürste weiterbenutzt: Holzgriff, Schweineborsten. 63 Jahre lang war ihr das gut genug. Und jedes Mal, wenn ich alle paar Wochen eine neue Plastikbürste kaufe, weil daheim eine verlorengegangen und eine zweite defekt ist, muss ich leise beschämt an Grossmutter denken: «Meine tuts noch lang.»

Bänz Friedli entsorgt alles korrekt
Bänz Friedli (50) entsorgt alles korrekt.

Sie war 85, als in der Stadt die Kehrichtsackgebühr eingeführt wurde. Künftig hätte man jeden Abfallsack mit einer Vignette à zwei Franken bekleben müssen. Das missfiel ihr. «Nöimödigs Züüg», schimpfte sie. Und wenn ihr solch neumodiges Zeugs nicht in den Kram passte, verweigerte sie sich ihm, die stolze alte Frau. Dabei hatte sie, die ­Sparsame, kaum ­Abfall. Teuer wäre das nicht geworden. Doch sie münzte ihre alte Bescheidenheit – «Das lohnt sich doch nicht für mich allein» – in Dreistigkeit um: Ein Kehrichtsack, zwei Franken teuer? Lohnte sich doch nicht für sie allein. Sie hat nie eine solche Vignette gekauft.

Stattdessen schnitt sie immer, wenn sie einen Liter Milch leer getrunken hatte, die Milchpackung oben auf und füllte sie mit ihren Abfällen … Wobei sie Techniken der Zerkleinerung und des Stopfens ent­wickelte. Es dauerte Tage, bis ein Tetra-Pak-­Behälter voll war. Fassungsvermögen: ein Liter. Dann nahm sie die vollgestopfte Milch­verpackung mit auf einen ihrer ­Streifzüge, rüstig und gut zu Fuss, wie sie noch immer war, und warf ihn – schwupps! – an der Bushaltestelle Stöckacker in einen ­öffentlichen Kehricht­behälter. So sparte sie sich die Sackgebühr für den Rest ihres ­Lebens, immerhin elf Jahre lang. Und wehe, man hätte ihr eine Gebührenmarke geschenkt! Sie hätte sie im Tetra-Pak entsorgt.

Beobachte ich heute an der Bushaltestelle im Quartier ältere Leute, die weisse Plastiksäcklein mit ihrem Hauskehricht diskret in den öffentlichen Abfallkübel entsorgen wollen (dies aber so ungelenk «unauffällig» tun, dass es jedem auffällt), bin ich ihnen nicht böse. Ich schmunzle, muss an Grossmutter denken. Und dass ich ihre sture Art gemocht habe. 

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli