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02. April 2012

Noch mal Schwein gehabt

«Vergiss es, Vati!» Die Absage von Anna Luna war klipp und klar. «Wir sammeln diesmal bestimmt keine Panini-Bildchen mehr.» Nicht, dass ich es mir gross hätte anmerken lassen, ich häckselte in aller Coolness weiter meinen Sellerie, aber innerlich traf es mich wie ein Donnerschlag. Sollte es wirklich schon so weit sein? Sollte die kurze selige Zeit schon vorbei sein, da man die eigenen Kinder als Ausrede hatte brauchen können, weshalb man Panini-Bildchen sammelte? Das durfte nicht wahr sein, bei Dino Zoff, Mia Hamm, Roberto Baggio, Erich Hänzi und was an Fussballgöttinnen und -göttern mehr ist. Nein!

Sie lieferte auch gleich eine Begründung: «… Wenn die Schweizer nicht mitspielen.» — «Aber schau …», wähnte ich eine Chance aufscheinen, sie umstimmen zu können, «ich hab doch ewig Panini gesammelt, ohne dass die Schweiz je an einer Endrunde teilgenommen hätte! 1974, 1978, 1980, 1982 …» Ich zählte auf und auf, versuchte ihr das Sammeln mit dem Argument schmackhaft zu machen, wenn die Schweiz nicht qualifiziert sei, bliebe uns das Dilemma erspart, Basler einkleben zu müssen, die für die Nationalmannschaft kicken … Und ausserdem sei diesmal bestimmt der YB-Däne Michael Silberbauer im Heft! Vergebens. Wenn Anna Luna einen Entschluss gefasst hat, hat sie ihn gefasst: «Vergiss es, Vati!»

«Keine Frage: Wir sammeln!»
«Keine Frage: Wir sammeln!»

Aber es geht nichts über gute Göttis! Vorigen Samstag sind wir unterwegs zu einem ungeraden geraden Geburtstag meiner Mutter, an dem sich Kinder und Kindeskinder versammeln, und stossen schon im Postauto auf meinen Neffen, Hanslis Götti. Und der deckt unsere Kleinen sogleich mit je fünf Tüten ein: Panini! Kurz darauf treffen wir auf Anna Lunas Götti, auch er hat Bildchen für unsere Kinder dabei; schon sind sie angefixt, und jetzt ist es keine Frage mehr: Wir sammeln. «Vati! Lueg, doch, Vati! Der Silberbauer!!!» Da hab ich ja noch mal Schwein gehabt. Aber ein Warnschuss wars schon: dass man den Kinderkram, der einem so lieb ist, nicht ewig mit den eigenen Kindern wird teilen können — weil sie ihn eines Tages kindisch finden. Deshalb sollte ich wohl sogar die Ärgernisse geniessen. Wetten, dass ich dereinst die Momente vermissen werde, in denen ich unseren Sohn ermahnen musste, doch bitte, bitte endlich mal daran zu denken, sein Znüniböxli wieder nach Hause zu bringen? Noch sind diese Momente zahlreich: «Himmel, Hans, hast du schon wieder ein Böxli verloren? Muss ich denn jede Woche neue kaufen?» Und wo hat er den Zettel, den er heute seiner Lehrerin hätte abgeben sollen? Wo das Aufgabenbüchlein, das Mathi-Buch? «Musst du denn immer alles vergessen?!» Ich schimpfe, wir geraten mächtig aneinander.

Muss noch rasch einkaufen gehen, die frische Luft wird mir guttun. Als es dann an der Migros-Kasse ans Zahlen geht … Shit! Portemonnaie vergessen. Die Kassierin lacht nur: «Kann passieren.» Ich rase heim, beichte es dem Hans. Er hat sich inzwischen die Mathi-Aufgaben vom Nachbarsbuben besorgt (der sie seinerseits — weil er das Buch ebenfalls vergessen hatte — von einer Kameradin kopiert hatte), grinst auf den Stockzähnen, lässt sich den Triumph aber nicht anmerken und raunt nur: «So, so. Der Stamm steht nicht weit vom Apfel entfernt.»

Ich eile zurück in die Migros, Anna Luna ruft mir noch nach: «Bringst du neue Panini?» Und schon ist meine Welt wieder in Ordnung. Sehr in Ordnung.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Seine Internetseite: www.derhausmann.ch
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli